Sein zertrümmertes Gesicht will Lahav Shapira nicht zeigen - im Interview mit dem israelischen Sender N12 ist der 30-Jährige nur von hinten zu sehen, als er seine Geschichte erzählt. Der jüdische Student der Freien Universität Berlin kam in der Nacht zum Samstag verletzt ins Krankenhaus. Ein propalästinensischer Kommilitone soll ihn auf offener Straße in Berlin-Mitte geschlagen und getreten haben. Nun ist das Entsetzen groß.

Der Fall gilt nicht nur als erneuter Beleg für die Anfeindungen gegen Juden in Deutschland seit dem Massaker der Hamas in Israel vom 7. Oktober. Nicht nur als Zeichen für die bitteren Konflikte auf den Straßen wie auch an den Berliner Universitäten. Das Opfer ist zudem Enkel eines der Ermordeten des Olympia-Attentats von München 1972 und Bruder des Comedian Shahak Shapira.

„Dieser niederträchtige Angriff macht mich fassungslos“, schrieb Berlins Regierungschef Kai Wegner (CDU) am Montag auf der Plattform X, vormals Twitter. Kai Wegners klare Ansage: „Jüdische Menschen müssen sich in Berlin überall sicher fühlen - auch an unseren Universitäten!“

Freie Universität will rechtliche Schritte prüfen

Man sei „zutiefst entsetzt über den brutalen, mutmaßlich antisemitisch motivierten Angriff auf einen jüdischen Studenten unserer Universität“, teilte das Uni-Präsidium um Günter Ziegler mit. „Wenn sich bestätigt, dass der Täter Student der Freien Universität Berlin ist, wird die Hochschule umgehend die möglichen juristischen Schritte im Rahmen des Hausrechts prüfen und gegebenenfalls ein Hausverbot durchsetzen.“ Die Uni unternehme „alles in ihrer Kraft Stehende“, um eine Bedrohung jüdischer Studierender auf dem Campus zu verhindern, betonte die FU. Im Dezember war Ziegler von der Jüdischen Studierenden Union wegen Untätigkeit der Rücktritt nahegelegt worden. Er hatte dies jedoch abgelehnt.

Jüdische Gemeinde wünscht sich Solidarität und Polizeischutz

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Gideon Joffe, sagte gegenüber der Berliner Morgenpost, dass er sich mehr Polizeischutz wünscht. Wortwörtlich sagte er: „Es wäre fatal, wenn sich Jüdinnen und Juden in unserer Hauptstadt nicht mehr dauerhaft sicher fühlen könnten.“ Die Universitäten seien jetzt in der Verantwortung, stärker gegen Antisemitismus vorzugehen.

Weiter sagte er: „Die Verunsicherung und die Sorgen, die momentan unter unseren Gemeindemitgliedern herrschen, müssen langfristig wieder dem festen Glauben an gemeinsames, friedliches und sicheres Zusammenleben weichen.“ Dies werde nur mit mehr Polizeipräsenz auf den Straßen funktionieren. Aber ebenso sei die Solidarität der Mehrheitsgesellschaft dazu nötig.

Was die Polizei über die Tat bekannt gab

Die Berliner Polizei hatte unter der Überschrift „Streit zwischen Studenten eskaliert“ von dem Fall berichtet. „Zwischen dem 30-jährigen Mann jüdischen Glaubens, der proisraelische Ansichten in den sozialen Medien vertreten soll, und dem 23-jährigen Studenten, der eine propalästinensische Einstellung haben soll, habe sich zunächst ein Streitgespräch entwickelt“, hieß es im Polizeibericht.

„Im Verlaufe des Streits soll der Jüngere den Älteren unvermittelt mehrmals ins Gesicht geschlagen haben, sodass dieser stürzte. Auf den am Boden liegenden Mann soll der Kontrahent dann eingetreten und schließlich über die Torstraße in Richtung Ackerstraße geflüchtet sein.“ Der mutmaßliche Täter wurde gefasst. Wegen der möglichen politischen Motivation ermittelt inzwischen der Staatsschutz, wie eine Polizeisprecherin sagte. Sein Telefon soll beschlagnahmt worden sein. Geprüft werde auch eine mögliche antisemitische Motivation.

Lahav Shapira beschriebt Tat im Fernsehen

Laut Lahav Shapira und seiner Begleiterin sei der Gewalt kein Streit vorausgegangen, wie er im israelischen Fernsehinterview erklärte: „Er hat mir plötzlich einen Fausthieb von der Seite gegeben, und dann noch einen“, sagte der Verletzte im Krankenhaus. „Dann habe ich das Gleichgewicht verloren. Ich habe versucht aufzustehen, und dann hat er mir ins Gesicht getreten.“ Anschließend sei der Angreifer weggerannt. Das Interview des Sender Kanal 12 wurde auf Twitter veröffentlicht, die Jüdische Allgemeine hat es auf Twitter auszugsweise übersetzt.

Antisemitismusbauftragter äußert Entsetzen

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat ebenfalls auf den Vorfall reagiert: „Ich bin entsetzt über den gewaltsamen Angriff auf einen jüdischen Studenten am Wochenende mitten in Berlin“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am Montag. Sollten sich die bisherigen Anhaltspunkte erhärten, dann müsse den Täter die volle Härte des Gesetzes treffen. In diesem Fall solle die Freie Universität auch eine Exmatrikulation prüfen.

Die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion, Hanna Veiler, bemängelte Ende 2023 im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: „Es gibt kaum Konsequenzen für solche Studentinnen und Studenten.“ Dabei stellte die FU mehrere Strafanzeigen, viele davon wegen eines Hausfriedensbruchs im Zusammenhang mit einer Hörsaalbesetzung Mitte Dezember durch die Gruppe „FU Students for a Free Palestine“. Einige Gruppen kritisieren eine als einseitig empfundene Solidarisierung von Hochschulen mit Israel.

Lahav Shapira: Er wurde schon im Dezember an der FU bedrängt

Shahav Shapira brachte den Angriff auf seinen Bruder am Freitag klar in Verbindung mit dessen politischem Engagement: „Bei der Art und Weise, wie er in den letzten Monaten für seinen gerechten oder ungerechten Widerstand in der FU im Internet diffamiert und ,markiert‘ wurde, war diese Folge fast unvermeidbar und ich habe das von Anfang an befürchtet.“

Bereits im Dezember war Lahav Shapira von Kommilitonen bedrängt und geschubst worden, als er während einer propalästinensischen Kundgebung versuchte, Poster von entführten Geiseln aufzuhängen. Der Vorfall wurde von einem anderen Mitstudenten, der sich Carlo nennt, mit einem Handyvideo dokumentiert und auf X veröffentlicht.