Berlin befindet sich am Montag im Ausnahmezustand. Trillerpfeifen, Kuhglocken und das Hupen von Traktoren und Lkws schwängern die Luft. Ein scheinbar nicht endender Zug von Traktoren fährt über die Altonaer Straße ein. Ihr Ziel: die Siegessäule. Sie werden von winkenden Personen an der Straßenseite empfangen. Manche stehen einfach nur staunend da und halten ihr Smartphone auf die riesige Kolonne. „Endlich steht Deutschland auf!“, ruft ein Mann, der es offenbar kaum fassen kann, dass so viele kommen.
Es ist der vorläufige Höhepunkt einer bundesweiten Protestwoche von Landwirtinnen und Landwirten. Sieben Tage wurden im gesamten Land Autobahnauffahrten durch Traktoren blockiert oder Zugangswege zu Verteillagern großer Lebensmittelhändler besetzt, um gegen die Einsparpläne der Bundesregierung zu protestieren, die ein schrittweises Auslaufen der Agrardiesel-Subventionen vorsehen.

Nun zum Abschluss steht Berlin im Fokus. Die Zufahrtswege zur Siegessäule – mit Ausnahme des Spreewegs, der zur Residenz des Bundespräsidenten führt – werden von Traktoren, Baggern, Betonmischern, Lastkraftwagen und anderen Handwerksfahrzeugen zugeparkt. Die Menschen stehen gemeinsam vor brennenden Tonnen, sie grillen zusammen. Getränke, Snacks und Würste werden kostenlos verteilt. Das verbindende Element: die Kritik an der Koalition von SPD, Grüne und FDP.
Bauern-Demo in Berlin - die Bilder
Verzweifelte Bauern: „Kfz-Steuer war nur der letzte Tropfen“
Der Landwirt Christian Fischer hat gerade nichts zu lachen: „Uns steht das Wasser bis zum Hals“, klagt der 50-Jährige. „Ich arbeite 70 Stunden die Woche, seit ich 18 Jahre alt bin. Aber am Ende muss ich vielleicht trotzdem Dosen sammeln. Und ich habe keine Perspektive, denn Nachwuchs gibt es in der Landwirtschaft auch nicht. Keiner will heutzutage mehr arbeiten.“ Frerk Arfsten, Landwirt aus Sachsen-Anhalt findet: „Das mit der Kfz-Steuer war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.“

Proteste in Berlin: „Die Unzufriedenheit betrifft nicht nur Landwirte“
Obstbauer Markus Puder ist im Zug nach Berlin gereist, um an den Protesten teilzunehmen. Der 47-Jährige findet, dass „die Unzufriedenheit nicht nur Landwirte betrifft, sondern alle.“ Das Land müsse mit mehr Logik geführt werden. Die FDP war für ihn „die größte Enttäuschung“. Lindner werde der eigenen Maxime nicht gerecht: „Besser nicht regieren, als schlecht regieren“. Martin Bogenschütz ist extra aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis nach Berlin gereist. Er trägt ein Papp-Schild, auf dem steht: „Ich brauch keinen Sex, die Ampel fickt mich jeden Tag!“

Mehrheit der Demonstrierenden sieht sich „nicht in rechter Ecke“
Vereinzelt sind Flaggen der Landvolkbewegung zu sehen – einer historischen Bewegung aus revoltierenden Landwirten, die zum Aufstieg der NSDAP beigetragen haben soll. Ein Indiz dafür, dass die Bauernproteste von rechts unterwandert sind, wie der Vorwurf in der letzten Zeit immer wieder heißt? Ein Landwirt, der nicht namentlich genannt werden will, sagt: „Wir wollen nicht in die rechte Ecke geschubst werden. Wir wollen doch friedlich argumentieren.“ Um ihn herum viel Nicken und Zustimmung. Auf einigen Plakaten steht: „Landwirtschaft ist bunt, nicht braun!“
Auch die Unternehmerin Sarah Müller aus Berlin ist unzufrieden, doch sie sieht die derzeitigen Proteste zu Unrecht als „rechts“ gebrandmarkt. Auf ihrem Schild steht der Slogan: „Wird der Bürger unbequem, ist er plötzlich rechtsextrem!“ Sie wünscht sich dringend eine Änderung der Politik: „Wir brauchen einen Bürokratieabbau, der Staat ist übergriffig. Für die ganze Welt ist Geld da, nur für uns nicht.“
Christian Lindner: Seine Rede wird von der wütenden Menge übertönt

Die Wut auf die Regierungsparteien wird besonders deutlich, als die Kundgebung vor dem Brandenburger Tor beginnt. Deutschlandfahnen mit Bananensymbol versperren teilweise die Sicht auf die Bühne. Dort greift Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbands, den angestauten Frust der Protestierenden auf, betont aber zeitgleich, dass weiterhin Gesprächs- und Kompromissbereitschaft aufseiten der Landwirtschaft bestehe.
Eine Meinung, die offensichtlich nicht im gesamten Publikum geteilt wird. Als Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) als Vertretung der verhassten Ampelregierung auf die Bühne tritt, beginnt das große Pfeifkonzert. Die Menge skandiert „Lindner, du Schwindler“, „Hau ab!“ und „Ampel raus!“: Der Ton ist rau, die Stimmung bei diesem eiskalten Wetter aufgeheizt.
Lindner muss kurzzeitig unterbrechen. Rukwied übernimmt und ruft die empörte Menge zur Rücksichtnahme auf. Allerdings schafft es der Bundesfinanzminister nicht, Ruhe hineinzubringen. Bei Lindners Appell für „mehr Vertrauen in die Politik“, rasten einige Demonstrierende vollends aus. Im Publikum wird Pyrotechnik gezündet. Schwarzer und roter Rauch zieht über die Menge hinweg. Irgendwo explodiert ein Böller. Die Wut ist so groß wie das Misstrauen.













