Berlin-Tourismus

Schlafen wie der Mann im Mond

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Rothe
Hotelgast Alexander Rothe sitzt  am 15. Februar 2022 in ihrem Space Night Hotel an der Leipziger Straße in Berlin Mitte in seiner Schlafkabine und liest ein Buch. 

Hotelgast Alexander Rothe sitzt  am 15. Februar 2022 in ihrem Space Night Hotel an der Leipziger Straße in Berlin Mitte in seiner Schlafkabine und liest ein Buch. 

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Im Space Night Capsule Hostel in Berlin kann man in einer Raumschiffkapsel übernachten. Unser Reporter hat einmal Probe gelegen.

Berlin. Es ist still. Nur das konstante Rauschen des Weltraums, das sich mit der Stille vereint – beruhigend, fast meditativ. Das Geräusch lässt unendliche Weiten voller Leere erahnen. Inmitten dieses schwarzen Nichts schwebe ich in einer hellen Kapsel. Oben, unten, rechts und links: Alles ist hell-weiß und wirkt steril. Die verschiedenförmigen Einkerbungen in den Wänden deuten darauf hin, dass die Architektin oder der Architekt aufgrund des engen Raums vor allem die Funktionalität im Blick hatte. Links von mir befindet sich der Bordcomputer mit verschiedenen Knöpfen, Schaltern und einem Zahlenfeld. Was hat wohl welche Funktion?

Als ich an einem Schalter drehe, verschwindet das Weltraumrauschen. Die Lüftungsanlage geht aus und bringt mich wieder auf die Erde zurück. Ich schwebe nicht in einem Raumschiff durch die Milchstraße, sondern liege in einem Hostelzimmer in der Leipziger Straße. Genauer: in einer Schlafkapsel des Space Night Capsule Hostels in Berlin Mitte, das im Im Juli 2021 eröffnet wurde und an Filme wie „Das fünfte Element“ erinnert.

Auf rund zwei Quadratmetern können Besucherinnen und Besucher erfahren, wie es sich anfühlen muss, in einer Raumstation zu schlafen – ab 35 Euro pro Nacht.

Jeder Zentimeter des komprimierten Raums muss genutzt werden. Auf einer Wandseite ist ein ausklappbarer Tisch angebracht, der in seiner Halterung keinen Platz wegnimmt. Er dient als Ablage beispielsweise für Laptops, für deren Stromzufuhr jedoch Steckdosen fehlen – Brandschutzgefahr. Der „Bordcomputer“ hat jedoch zwei USB-Eingänge, an denen Smartphones und andere Gerätschaften aufgetankt werden können. Er ist außerdem mit einem Bildschirm ausgestattet, der die Temperatur und die Uhrzeit anzeigt.

Mit den darunterliegenden Knöpfen lässt sich zwar keine Lichtgeschwindigkeit einstellen, dafür aber die Farbe des Lichts regulieren – entweder grell leuchtend oder angenehm bläulich. Über dem „Bordcomputer“ hängt ein großer Spiegel, durch den die enge Kapsel an Raum gewinnt und meiner leicht ausgeprägten Klaus­t­ro­pho­bie entgegenwirkt.

In drei „Districts“ sind 55 Kapseln zweistöckig übereinandergestapelt und in langen Reihen angeordnet. Um in die oberen Schlafplätze zu gelangen, müssen Gäste eine Treppe mit drei Stufen aufsteigen. Die meisten Kapseln sind für Einzelpersonen geeignet, doch es gibt auch größere mit zwei Matratzen. Aufgrund des begrenzten Raums lassen sich Rucksäcke und Koffer in Spinds verstauen.

Idee stammt aus Japan

Die Idee brachte Guido Sand, einer der beiden Geschäftsführer, aus Japan mit, wo er ein Jahr verbracht hatte. Dort gibt es seit den 1970ern das Konzept von Schlafkapseln.

„Merkwürdigerweise ist niemand dort auf die Idee gekommen, die futuristisch aussehenden Kapseln mit dem Thema Raumfahrt zu verbinden“, erklärt Daniel Helbig, der andere Geschäftsführer. Die beiden Unternehmer sind spezialisiert auf die Schlaferlebnis-Branche und haben bis kurz vor dem Ausbruch der Pandemie ein Hostel im DDR-Stil am Ostbahnhof betrieben. In einem Plattenbau konnten Gäste dort zwischen Blümchentapeten schlafen.

„In den ersten sechs Monaten haben wir eine sehr gute Auslastung gehabt“, so Helbig. Die Wochenenden seien komplett ausgebucht gewesen und unterhalb der Woche habe die Belegung bei rund 80 Prozent gelegen. Durch die Einschränkungen im Dezember seien die Buchungszahlen jedoch stark zurückgegangen, weshalb das Hostel nur am Wochenende geöffnet ist. Ab März soll sich wieder ändern, wenn die Corona-Beschränkungen langsam gelockert werden.

Gespenstische Ruhe in den Gängen

Die Klappen der Kapselreihe gegenüber sind geschlossen. Lediglich ein Paar Schuhe vor einer Nachbarkapsel verrät, dass ich nicht der Einzige bin. Es ist Sonnabendabend und viele Besucher sind möglicherweise auf der Suche nach der Schwerelosigkeit des Berliner Nachtlebens.

Ich jedenfalls bin auf der Suche nach Astronautenkost und verlasse meine Weltraum-Kajüte. In einer Neonröhre an der Decke zieht blaues Licht in regelmäßigen Abständen von einer Seite zur nächsten. Das grelle Licht meiner Kapsel erscheint in dem dunkelblau-gehüllten Gang gespenstisch. Die Stille tut ihr Übriges.

Auf dem Hauptgang habe ich Erstkontakt mit einem weiteren Hostelgast. Mit einem flüchtigen „How are you?“ zieht die maskierte Person in dem dunkelblauen Gang an mir vorbei, ohne dass ich sie erkenne. Die Sprache auf diesem Planeten ist Englisch.

Im Gemeinschaftsraum angekommen, begegne ich lediglich einem Astronauten, der von der Decke hängt, jedoch keinem weiteren Hostelgast. Nachdem ich mir einen Snack am gegenüberliegenden Automaten geholt habe, nehme ich neben dem Weltraumreisenden auf einer der weißen Bänke aus Hartplastik Platz. An einer Wand dreht sich die Erde zu leiser atmosphärischer Musik. Hin und wieder reißt mich das Geräusch der Eingangstür aus meinen Raumfahrtfantasien raus, wenn Hostelgäste durch die große schwarze Schiebetür eintreten und sofort in den dunkelblauen Gängen verschwinden. Es besteht keine große Kontaktfreude.

Gestärkt von meinem Snack, begebe ich mich zurück zu meiner Schlafkapsel. Sie öffnet sich mit einem kurzen mechanischen Klick, der einer Bohrmaschine ähnelt. Schuhe aus, Lüftung an und Licht gedimmt. Mit dem weichen Kissen lehne ich mich an der harten Plastikwand an und lausche erneut dem Rauschen des Weltalls.

Langsam fallen meine Augen zu und der enge Raum um mich herum weicht der träumerischen Welt der Galaxien.