Clans in Berlin

Attacken in Wedding: „Bist Du Tschetschene?“

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Nasser Remmo wurde von seinen Anwälten Detlef Kolloge (vorn) und Philipp Stucke vertreten.

Nasser Remmo wurde von seinen Anwälten Detlef Kolloge (vorn) und Philipp Stucke vertreten.

Foto: Philipp Siebert

Nasser Remmo soll an der brutalen Attacke auf mehrere Männer beteiligt gewesen sein. Nun steht er dafür vor Gericht.

Berlin. Clan-Mitglied Nasser Remmo kennt das Gerichtsgebäude an der Moabiter Turmstraße gut. Schon viele Male hat er dort auf der Anklagebank gesessen – wegen Gewaltdelikten, wegen Drogenhandels oder wegen Waffenvergehen. Seit Mittwoch muss sich der 44-Jährige, der einem polizeibekannten libanesisch-stämmigen Clan angehört, dort erneut verantworten. Die Anklage vor dem Amtsgericht Tiergarten lautet diesmal auf gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch.

Nasser Remmo wird vorgeworfen, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im November 2020 am Bahnhof Gesundbrunnen an brutalen Attacken auf mehrere tschetschenisch-stämmige Männer mit fünf zum Teil Schwerverletzten beteiligt gewesen zu sein. Die Opfer wurden laut Anklage aus einer Gruppe heraus mit Fäusten, Schlagstöcken und Eisenstangen malträtiert, in zwei Fällen wurde zugestochen.

Nasser Remmo vor Gericht: Opfer verlor das Bewusstsein

„Ich habe einen Schlag gegen die Stirn bekommen, dann habe ich nichts mehr gesehen“, sagte Adam A. im Zeugenstand. Laut Anklage sollten acht weitere Schläge folgen. Der 24-Jährige gehörte zu den drei Opfern des ersten Angriffs, der am 7. November gegen 22 Uhr erfolgte.

Wie viele Männer ihn angegriffen haben, wisse er nicht mehr, so A. weiter. Er habe neben einem Kollegen auf dem Beifahrersitz eines geparkten Autos gesessen, als sie gekommen seien. „Die haben nur zwei Fragen gestellt“, so A. weiter. Die erste nach einem ihm unbekannten Mann. Die zweite: „Bist du Tschetschene?“ Als A. das bejahte, habe er die „Schläge kassiert“.

Messer in Rücken gestochen

Auch die anderen beiden Opfer des ersten Angriffs wurden als Zeugen geladen, allerdings erschien einer von ihnen nicht. Dabei handelt es sich ebenfalls um einen Tschetschenen, der laut Anklage von mindestens drei Männern zu Boden gedrückt und festgehalten wurde, „während die weiteren Mittäter abwechselnd auf diesen mit ihren Händen und bei sich geführten Schlagstöcken und Eisenstangen“ eingeschlagen hätten.

Nachdem ihm ein Messer in den Rücken gestochen worden sei, habe er „aufgrund des Blutverlustes das Bewusstsein“ verloren. Er erlitt dabei unter anderem ein Schädel-Hirn- sowie ein Thorax- und Bauchtrauma. Bei dem dritten Opfer handelte es sich um einen Unbeteiligten, der einschritt. „Ich wollte die auseinanderbringen, da habe ich einen Schlag gegen den Hinterkopf bekommen“, so der 32-Jährige.

Sieben weitere Tatverdächtige identifiziert

Alles sei binnen weniger Minuten passiert, habe „sehr gut organisiert“ gewirkt, sagte ein weiterer Zeuge aus. Nach dem Angriff seien mehrere Fahrzeuge – zum Teil ohne Nummernschild – „in der Finsternis verschwunden“. Vorher hätten die Täter immer weiter auf die Opfer eingeschlagen und nicht aufgehört, hieß es von einer weiteren Augenzeugin.

Der zweite Angriff, der am Folgetag gegen 17.30 Uhr erfolgte, war ebenso brutal. Diesmal sollen es 20 Täter gewesen sein, die zwei Männer attackierten. Neben Nasser Remmo sind davon laut Anklage bislang sieben weitere identifiziert, von denen einige denselben Nachnamen wie der Angeklagte tragen. Die Opfer der zweiten Attacke, Shamkhan M. und Ali S., treten im Prozess als Nebenkläger auf und sagten ebenfalls aus.

Er sei vom Gebet gekommen, so der 31 Jahre alte M., als er einen Schlag ins Genick bekommen habe und bewusstlos geworden sei. Als er kurz wieder wach wurde, habe er seinen Freund Ali S. gesehen, der ebenfalls auf dem Boden lag und blutete. Dieser wurde zunächst ebenfalls geschlagen, bevor ihm die zehn Zentimeter lange Klinge eines Klappmessers in die Lendengegend gestochen wurde. Der 44-Jährige erlitt „lebensbedrohliche Schnittverletzungen zentral über dem Lendenwirbel“, so die Anklage. Ali S. konnte dank einer Notoperation gerettet werden.

Angreifer wollten vorherigen Überfall gewaltsam vergelten

Bei beiden Attacken hätten die Täter die Absicht verfolgt, „ihnen im Einzelnen unbekannte Personen der ethnischen Volksgruppe der Tschetschenen zu verletzten“. Motiv dafür ist nach Erkenntnissen der Ermittler Rache gewesen. Denn mehrere Stunden vor der ersten Attacke am 7. November stürmten mehrere Männer einen Spätkauf an der Neuköllner Wildenbruchstraße, der Nasser Remmo gehören soll. Rund 30 Personen sollen mit Messern, Möbeln und Wasserpfeifen aufeinander losgegangen sein, mehrere wurden zum Teil schwer verletzt. Bei den Angreifern soll es sich um Tschetschenen gehandelt haben, was es laut Anklage galt, „gewaltsam zu vergelten“.

Nasser Remmo verfolgte all die Aussagen, ohne eine Miene zu verziehen. Äußern wollte er sich zu den Vorwürfen nicht. Da der Intensivtäter nach seiner letzten Entlassung aus dem Gefängnis eine elektronische Fußfessel trug, kamen die Ermittler dank GPS-Daten schnell auf seine Spur. Remmo wurde als 17-Jähriger das erste Mal wegen Drogenhandels verurteilt, zahlreiche weitere Verfahren folgten.

Bislang hat er 15 seiner 44 Lebensjahre hinter Gittern verbracht. Im Februar wurde er im Zusammenhang mit mehreren Razzien gegen den Clan festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Er steht außerdem im Verdacht, in Rauschgiftgeschäfte verwickelt zu sein. Der aktuelle Prozess soll am 28. Juli fortgesetzt werden.