Kultur

Zweiter Anlauf für die Karl-Marx-Allee als Unesco-Welterbe

Vier Kunstwerke sollen Besucher der Magistrale anziehen. Eine Vorbereitung auf 2022, wenn die Unesco-Stätten nominiert werden.

Die Karl-Marx-Allee und ihre charakteristische Bebauung im Zuckerbäckerstil.

Die Karl-Marx-Allee und ihre charakteristische Bebauung im Zuckerbäckerstil.

Foto: Maurizio Gambarini/Funke Foto Services

Berlin. Nachdem der Senat mit dem Umbau der Karl-Marx-Allee in Mitte mehr Grün schaffen will, soll nun auch das ganze Viertel aufgewertet werden. Die Gebäude vom Strausberger Platz bis zum Alexanderplatz, auch "Zweiter Bauabschnitt Karl-Marx-Allee" genannt, gelten als so bedeutend, dass der Senat sie gerne als Unesco-Welterbe sehen würde. Die Prüfungen dazu laufen bereits im Hintergrund. Im Jahr 2022 können die Behörden den Vorschlag an die Kultusministerkonferenz geben, die mögliche Unesco-Stätten in Deutschland nominieren. Ein erster derartiger Anlauf scheiterte 2013.

116.000 Euro stehen für die Kunstwerke zur Verfügung

Deshalb will die Politik mit dem Projekt „Kunst im Stadtraum Karl-Marx-Allee“ die Straße bewerben – mit moderner Kunst für die Moderne von einst. Künstler sollen sich in diesem Jahr mit der Magistrale befassen und Besuchern die historische Bedeutung, aber auch die künftige Rolle zugänglich machen. Laut Bezirksamt Mitte stehen dafür 116.000 Euro zur Verfügung – das sind 29.000 Euro pro Kunstwerk.

Das Umfeld der früheren Stalinallee gilt als Paradebeispiel für monumentale sozialistische Architektur der Nachkriegsjahre. Den Grundstein des Boulevards legte der frühere DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl am 3. Februar 1952. In einem ersten Bauabschnitt entstand aus vom Krieg zerstörten Häusern von der Proskauer Straße bis zum Strausberger Platz ein belebtes Stadtgebiet. Den zweiten Bauabschnitt errichteten Bauarbeiter ab 1959 bis Ende der 1960er-Jahre. Es wurden mehrstöckige Plattenbauten im Zuckerbäckerstil hochgezogen, davor große weitläufige Grünflächen.

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Karl-Marx-Allee und Hansaviertel sollen gemeinsam aufgenommen werden

Diesen historischen Hintergrund verarbeiten nun Künstler wie Anton Steenbock und Peter Behrbohm. Am 15. September wollen Steenbock und Behrbohm zwei überdimensionierte Cowboys auf Pferden auf dem Mittelstreifen der Karl-Marx-Allee aufstellen. „Jagd auf die große Bärin“ heißt das Werk. Die Reiter stehen auf einem Grünstreifen zwischen dem Kino International und dem Haus des Lehrers und blicken nach Osten in Richtung eines Lagerfeuers, das zwischen dem Kosmetiksalon Babette und dem Strausberger Platz platziert werden soll. Die Figuren sind in der ehemaligen DDR keine Unbekannten. Es handelt sich um zwei Lisanto-Figuren, mit denen Kinder früher in den Wohnzimmern spielten.

Zwischen 2018 und 2019 gab es bereits ein ähnliches Pilotprojekt wie das an der Karl-Marx-Allee unter dem Namen „Kunst im Stadtraum am Hansaplatz“. Damals ließ unter anderen ein Schäfer seine Schafe am Hansaplatz weiden. Zufall ist das nicht. Das Hansaviertel ist die Antwort auf die Bauten an der Karl-Marx-Allee. „Als Schaufenster des Westens“ angepriesen, galt es als Vorzeigeobjekt moderner Stadtplanung. Dieses architektonische Kräftemessen von Bundesrepublik und DDR soll zum Welterebe erklärt werden.

Auch Anwohnerinnen und Anwohner werden eingebunden

Wenn sich die Kunstprojekte mit der Karl-Marx-Allee beschäftigen, müssen auch diejenigen zu Wort kommen, die dort leben. Im Frühjahr 2021 suchen die drei Künstlerinnen Michaela Schweiger, Ingeborg Lockemann und Inken Reinert Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels für drei Stadtspaziergänge. Sie sollen nach Vorstellung der Künstlerinnen drei Entwürfe aus der früheren DDR-Frauenzeitschrift „Sibylle“ schneidern. Die Entwürfe sollen dann mit Anwohnerinnen und Anwohnern als Fotos inszeniert werden, die etwa am Haus des Lehrers und am Café Moskau ausgestellt werden.

Provokant setzt sich der Berliner Künstler Sven Kalden mit einem Problem an der Karl-Marx-Allee auseinander, das in ganz Berlin eine Rolle spielt: Wohnen. Mit einer Neugründung der fiktiven Lina Braake Bank will er dem Mietenwahnsinn in der Hauptstadt entgegentreten. Die Bank ist nach dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1975 benannt, in der eine alten Dame ihr Recht auf selbstbestimmtes Wohnen gegenüber einer profitorientierten Bank durchsetzen will. Kalden bringt Texttafeln mit dem Namen der Bank an der Karl-Marx-Allee 5-11 an. Ergänzt wird das um den Schriftzug „Wir machen uns das Geld jetzt selbst!“ und einem Container vor dem Gebäude – der „Bankfiliale“. Alles soll ab Juni 2021 zu sehen sein.

Bis zum 17. Januar sind die Beiträge am Kino International ausgestellt

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Zweiten Bauabschnitts sollen in dem Projekt „Simultaneity“ von Joachim Blank, Karl Heinz Heron und Robert Sakrowski verschmelzen. Mithilfe von moderner Technik und eines Smartphones sollen historische und fiktive Artefakte gleichzeitig in der Gegenwart vor Ort für Besucherinnen und Besucher erlebbar sein.

Alle Wettbewerbsbeiträge werden bis zum 17. Januar am hinteren Schaufenster des Kino International, Karl-Marx-Allee 33, 10178 Berlin, Richtung Rathaus Mitte vorgestellt oder auf der Programmwebseite.