Straßenverkehr

Neubau der Mühlendammbrücke: „Das ist schizophren“

Die Verkehrsverwaltung hat die Neubaupläne der Mühlendammbrücke in der historischen Mitte vorgestellt. Die Kritik daran ist immens.

Die Mühlendammbrücke gilt Kritikern wegen ihrer Dimension als autobahnähnlich.

Die Mühlendammbrücke gilt Kritikern wegen ihrer Dimension als autobahnähnlich.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Dimensioniert wie eine Autobahn überspannt die Mühlendammbrücke die Spree. Mit einer Breite von fast 46 Metern dominiert der graue Betonbau zwischen Fischerinsel und Nikolaiviertel den historischen Stadtkern Berlins an dieser Stelle. Daran soll sich auch nach dem nötigen Neubau kaum etwas ändern, kritisieren Initiativen, Parteien und der Bezirk Mitte.

Seit langem streiten sie erbittert mit der Senatsverkehrsverwaltung darum, dass der Neubau kleiner ausfällt. Um die aktuellen Pläne vorzustellen und das Thema mit Betroffenen und Interessierten zu besprechen, lud die Verkehrsverwaltung Montagabend zu einer digital übertragenen Informationsveranstaltung.

Neubau der Mühlendammbrücke soll 39 Meter breit werden

„Der Zustand der Brücke ist schlecht“, sagte Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese (Grüne) am Abend. Es zeigten sich Materialermüdungen. Unklar sei deshalb, wann stärkere Einschränkungen des Verkehrs nötig würden. Ein schneller Neubau sei deshalb unumgänglich. „Wir wollen die Brücke jetzt zukunftsfest machen und stärker dem Umweltverbund widmen.“

Das Haus von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) hatte kürzlich die neuen Maße für das Bauwerk bekannt gegeben. Die Brücke soll demnach künftig mit 39 Metern mehrere Meter schmaler ausfallen als jetzt. Platz finden soll darauf eine Trasse für die künftig vom Alexanderplatz zum Kulturforum führende Tram, zwei Fahrstreifen je Richtung für den Autoverkehr, eine Busspur, die ab Betriebsstart der Tram zum Radweg wird sowie Bürgersteige.

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Scharfe Kritik an Plänen der Verkehrsverwaltung für die Mühlendammbrücke

Doch auch bei dieser bereits verschmälerten Version hatte es zuletzt Kritik gehagelt. Erst Ende vergangener Woche hatten sich 18 Anwohnerinitiativen, Vereine und Verbände, darunter die Verkehrswendeinitiative Changing Cities, der BUND Berlin und der Fußgängerverband FUSS e.V. gegen die aktuellen Pläne der Verkehrsverwaltung ausgesprochen. Noch immer sei die Brücke viel zu breit, monierten sie, vor allem wegen der je zwei Richtungsfahrspuren für den Autoverkehr.

Zu einem der schärfsten Kritiker der bisherigen Planung gehört Ephraim Gothe (SPD). Der Baustadtrat und stellvertretende Bürgermeister des Bezirks Mitte verwies auf die „brachiale Gradlinigkeit der Trassenführung“. Schon seit 1994 habe der Flächennutzungsplan vorgesehen, die Hauptstraßen aus dem Stadtzentrum zu drängen. „Was raus muss ist der Durchgangsverkehr und der Pendlerverkehr“, sagte Gothe. Dann würde auch eine Spur je Richtung ausreichen. In Zeiten wachsender Klimaprobleme sei es unbegreiflich, eine solche Planung voranzutreiben, so Gothe. „Ich erwarte von der Verkehrsverwaltung, dass sie sich mit mehr Elan einen Kopf macht, wie der Lieferverkehr anders organisiert werden kann.“

Initiativen wollen nur noch eine Fahrspur auf der Mühlendammbrücke

Dem widersprach Streese. Pläne für schmalere Brücken beruhten auf veralteten Prognosen. „Da ging man davon aus, die Stadt wächst nicht.“ Heute würden 73.000 Fahrzeuge täglich die Stelle queren. Zur Fertigstellung der Brücke in sieben bis acht Jahren prognostiziere man mit „knapp über 60.000“, so Streese. „Wir wollen ein Nadelöhr vermeiden.“ Dazu käme es auch, weil die Straße am nahen Molkenmarkt dreispurig verlaufe. Werde nur eine Fahrspur geplant, würde es sich zudem nicht mehr um einen Ersatzneubau handeln, sagte der Staatssekretär. Ein Planfeststellungsverfahren würde nötig. „Das können wir uns beim Zustand der Brücke nicht erlauben.“

Dies betonte auch Lutz Adam, Abteilungsleiter für den Bereich Tiefbau in der Verkehrsverwaltung. „Wir müssen so schnell, wie es geht, in den Ersatzneubau hereinkommen.“ Der Verkehr erfordere aktuell eine Breite von mehr als 39 Metern. „Mit einer schmaleren Brücke würden wir bei einem Planfeststellungsverfahren scheitern.“

Planung der Mühlendammbrücke: „Das ist schizophren“

Anders sehen es die zahlreichen Initiativen. „Unsere Rechnungen zeigen, dass ein Fahrstreifen je Richtung zusammen mit der Tram ausreichend ist“, sagte Stefan Lehmkühler der Berliner Morgenpost, Verkehrsplaner und Sprecher bei Changing Cities. Demnach könnten durch Verlagerung der Personenströme auf die Tram auch bei einem Fahrstreifen täglich etwa 70.000 Personen die Brücke passieren. „Das ist eine Berechnung mit der man vor Gericht bestehen kann.“ Und die Brücke müsste dann nur gut 32 Meter breit werden.

Spätestens einige hundert Meter weiter westlich auf der Leipziger Straße solle die Straße künftig ohnehin einspurig verlaufen, erklärte Benedikt Goebel von der Gesellschaft Historisches Berlin. So sehe es die Vorzugsvariante der Senatsverwaltung für den Bau der Straßenbahntrasse vor. „Das ist schizophren, der Senat widerspricht sich damit selbst“, sagte Goebel. „Was der Senat da plant, ist das Ende der Verkehrswende.“

Anwohner beklagen fehlende Bürgerbeteiligung bei der Mühlendammbrücke

Die Leipziger Straße sei der am dichtesten besiedelte Bereich in Mitte, „und der mit der stärksten Belastung an Lärm und Verkehr“, sagte Hendrik Blaukat von der Anwohnerinitiative IG Leipziger Straße. Er forderte angesichts der in seinen Augen unzureichenden Planungen eine weitreichende Bürgerbeteiligung. „Das kann hier nur der Auftakt sein.“

Daraus dürfte allerdings nichts werden. Trotz der breiten Kritik, am eingeschlagenen Weg dürften Verkehrs- und Stadtentwicklungsverwaltung daran festhalten. In Kürze soll auf den bisherigen Plänen ein Architektenwettbewerb ausgelobt werden. Dieser solle auch ausloten, wie die Brücke gestaltet werden könnte, sollte für den Verkehr in Zukunft doch irgendwann nur noch eine Spur nötig sein. „Eine breite Brücke heißt nicht automatisch, dass da immer Autos fahren“, sagte Streese. „Wir halten uns alle Möglichkeiten offen, um am Ende noch auf eine Spur je Richtung zu reduzieren.“

Was den Bau betrifft, würden die Anwohner und Interessierten dann allerdings nicht mehr mitreden können, machte Baustadtrat Gothe klar. „Wenn der Wettbewerb ausgelöst wird, ist es nicht mehr möglich auch nur eine Vorgabe zu ändern.“