Kieztour

Blinde zeigen Sehenden ihren Berliner Kiez

Bei einem gemeinsamen Spaziergang durch Mitte lernen die Teilnehmer, welche Herausforderungen Berlin für blinde Menschen bietet.

Eine blickdichte Brille gibt den Teilnehmern ein Gefühl dafür, welche Herausforderungen Blinde in Berlin haben.

Eine blickdichte Brille gibt den Teilnehmern ein Gefühl dafür, welche Herausforderungen Blinde in Berlin haben.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Wie kommen Menschen, die nicht sehen können, in ihrem Alltag zu Recht und wie nehmen sie ihre Umwelt wahr? Für viele sehende Menschen ist es schwer vorstellbar, mit wie viel Konzentration und Anstrengung selbst kleinere Alltagssituationen, wie etwa Putzen und Kochen, verbunden sind.

Kerstin Gaedicke (52) und Alexander Dörrbecker (46) sind von ihrer Geburt an blind. Und sie wollen anderen, sehenden Menschen einen Einblick in ihr Leben geben – bei einem Spaziergang durch den Bezirk Mitte. Veranstaltet wird die Kieztour in Zusammenarbeit mit dem Caritasverband Berlin.

„Unser Ziel ist es, die Leute für mehr Barmherzigkeit zu sensibilisieren und, dass sie am Ende ihren Kiez mit neuen Augen sehen lernen“, erklärt Pastoralreferentin Carla Böhnstedt. Seit mehr als vier Jahren organisieren sie regelmäßig Touren zu sozialen Themen.

Teilnehmer bekommen blickdichte Brillen

An diesem Morgen haben sich Gaedicke und Dörrbecker mit rund 20 Personen am Monbijoupark getroffen, um ihnen die Stadt aus ihrer Perspektive zeigen. Wie es sich anfühlt, blind durch die Stadt zu laufen, durften die Teilnehmer sogar am eigenen Leib erfahren. Dafür hat Gaedicke blickdichte Brillen mitgebracht, mit denen die Teilnehmer durch den Park irrten. „Es fühlt sich merkwürdig an und ich habe das Gefühl, kein richtiges Gleichgewicht mehr zu haben“, sagte Christina Maring (33). Sie beschrieb, dass sie nur noch vage einige Farben und Formen erkennen könne. Abstände einzuschätzen fiel ihr schwer - geradewegs lief sie auf Pfützen und Poller zu. Das Bellen eines Hundes, der mehrere Hundert Meter entfernt war, nahm sie dafür viel aufmerksamer war.

Geadicke erzählte, was ihr helfe, sich draußen zurecht zu finden. Ihr Blindenstock etwa. Außerdem könne sie sich durch Leitlinien oder akustische Ampeln besser orientieren. Darüber hinaus habe sie bei einem lebenspraktischen Training gelernt, wie sie alltägliche Aufgaben wie Kochen bewerkstelligen kann. „Putzen tue ich immer systematisch, wobei ich immer gleich alles in einem Rutsch sauber mache, so kann ich nichts übrig lassen“, erzählte sie.

Außerdem habe sie bei dem Training Tricks gelernt, die ihr beim Kochen helfen würden. „Ob das Wasser kocht, kann man beispielsweise am Blubbern hören und Öl hört man, wenn es heiß genug ist, in der Pfanne brutzeln.“ Bei Gewürzen könne sie sich am Geruch orientieren, und um die richtige Menge abzuschätzen, nehme sie das Salz und den Pfeffer zwischen die Finger. Spezielle Schneidetechniken helfen sich beim Kochen nicht zu verletzen „Ich nehme das Messer und schneide ganz vorsichtig an meinen Fingerspitzen entlang“, erklärt Dörrbecker. Einige Lebensmittel beschrifte er in Blindenschrift. Ganz wichtig sei vor allem, die Sachen immer an denselben Platz zu stellen.

Herausforderungen für Blinde in Berlin kennenlernen

Als nächstes sollte die Gruppe eine 400 Meter lange Strecke in Richtung zur Synagoge zurücklegen - wieder mit der blickdichten Brille. Auf dem schmalen Gehweg schlängelte sich die Gruppe zwischen Autos und Passanten vorbei. „Mir kommt vor allem das Tempo viel zu schnell vor und ich muss mich sehr konzentrieren, nirgendwo gegen zu laufen“, sagte Christinas Freundin Daniela Kolberg (32). „Ich komme mir blind plötzlich so nackt und hilflos vor.“

Zu Beginn machten sie auf die Herausforderungen eines nicht sehenden Menschen im Alltag aufmerksam. „Hindernisse auf den Fußwegen, wie etwa Baustellen, Schlaglöcher, Poller und Fahrräder sind für mich besonders anstrengend“, sagte Gaedicke. Zum einen verletze sie sich daran häufig und zum anderen sei es für sie eine große Herausforderung, daran vorbei zu kommen. „Man muss sich die ganze Zeit konzentrieren, weil man ständig mit Hindernissen rechnen muss - das stresst mich enorm.“

Blinde beklagen mangelnde Inklusion

Am Museum der Blindenwerkstatt Otto Weidt angekommen, hatten sie es geschafft. Britta Tenczyk erklärte ihnen, dass in diesem kriegswichtigen Betrieb während des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich blinde und gehörlose Personen einen Job fanden, indem sie Bürsten gebunden haben. „Für erblindete Personen ist es häufig deutlich schwerer auf dem Arbeitsmarkt“, so Dörrbecker. „Die Arbeitslosigkeit bei blinden Personen ist doppelt so hoch wie bei Sehenden“, erklärte er weiter.

Häufig würden blinde Menschen in einer Werkstatt für Behinderte landen, bemängelte Gaedicke und fügte hinzu: „Viele Blinde müssen sich neue Berufe basteln, wie etwa ich als selbstständige Trainerin für den Umgang mit sehbehinderten Menschen.“ Dörrbecker ist hauptberuflich Jurist und erklärte: „Ich habe den Eindruck, dass blinde Menschen oft Stellen nicht bekommen, weil sie nicht sehen können“. Deswegen seien die beiden der Meinung, dass Inklusion von Menschen mit Sehbehinderung noch viel mehr vorangetrieben werden müsse.

„Ich würde mir wünschen, dass die Menschen uns Blinden mit mehr Offenheit begegnen und einen nicht gleich in eine Schublade stecken und denken, man wäre blöd, nur weil man nicht sehen kann“, sagte Dörrbecker. „Das sehe ich genauso. Auch Mitleid stört mich total - das bringt mich nicht weiter“ - mit den Worten schloss Gaedicke die Veranstaltung ab.