Verkehrsversuch

Friedrichstraße wird ein halbes Jahr lang autofrei

Die Friedrichstraße wird sechs Monate lang für den Kfz-Verkehr gesperrt. Aus dem Versuch könnte eine Dauerlösung werden.

Die Einkaufsmeile in Mitte soll für ein halbes Jahr für den Autoverkehr gesperrt werden. Start könnte bereits im Juni sein.

Die Einkaufsmeile in Mitte soll für ein halbes Jahr für den Autoverkehr gesperrt werden. Start könnte bereits im Juni sein.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE / FUNKE Foto Services

Berlin. Noch fahren täglich Tausende Autos durch die enge Friedrichstraße. Doch schon in wenigen Monaten wird sich dieses Bild radikal ändern. Die Einkaufsstraße in Mitte wird im Rahmen eines Verkehrsversuchs ab dem Sommer autofrei. Dieser Test soll nach Informationen der Berliner Morgenpost nun deutlich länger dauern als zunächst angenommen. Die Friedrichstraße werde ein halbes Jahr lang für den kompletten Kfz-Verkehr gesperrt, heißt es aus in das Modellprojekt involvierten Kreisen.

Friedrichstraße wird zunächst zwischen Französischer und Leipziger Straße gesperrt

Der Verkehrsversuch soll demnach Anfang Juni 2020 beginnen und bis Ende November dieses Jahres andauern. In dieser Zeit werde der Abschnitt zwischen Französischer und Leipziger Straße gesperrt. Südlich der Leipziger Straße werde der Abschnitt von der Schützenstraße bis zur Rudi-Dutschke-Straße in dieser Zeit zum verkehrsberuhigten Bereich.

Offenbar soll die autofreie Zone in einer zweiten Phase noch ausgeweitet werden. Ab Anfang September dürften Kraftfahrzeuge dann auch auf dem Abschnitt südlich der Leipziger Straße bis zur Schützenstraße nicht mehr fahren. Von dort bis zur Rudi-Dutschke-Straße bliebe die Strecke verkehrsberuhigt. Damit würde sich auch die verkehrliche Situation rund um den Checkpoint Charlie ändern, der in diesen Abschnitt fällt. Kraftfahrzeuge dürften entlang des Touristen-Hot-Spots dann künftig nur noch Schritttempo fahren. Ausgenommen von den bevorstehenden Änderungen auf dem rund 900 Meter langen Stück ist lediglich die Leipziger Straße. Auf der zentralen Ost-West-Tangente solle der Verkehr auch während der Testphase im bisherigen Rahmen verlaufen.

Auch breite Fahrradstreifen sollen durch die Friedrichstraße führen

Im Rahmen des Projekts solle auch der Straßenraum auf der Friedrichstraße provisorisch umgestaltet werden, hieß es weiter. Die Pläne sehen demnach doppelt so breite Gehwege wie derzeit vor. Statt der schmalen, vier Meter breiten Bürgersteige je Straßenseite stehen Fußgängern ab Juni acht Meter zur Verfügung. Eine reine Fußgängerzone werde es jedoch nicht geben. In der Mitte der Straße werde für den Zeitraum des Versuchs ein breiter Fahrradstreifen verlaufen – mit 2,50 Metern je Richtungsspur.

Eines der Hauptprobleme der Friedrichstraße ist aktuell das fehlende Grün. Auf der reinen Asphalt- und Steinpiste wächst nirgends ein Baum oder Strauch. Bäume in Kübeln sollen in diesem Sommer zumindest temporär Abhilfe schaffen. Möglich seien theoretisch bis zu 120 Pflanzen entlang des Abschnitts. Wie viele es letztlich werden, sei jedoch noch unklar. Daneben sollen auch provisorisch aufgestellte Bänke den Aufenthalt für Passanten attraktiver machen.

Verkehrsverwaltung und Bezirk treffen sich mit Anrainern aus der Friedrichstraße

Auf Anfrage wollte sich die federführende Senatsverkehrsverwaltung nicht zu den Plänen äußern. „Wir kommentieren das jetzt nicht, weil wir erst einmal mit den Anrainern und Gewerbetreibenden der Friedrichstraße in den Dialog treten wollen, um unsere Vorschläge vorzustellen und zu diskutieren“, sagte Sprecher Jan Thomsen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost wollen sich Vertreter aus dem Haus von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) und des Bezirks Mitte am Mittwochnachmittag zu einem Workshop mit den betroffenen Anrainern der Friedrichstraße treffen und dort über die Zukunft der Straße sprechen.

Zufrieden über die nun bekannt gewordene Ausgestaltung des Modellversuchs zeigte sich die Verkehrsinitiative Changing Cities. „Mit diesem Pilotprojekt der Verkehrswende wird zum ersten Mal eine aktive Neustrukturierung des Stadtraums realisiert“, sagte Stefan Lehmkühler. „Wir freuen uns sehr, dass mit der Attraktivierung der Friedrichstraße auch ökologische Themen und die Neuordnung des Wirtschaftsverkehrs adressiert werden.“ Changing Cities und die Initiative „Stadt für Menschen“ setzen sich seit knapp eineinhalb Jahren aktiv für eine autofreie Friedrichstraße ein. Den Startschuss der Kampagne gab im Advent 2018 die eintägige Sperrung eines Abschnitts der Straße. Seitdem läuft die Debatte, ob Teile der Friedrichstraße dauerhaft autofrei werden sollen. Senatsverkehrsverwaltung und Bezirk Mitte hatten sich im vergangenen Jahr dazu entschieden, eine Umgestaltung zunächst in einer Modellphase zu testen – auch gegen den Willen einiger Anrainer.

Friedrichstraße hat wirtschaftliche Probleme

Dabei stellt die aktuelle Situation der Friedrichstraße niemanden zufrieden. Die Lage der berühmten Straße in Mitte verschlechterte sich in den vergangenen Jahren zusehends. Die Friedrichstraße, einst beliebte Einkaufsmeile, verfiel zuletzt zusehends. Zwischen Französischer Straße und Leipziger Straße stehen mittlerweile einige Ladenlokale leer. Im vergangenen Jahr gab der Moderiese H&M seine Filiale auf – wie zuvor schon die Schuhkette Leiser. Wie sich die Sperrung und Umgestaltung auf die Friedrichstraße auswirkt, und ob die Gewerbetreibenden davon profitieren, dass der Autoverkehr ausgesperrt wird, soll eine parallel verlaufende Untersuchung klären. Wie es nach dem Verkehrsversuch weitergeht, ist offen. Ist die Straße einmal autofrei, raunen Beobachter, könnte die temporär geplante Situation auch zur Dauerlösung werden.

Vorbild für die Friedrichstraße könnte die Mariahilfer Straße in Wien sein. Die größte Einkaufsstraße der österreichischen Hauptstadt wurde 2015 zur Fußgängerzone umgebaut. Mittlerweile begrüßt selbst die dem Projekt zunächst kritisch gegenüberstehende Wiener Wirtschaftskammer die Ausweisung weiterer verkehrsberuhigter Zonen in der Stadt.

Kritik kam am Mittwoch von der CDU: Oliver Friederici, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion erklärte: "Statt sich von Fahrrad-Lobbyisten lenken zu lassen, muss die grüne Senatsverkehrsverwaltung zuerst Anwohner und Gewerbetreibende beteiligen. Nach ihrem Protest war der Autofrei-Versuch im letzten Jahr abgesagt worden. Das scheinen die Planer schon wieder vergessen zu haben." Ein Vorgehen wie im Fall der Karl-Marx-Allee dürfe sich nicht wiederholen.

Auch bei der FDP herrscht Skepsis. "Der Versuch, die Friedrichstraße zeitweise zu sperren, muss auf jeden Fall ergebnisoffen angelegt werden", erklärt Henner Schmidt, infrastrukturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. Da der Senat eine Fußgängerzone bevorzuge und der Versuch überraschend lange angelegt sei, sei zu befürchten, dass es bereits eine Vorentscheidung für eine Fußgängerzone gebe. "Senat und Bezirk scheinen eher das Ziel einer autofreien Innenstadt Ost zu verfolgen", so Schmidt weiter. die fehlende breite Unterstützung der Händler sowie das Fehlen eines erkennbaren Konzepts zur Umfahrung sprächen eher gegen die Fußgängerzone.