Seestraße

Weddinger Freibad jetzt auch im Winter offen

Dank einer mobilen Traglufthalle kann im Freibad an der Seestraße nun ganzjährig „draußen“ geschwommen werden.

Die neue Traglufthalle überspannt die zwei 50-Meter-Becken des Freibades im Kombibad Seestraße und ist mit einer Grundfläche von 60 mal 68 Metern die größte Schwimmbad-Traglufthalle Deutschlands.

Die neue Traglufthalle überspannt die zwei 50-Meter-Becken des Freibades im Kombibad Seestraße und ist mit einer Grundfläche von 60 mal 68 Metern die größte Schwimmbad-Traglufthalle Deutschlands.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Berlin. Wenige Minuten, nachdem die Luft in die aufblasbare Halle geströmt ist, riecht es im Inneren bereits nach Chlor. Es ist feucht und das blaue Wasser steht ruhig in den beiden Becken. „Das ist schon sehr imposant“, sagte Michael Mohaupt bei einem ersten Rundgang durch die neue Traglufthalle. Seit zwölf Jahren leitet er das Kombibad Seestraße. „Ich bin schon sehr lange in dem Geschäft, aber am Ende meine Karriere ist das nochmal eine reizvolle Aufgabe“, so der 63-Jährige.

Am Dienstagmorgen ist die Traglufthalle binnen einer halben Stunde aufgeblasen worden. Die insgesamt 60 mal 68 Meter große und knapp 20 Meter hohe Plastikkonstruktion ist die größte Schwimmbad-Traglufthalle in Deutschland. Sie überdeckt die beiden 50 Meter-Becken im Außenbereich, die so nun auch im Winter genutzt werden können.

Ersatz für geschlossene Bäder in Reinickendorf und Mitte

Insgesamt investieren die landeseigenen Berliner Bäder-Betriebe (BBB) 2,2 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln in das Projekt. Mit der Traglufthalle sollen die Wasserflächen kompensiert werden, die seit Juni durch die Schließung des Reinickendorfer Paracelsus Bads und des Stadtbads Tiergarten wegfallen. Beide Bäder sollen bis 2021 saniert werden. „Wir wollen den Berlinerinnen und Berlinern trotzdem möglichst viel Schwimmfläche zur Verfügung stellen“, sagte der BBB-Vorstandsvorsitzende Johannes Kleinsorg.

Zunächst sollen aber erst Technik wie Licht und die Brandmeldeanlage installiert werden. Klappt alles wie geplant, wird die Traglufthalle Anfang Dezember eröffnet. Sie steht dann für das Schwimmen der Schulen und Vereine zur Verfügung. Das direkt angrenzende Hallenbad an der Seestraße, das aktuell mehrheitlich dazu genutzt wird, soll dann fast ausschließlich von der allgemeinen Öffentlichkeit genutzt werden. Dann stehen Schwimmern den gesamten Winter über 2072 Quadratmeter zusätzliche Wasserfläche zur Verfügung. Zum Vergleich: Die beiden geschlossenen Bäder in Reinickendorf und Tiergarten verfügen zusammen nur über knapp 1500 Quadratmeter. Während der Freibadsaison soll die Halle dann abgebaut, in sechs bis acht Containern eingelagert und im Herbst 2020 dann wieder aufgebaut werden.

Die Traglufthalle besteht aus einer vierlagigen Folienkonstruktion, die von einem Seilnetz in Form gehalten wird. Damit sie nicht weggeweht, ist sie mit 131 Ankern befestigt, die in drei bis vier Metern Tiefe in den Boden getrieben wurden. Um die Halle aufrecht zu erhalten, werden über zwei Zuluftschächte stündlich 40.000 Kubikmeter Luft ins Innere geblasen. Entsprechend sei der Luftdruck in der Halle um 100 bis 150 Pascal höher, sagte Jürgen Wowra, Geschäftsführer des Bauunternehmens Paranet, das die Halle an die BBB vermietet. „Das entspricht in etwa dem Unterschied zwischen dem Erdgeschoss und dem zehnten Stockwerk.“ Um den Druckunterschied auszugleichen, kann die Halle nur über Schleusen betreten werden.

In den Zuluftschächten sind außerdem Wärmetauscher verbaut, um im Inneren eine Temperatur von 28 Grad Celsius erreichen zu können. Sinkt die Außentemperatur zu stark, sollen außerdem Heizstrahler zum Einsatz kommen. „Ansonsten ist sie sturm- und schneesicher und hält auch Starkregen gut aus“, sagte Wowra weiter.

Machbarkeitsstudie prüft Einsatz auch an anderen Orten

Laut Berlins Sport-Staatssekretär Aleksander Dzembritzki (SPD) handelt es sich bei der provisorischen Halle im wahrsten Sinne des Wortes um einen „Testballon“. „Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass es eine tragfähige Lösung ist, wovon ich ausgehe, werden wir uns auch andere Standorte angucken“, sagte er. Welche das sein können, prüfen die BBB derzeit im Rahmen einer Machbarkeitsstudie. Die Ergebnisse sollen laut Vorstand Kleinsorg im ersten Halbjahr 2020 vorliegen.

Klar sei dabei, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden müssten, so Kleinsorg weiter. „Es darf keine Leitungen im Boden geben, es dürfen keine Bäume im Weg sein und es braucht genug Spannweite.“ Daher funktioniere eine solche Lösung für das Kreuzberger Prinzenbad nicht. Dort solle 2020 stattdessen ein temporärer Bau entstehen, der das Frei- für zehn Jahre zum Hallenbad macht. So sollen auch in diesem Teil Berlins sanierungsbedingt verlorene Wasserflächen ganzjährig kompensiert werden können.

Insgesamt beziffert Kleinsorg den Sanierungsstau der Berliner Bäder auf 250 bis 300 Millionen Euro. Den wolle man nun in den Griff bekommen und gleichzeitig in eine höhere Attraktivität investieren, sagte Staatssekretär Dzembritzki. Dafür stünden im laufenden Jahr 17 Millionen Euro bereit. Die BBB seien mit 61 Bädern Europas größter Betreiber. „Wenn man da an der einen Stelle fertig ist, wird an einer anderen wieder etwas sein“, so Dzembritzki.