Historische Mitte

Nikolaiviertel: Wie die "Edel-Platte" mit Problemen kämpft

Das Nikolaiviertel in Mitte gilt vielen als Disneyland. Eine Initiative will neuen Schwung im Kiez.

Das Nikolaiviertel wurde zum 750. Geburtstag Berlins 1987 nach historischem Grundriss größtenteils neu errichtet. Die meisten Gebäude sind in der DDR entstandene Plattenbauten.

Das Nikolaiviertel wurde zum 750. Geburtstag Berlins 1987 nach historischem Grundriss größtenteils neu errichtet. Die meisten Gebäude sind in der DDR entstandene Plattenbauten.

Foto: Christian Latz / BM

Mitte. Annett Greiner-Bäuerle hat einen günstigen Moment erwischt, um kurz durchs Nikolaiviertel zu spazieren. Es ist später Vormittag, die großen Touristengruppen, einem Führer hinterherlaufend, seien schon wieder weg. Und die meisten individuellen Touristen kämen erst ab der Mittagszeit, sagt die Vorsitzende der Interessengemeinschaft (IG) Nikolaiviertel. So ist es in den kleinen Straßen und Gassen mit dem holprigen Feldsteinpflaster friedlich und unaufgeregt.

Es ist ein Bild, das zum Nikolaiviertel passt. Die Straßen rund um die Nikolaikirche sind der Geburtsort Berlins. Hier wurde die Stadt im 13. Jahrhundert gegründet. Tausende Touristen zieht es täglich hierhin. Doch Berlin und die Berliner haben auffallend wenig Verbindung zu ihrem historischen Kern. Das Nikolaiviertel liegt ganz im Zentrum der Stadt und doch im Schatten, zwischen den Verkehrsachsen Mühlendamm und Spandauer Straße abgeschieden und fast wie vergessen.

Für viele ist das Quartier ein unbeachtetes Freilichtmuseum, dass sie nur sehen, wenn Familienbesuch in die Stadt kommt. Bezirk und Anwohner suchen deshalb nach einer Zukunftsvision für das Viertel. Auch das Humboldt Forum und die neue U-Bahnlinie U5 sollen helfen. Gelingen die Pläne, könnte Berlins vergessenes Herz wieder näher an die Stadt rücken.

Das Nikolaiviertel ist ein ungewöhnlicher Ort. Berlins Altstadt rund um die Nikolaikirche wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Lange unbeachtet entschied sich die DDR-Führung, das Viertel anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins 1987 neu zu errichten. Auf dem mittelalterlichen Grundriss entstanden historisch rekonstruierte Häuser wie das Ephraim-Palais – größtenteils jedoch der Umgebung angepasste Neubauten.

Ein Plattenbauviertel im Altstadtgewand. Wer heute durch die Straßen läuft, sieht fast nur Touristen, und vor allem auf sie ausgelegte Gastronomie und Einzelhändler. Zahlreiche Restaurants bieten Haxe und Eisbein an, an der Probststraße verkauft ein Geschäft ganzjährig Weihnachtspyramiden und Räuchermännchen aus dem Erzgebirge. Fast versteckt dazwischen rund 2000 Anwohner in 800 Wohnungen.

Humboldt Forum und U5 sollen Schwung bringen

Annett Greiner-Bäuerle kennt die Klischees über das Viertel. „Wir haben im Nikolaiviertel ein relativ angestaubtes Image. Für viele sind wir das Disneyland des Ostens, eine aufgemotzte Platte.“ Das Bild werde dem Quartier nicht gerecht. Die Gegend sei ein touristischer Hotspot, aber nicht nur. „Es ist auch ein Kiez, wir unterstützen uns gegenseitig.“ Probleme gäbe es trotzdem. Besonders der Einzelhandel kämpfe, sagt die IG-Vorsitzende.

Ein Grund dafür sind die Baustellen rund ums Quartier. Seit mehr als zehn Jahren wird für die neue U-Bahnlinie U5 vor dem Nikolaiviertel gearbeitet. Die Gegend sei durch die Baustellen lange isoliert worden, sagt Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). „Das Viertel hat es zurzeit sehr schwer.“ Die tatsächliche Situation stehe im Gegensatz zum positiven Bild, das gerade Touristen von der Altstadt hätten. Häufig sind Orte in Wahrheit besser als ihr Ruf“, sagt Gothe. „Im Nikolaiviertel ist es genau umgekehrt.“

Noch funktioniere im Viertel alles halbwegs, sagt Greiner-Bäuerle, die das Brauhaus Georgbräu betreibt und persönlich nicht klagen könne. „Aber wenn wir jetzt nichts tun, funktioniert es vielleicht in fünf Jahren gar nicht mehr.“ Auf Drängen von Gewerbetreibenden und Anwohnern hat der Bezirk daher im August ein Beteiligungsverfahren gestartet.

„Eine Zukunftsvision entwickeln“

„Wir wollen mit den Bewohnern eine Zukunftsvision entwickeln“, sagt Gothe. Ziel sei, die Balance auszuloten für ein Viertel, in dem man gern wohne und trotzdem die Gewerbetreibenden ihr Auskommen erwirtschaften könnten. IG-Vorsitzende Greiner-Bäuerle erhofft sich vor allem konkrete Handlungsempfehlungen für den Bezirk. Noch bereite die Kooperation zwischen Anrainern und Verwaltung Probleme. „Veranstaltungen genehmigen zu lassen, ist jedes Mal ein riesiger bürokratischer Aufwand“, sagt die Gastronomin. Erschwert werde das durch den neuen Denkmalschutz. Das Nikolaiviertel ist seit vergangenem Jahr ein Flächendenkmal.

Was sich dadurch konkret ändere? „Darauf haben wir nie eine wirkliche Antwort bekommen“, erklärt Greiner-Bäuerle. Einige Genehmigungen seien jedoch schwerer geworden. Die Veranstaltung „Ganz Berlin schwooft“, eine zwölftägige eintrittsfreie Tanzveranstaltung auf dem Nikolaikirchplatz, dürfe jetzt nicht mehr stattfinden. „Der Denkmalschutz hat entschieden, das passt nicht mehr zum historischen Ambiente des Platzes.“ Die Gewerbetreibende macht das ratlos. Solche Events hätten auch mal Berliner ins Viertel gelockt. „Wenn wir durch diese Veranstaltungen nicht die Möglichkeit haben, nach außen zu zeigen, ,Wir sind ganz anders, als ihr uns wahrnehmt’, ist das schwierig.“

„Es ist sehr voll und trubelig“

Anwohnern hingegen – wenn man sie in den Gassen zwischen den Touristen überhaupt findet – reichen die vielen Besucher schon jetzt. „Es ist sehr voll und trubelig“, sagt Sophie Gierga. Die 20-Jährige wohnt seit einem Jahr im Viertel. Schön sei es und nah zur Humboldt-Universität. Doch einen familiären Kiez kann sie im Quartier nicht erkennen. „Es ist ein anderes Feeling, ob es eine Nachbarschaft gibt, die sich kennt, oder ob man mehr Spanisch als Deutsch hört.“

Es sei nicht jedermanns Sache, dort zu wohnen, gesteht Christoph Lang, Sprecher der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM), der die meisten Häuser im Viertel gehören. „Aber die Wohnungen sind gefragt.“ Das Altstadtquartier sei „eine echte Perle“. Was die Zukunft des Viertels anbelangt, ist Lang optimistisch. „Die Lage wird sich verändern, wenn das Schloss eröffnet ist.“ Auch Baustadtrat Gothe glaubt, dass sich das Viertel mit Eröffnung der U5 und des Humboldt Forums aus seiner isolierten Lage löst und wieder sein Potenzial abrufen kann.

BVG lehnt Namenszusatz Nikolaiviertel für U-Bahnhof Rotes Rathaus ab

Um mehr Sichtbarkeit zu erreichen, hofft die Interessengemeinschaft, dass der neue U-Bahnhof Rotes Rathaus den Beinahmen Nikolaiviertel erhält. „Wir waren die Leidtragenden, als hier die U-Bahn gebaut wurde", sagt Greiner-Bäuerle. Jetzt stehe direkt vor der Haustür ein U-Bahnhof, der jedoch nicht den Namen des Viertels tragen würde. Unterstützung bekommt der Verein aus dem Bezirk Mitte. Die Bezirksverordnetenversammlung hat einen entsprechenden Antrag vor mehreren Monaten beschlossen. Auch das Bezirksamt unterstützt den Voschlag. "Wir finden den Gedanken sympathisch", sagt Stadtrat Gothe.

Bei der BVG stößt die Idee aber auf keinen Zuspruch. "Wir haben mit dem Namen Rotes Rathaus schon einen sehr schönen Namen", sagte Sprecher Jannes Schwentu. Dem noch einen zweiten Namen hinzuzufügen, würde nur Verwirrung stiften. Ähnlich sieht es die Senatorin Regine Günther (Grüne) geführte Senatsverkehrsverwaltung. Da Zusätze die Bahnhofsnamen verlängerten, verschlechterten sie die leichte Erfassbarkeit, erklärte Sprecher Jan Thomsen. "Hinzu kommt, dass die Ausgänge des künftigen Bahnhofs gar nicht direkt ins Nikolaiviertel führen."

Voll wird es im Nikolaiviertel dennoch schon an diesem Wochenende werden. Dann locken für zwei Tage die Nikolaifestspiele hunderte Kostümfans in die Gassen. Annett Greiner-Bäuerle sieht das Viertel langsam im Aufbruch. „Ich habe den Eindruck, wir wachen gerade aus dem Dornröschenschlaf auf.“