Berliner Museen

So knatterte der Osten: Zu Besuch im Motorrad-Museum

Im „1. Berliner DDR-Motorradmuseum“ in Mitte sind 140 Maschinen aus industrieller Fertigung und Unikate aus Bastlerhand zu sehen.

Auch kultige Motorroller aus
DDR-Produktion sind in der Ausstellung zu sehen.

Auch kultige Motorroller aus DDR-Produktion sind in der Ausstellung zu sehen.

Foto: Katrin Starke

Der Lack ist leuchtend gelb, um den Scheinwerfer gibt es eine Cockpit-Verkleidung, Tank und Sitzbank mit Heckteil erinnern an ein Motorrad japanischer Bauart. Das soll eine MZ (Motorradwerk Zschopau) sein? Der Besucher staunt, wenn er vor dem auf Hochglanz polierten Motorrad steht – einem von mehr als 140 Exponaten, die im „1. Berliner DDR-Motorradmuseum“ ausgestellt sind.

Auf mehr als 1000 Quadratmetern ist in den S-Bahnbögen nahe dem Alexanderplatz auf zwei Etagen so ziemlich alles an motorisierten Zweirädern ausgestellt, was serienmäßig in der DDR produziert wurde. Die gelbe MZ allerdings gehört nicht dazu. „Das ist eine brasilianische MZ“, erklärt Museums-Geschäftsführer Ralf Koch. „Die wurde in den 80er-Jahren in Brasilien mit Unterstützung aus der DDR gebaut – ausschließlich für den südamerikanischen Markt“, sagt Koch. „Dieses Motorrad durfte weder in die DDR importiert noch dort darüber berichtet werden – um keine Begehrlichkeiten zu wecken.“

Vor elf Jahren hat das Museum mit 80 Exponaten eröffnet

Dass diese Rarität zum Museumsstück wurde, ist Uwe Kobilke zu verdanken. Der 61-jährige gebürtige Berliner fuhr zu DDR-Zeiten selbst eine MZ, eine 250er. Irgendwann Anfang des Jahrhunderts entdeckte er bei einer Oldtimer-Ausstellung ein ähnliches Modell – und kaufte es. Von da an habe ihn das Sammelfieber gepackt. Bei Internet-Auktionen fahndete er nach alten DDR-Maschinen, klapperte „Veteranenmärkte“ ab. Er kaufte eine Maschine nach der anderen, brachte sie mit Sohn Patrick auf Vordermann. Irgendwann waren es so viele Motorräder, dass er auf die Idee kam, ein Museum einzurichten.

„2008 haben Kobilke und ich mit zunächst 80 Motorrädern angefangen“, erzählt Ralf Koch, der einige Ausstellungsstücke restauriert hat. Mittlerweile verfügt das Museum über die „weltweit größte öffentlich zugängliche DDR-Zweirad-Ausstellung“, behaupten Koch und Kobilke. Dass er nur Motorräder aus der DDR sammle, habe „keinen politischen Hintergrund“, so Kobilke. Es gehe ihm nur darum, die Entwicklung der Motorradtechnik in 40 Jahren DDR aufzuzeigen.

Viele Exponate trieb der Sammler in den alten Bundesländern auf. Die Hälfte der MZ-Produktion sei ja exportiert worden, „vornehmlich dorthin, wo es für die Motorräder Devisen gab“, erzählt Koch. In Westdeutschland seien die robusten Maschinen gar nicht so selten gewesen. Besonders in den dortigen Studentenkreisen war das anspruchslose, günstige Motorrad beliebt. Es konnte über den Versandhandel geordert werden. „Viele Jahre hatte Neckermann die MZ in seinem Katalog im Angebot“, weiß Koch, der als junger Mann den Motorroller „Habicht“ fuhr. Das Kleinkraftrad aus dem Fahrzeugwerk Simson in Suhl sei in den 70er-Jahren bei der Jugend beliebter gewesen als die „Schwalbe“, die mittlerweile als Oldtimer Kultstatus genießt. „Zu DDR-Zeiten war die Schwalbe das typische Gemeindeschwester-Moped“, sagt Koch. Im Defa-Spielfilm „Schwester Agnes“ (1975) fuhr die Schauspielerin Agnes Kraus auf so einem Roller von Dorf zu Dorf. Logisch, dass „Schwalbe“, „Habicht“, „Star“ & Co. aus der Simson-Vogelserie im Museum ebenso wenig fehlen wie die IWL-Roller aus dem Werk in Ludwigsfelde mit so putzigen Namen wie „Pitty“, „Wiesel“, „Troll“ – oder dem Modell „Berlin“. Rennmaschinen der Industrievereinigung Fahrzeugbau (IFA) sind zu sehen, aber auch die schwere EMW mit Beiwagen aus dem Eisenacher Motorenwerk.

Ein Eskorte-Motorrad mit Emblem aus der Honecker-Ära

Besonders stolz ist Museumsbetreiber Kobilke auf ein Eskorte-Motorrad aus der Honecker-Ära mit Original-DDR-Emblem an der Windschutzscheibe. „Von diesen Maschinen gab es nur 60 Stück“, sagt Kobilke, „30 davon wurden als Polizeimotorräder nach Ungarn exportiert.“ Inzwischen existierten von der Eskorte-MZ nur noch sehr wenige Exemplare. Eines davon zu haben, sei schon etwas Besonderes.

Aber auch einige Nachwendeprodukte der Marken MZ und Simson zählen zum Museumsbestand. „Das gehört ja zur Historie der Werke dazu“, sagt Geschäftsführer Ralf Koch. Mittlerweile sind aber beide Hersteller Geschichte. Doch gerade die Motorräder MZ seien international bis heute ein Begriff. „In Großbritannien gibt es sogar mehrere MZ-Clubs“, weil früher auch britische Rennfahrer auf so einem Motorrad gefahren seien.

1. Berliner DDR-Motorradmuseum, Rochstraße 14c, 10178 Berlin, geöffnet Mittwoch bis Sonntag 10 bis 19 Uhr. Eintritt 6,50 Euro, ermäßigt 5,50 Euro, mehr Infos auf der Website