Friedrichstraße

Galeries Lafayette rufen Senat um Hilfe und könnten umziehen

Die Galeries Lafayettes haben den Senat um Unterstützung gebeten. Das Luxuskaufhaus in der Friedrichstraße könnte Berlin verlassen.

Blick auf die Galeries Lafayette

Blick auf die Galeries Lafayette

Foto: Reto Klar

Berlin. Die Friedrichstraße gilt als Geschäftsstraße, allzu geschäftig geht es dort jedoch nicht mehr zu. Immer mehr Läden geraten in Probleme oder ziehen die Reißleine und verlassen den Standort. Wie schlecht es um die Straße steht, zeigt die Entwicklung beim wichtigsten Mieter vor Ort: die Galeries Lafayette. Für aktuelle Verhandlungen mit dem Vermieter, dem Versicherungskonzern Allianz, hat das Luxuskaufhaus Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) um Hilfe gebeten. „Es hat den Wunsch nach einem Gespräch gegeben“, sagte Senatssprecherin Claudia Sünder der Berliner Morgenpost. Der Termin mit Müller werde derzeit vorbereitet und sei für den August geplant.

Galeries Lafayette sollen Wegzug von der Friedrichstraße planen

An den gegenwärtigen Verhandlungen ist auch Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) beteiligt. „Es gibt Gespräche auf allen Ebenen“, sagte eine Sprecherin der Wirtschaftsverwaltung. Die Senatorin sei mit dem Unternehmen, dem Bezirk Mitte sowie der Interessengemeinschaft „Die Mitte e.V.“ in Kontakt. Die Sprecherin der Galeries Lafayette, Nelly Hemmann, wollte sich zur Einbeziehung des Senats bei den Verhandlungen nicht äußern. Zu einzelnen Mietern oder deren Verträgen nehme man keine Stellung, hieß es von der Allianz. Zuerst hatte darüber die „Berliner Zeitung“ berichtet.

Mit dem Vorstoß wollen die Galeries Lafayette offenbar eine von der Allianz vorgesehene Mieterhöhung verhindern. Denn die Geschäfte laufen Insidern zufolge nicht gut. Ein Grund dafür dürfte auch der schlechte Zustand der Friedrichstraße insgesamt sein. Ob die Unterstützung des Senats für das Edelkaufhaus fruchten wird, ist offen. Möglicherweise ist sie jedoch weniger nötig als es scheint.

Denn der Abschied aus der Friedrichstraße bei den Galeries Lafayette könnte längst beschlossene Sache sein. So zumindest heißt es in Branchenkreisen. Das Unternehmen habe demnach gar nicht vor, den im Frühjahr 2021 auslaufenden Vertrag zu verlängern. Auch bei der Allianz sei das längst klar, da die Mietpreisvorstellungen ob der schwachen Umsätze zu stark auseinander gehen würden. In das markante Gebäude des Star-Architekten Jean Nouvel könnten dann Büros einziehen.

Die Sprecherin der Galeries Lafayette dementiert die Gerüchte

Möglich sei ein Umzug nach Hamburg oder München, jedoch käme auch ein anderer Standort in Berlin infrage, heißt es. Nur bloß nicht länger mehr an der Friedrichstraße. Für ein mögliches Ende am Standort macht ein Kenner des Falls auch den Senat verantwortlich. Die international agierende, französische Handelskette wisse demnach wie man das Geschäft mit Luxusartikel erfolgreich betreibe. Nur in der Friedrichstraße, dem einzigen deutschen Standort, laufe es wegen des schlechten Umfelds nicht. Dem Senat sei das schon vor Jahren deutlich gemacht worden. „Die haben seit fünf Jahren so was von um Hilfe geschrien“, sagte ein Insider. Doch nichts sei passiert.

Galeries-Lafayette-Sprecherin Nelly Hemmann dementierte die Gerüchte: „Wir bleiben hier in der Friedrichstraße und planen nicht umzuziehen.“ In der Friedrichstraße ist die Sorge dennoch groß. „Die Galeries Lafayette sind der wichtigste Mieter vor Ort“, sagte Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne). „Ein Umzug wäre ein nicht wett zu machender Verlust für die Friedrichstraße.“ Die Wirtschaftsverwaltung nennt das Luxuskaufhaus einen handelspolitischen und touristischen Magneten für den Standort.

Die Friedrichstraße leidet seit Jahren unter einem Besucherschwund. Selbst in der aktuellen Ferienzeit, wenn viele Touristen aus aller Welt in Mitte unterwegs sind, laufen nicht allzu viele Menschen die Bürgersteige an der Friedrichstraße entlang. Blickt man in die Geschäfte, sieht es nicht besser aus. „Schauen Sie sich um, sagte eine Verkäuferin in einer menschenleeren Boutique. „So sieht es fast immer aus.“ Vorher habe sie in einer Filiale der gleichen Marke am Hackeschen Markt gearbeitet. „Da war es immer voll.“ In anderen Modeboutiquen ist das Bild ähnlich: Kaum ein Kunde verliert sich in den Läden, meist drücken sich die Mitarbeiter alleine um die Ladentheke herum.

Spitzenmieten sind bereits um ein Drittel gefallen

Die Spitzenmieten für Läden sind laut Daten des Gewerbeimmobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle (JLL) seit 2016 bereits um ein Drittel gefallen. Dennoch ist das für viele Einzelhändler ob der mauen Geschäftsaussichten zuviel. Der Moderiese H&M schließt seine Filiale in der Friedrichstraße 83 Ende August, zuvor verließen das Schuhgeschäft Leiser sowie die Jagdkette Frankonia die Straße. In der Branche heißt es, dass auch Designer-Labels wie Hugo Boss und Etro einen Abschied planen würden. Mehr als 20 Prozent der Ladenflächen sind kurzfristig für Mieter verfügbar, zeigen JLL-Daten. Ein „dramatisch hoher Wert“, sagte Dirk Wichner, Geschäftsführer des Retailbereichs des Immobiliendienstleisters. In den Toplagen anderer deutscher Großstädte sei der Wert nur halb so hoch.

Die zunehmende Konkurrenz zwischen den einzelnen Zentren werde gerade in Mitte deutlich, sagte eine Sprecherin der Wirtschaftsverwaltung. Drastischer drückt es Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel aus: „Jedem, der durch die Friedrichstraße läuft, macht der Zustand Sorgen.“

Geschäftsimmobilienexperte Wichner macht dafür das Erscheinungsbild der Straße verantwortlich. "Es ist ein extrem enger Verkehrsraum", sagt er. Die bis auf die Blockkante gebauten Häuser hätten zudem glatte, kalte Fassaden. "Die ganze Gestaltung der Friedrichstraße ist nach heutigen Gesichtspunkten nicht einzelhandelsfördernd." Diese äußeren Einflüsse ließen Menschen nicht ins Flanieren kommen. Wo die Fußgänger aber nur langhetzten, schaue niemand in die Schaufenster. "Es ist da ja schon eine Herausforderung, einen Kinderwagen zu schieben. Das fühlt sich nicht gut an und wenn man sich nicht gut fühlt, kauft man nicht."

Senat und Bezirk Mitte planen daher seit einiger Zeit eine Veränderung der Straße. Die Friedrichstraße soll schrittweise autofrei werden. Eine erste Sperrung ist für den das Wochenende vom 4. bis 6. Oktober geplant. Im Advent könnte der motorisierte Verkehr eine ganze Woche außen vor bleiben bevor im kommenden Jahr ein mehrwöchiger Test ansteht. Unterstützt werden die Maßnahmen auch von den Galeries Lafayette, die sich mit der Verkehrswende-Initiative Changing Cities und weiteren Anrainern wie dem Russischen Haus zusammengetan hat, um die Aufenthaltsqualität durch weniger Autos zu erhöhen. Ob die Galeries Lafayette mögliche positive Effekte dessen noch miterleben, ist offen.

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