Stadtführungen

Mit den „Ghetto-Strebern“ durch Wedding

Junge Berliner zeigen ihren sehr persönlichen Blick auf ihren Heimat-Kiez Gesundbrunnen. Der neue Teil unserer Sommerserie.

Eine Tour durch das Problemviertel Wedding – mit Kujtim Krasniqi (r.) und Zeynep Genis.

Eine Tour durch das Problemviertel Wedding – mit Kujtim Krasniqi (r.) und Zeynep Genis.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Mittwoch, 9.30 Uhr, Treffpunkt vor dem Gesundbrunnen-Center: Hier beginnt die Stadtführung von Jura-Referendar Kujtim Krasniqi und Lehramtsstudentin Zeynep Genis. Beide sind Anfang 20, beide sind hier aufgewachsen und beide sind das, für das man in Deutschland im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neue Worte gefunden hat – Ausländer, Migranten, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen nichtdeutscher Herkunft.

Auf Krasniqi und Genis warten zehn Schüler eines Gymnasiums in Neustadt/Wied (Rheinland-Pfalz), ein Sozialkunde-Leistungskurs auf Berlin-Besuch. Krasniqi und Genis bieten diese Tour seit sechs Jahren an, Interessenten kommen aus der ganzen Welt. Wedding ist vielen Deutschen neben Neukölln vor allem als Problemkiez bekannt. Eine Gegend, in der Kriminalität, Armut, Arbeitslosigkeit und trostlose Bauten das Stadtbild prägen also. Doch was ist dran an diesem arg klischeebehafteten Blick auf Stadtteile, die unter vorgehaltener Hand gerne mal als „Ghetto“ bezeichnet werden?

Genis stellt gleich zu Beginn klar, dass das zu kurz greift – und sie und Krasniqi trotzdem einen humorvollen Blick auf diese Art von Vorurteilen haben. „Wir nennen uns die Ghetto-Streber, weil unser Kiez gerne als Ghetto bezeichnet wird. Natürlich sind wir weder aus dem Ghetto noch Streber, aber von manchen unserer Freunde werden wir als solche gesehen, weil wir Abitur gemacht und studiert haben“, sagt die junge Frau, deren Eltern aus der Türkei stammen.

Sie selbst ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Krasniqi dröselt dann den Begriffswust aus Bezeichnungen für Menschen wie ihn auf. Er und Genis seien zwar keine Ausländer, beide haben einen deutschen Pass, aber er finde das Wort trotzdem ehrlicher als das holprige „Menschen mit Migrationshintergrund“. Als der 24-Jährige im Alter von acht Jahren mit seiner Mutter aus dem Kosovo zum Vater nach Deutschland kam, war diese Bezeichnung noch gängig.

Dass man sich weder in der alten Heimat der Eltern noch in Deutschland hundertprozentig zugehörig fühlt, eint viele Menschen, die hier als Kinder von Einwanderern zur Welt kamen. Krasniqi fasst zusammen: „Ein Freund von mir sagt immer: ,Migranten sind wie Vögel ohne Beine, sie können überall hinfliegen aber nirgends landen‘.“

An der Plumpe: Früher war hier mehr Hertha

Wir ziehen weiter, an die Kreuzung Behmstraße/Jülicherstraße. Früher lag hier das Vereinsheim von Hertha BSC, gegenüber die „Plumpe“, Herthas legendäres Stadion, wo der wenig glücksverwöhnte Verein große Erfolge feierte. Heute steht da, wo das Vereinsheim war, ein Hostel. Das Stadion an der Swinemünder Brücke wurde 1974 abgerissen. Vier Fußballer-Skulpturen des Bildhauers Michael Schoenholtz erinnern noch daran, dass das hier mal ein Fußball-Kiez war. Wir stehen vor dem Wohnblock, in dem Krasniqi aufgewachsen ist – auf dem früheren Hertha-Gelände entstanden in den 70er-Jahren Sozialwohnungen für türkische Gastarbeiter. Krasniqi erzählt von seiner Kindheit zwischen zwei Kulturen und Sprachen. „Wir sind die Generation der Dolmetscher. Wenn unsere Eltern zum Arzt gegangen sind, haben wir für sie übersetzt. Für einen Jungen von neun Jahren ist das oft die totale Überforderung, es hat mich fertig gemacht. Ich hasse Arztbesuche noch heute“, sagt er.

Überhaupt, Sprache. Genis erklärt, wie das eigentlich normale Phänomen, Worte aus der Muttersprache der Eltern und deutsche Worte zu mischen, oft als etwas Negatives gewertet wird. „Als ich heranwuchs, habe ich selten bis nie gehört, dass meine Mehrsprachigkeit etwas Positives sei“, sagt sie. Dabei seien bilinguale Schulen, in denen Kinder Französisch oder Englisch lernen, sehr angesehen. Auch hier könne man durchaus von Diskriminierung sprechen, wenn das Beherrschen von Türkisch als weniger wertvoll angesehen wird. „Heute würde ich meinen Lehrer, die immer sagten: ,Du musst zu Hause Deutsch reden!‘, antworten: Mit wem denn?“ Damals habe sich Genis das aber nicht getraut.

Krasniqi fand indes beim Fußball ein Ventil. Auf der anderen Straßenseite trainiert der SV Norden-Nordwest 1898, wo er acht Jahre spielte. Bis auf zwei, drei Mannschaftskollegen hatten alle Jungen ebenfalls ausländische Wurzeln, sie galten als „Ausländermannschaft“, bei Auswärtsspielen in Marzahn wurden sie beschimpft und schimpften mit „Scheiß Nazis“ zurück. Aber irgendwann habe sich die gegenseitige Verachtung gelegt, und beide Seiten hätten gemerkt, dass die Jungs der anderen Mannschaft schon ganz okay sind. Fußball habe ihm sehr geholfen, in seiner neuen Heimat anzukommen. „Mein Trainer war Serbe, in unserer Heimat waren wir auf unterschiedlichen Seiten, aber hier waren wir beide Weddinger, und der Rest spielte keine Rolle. Dem Fußball verdanke ich viele prägende Begegnungen“, sagt er.

Moslem heißt nicht unbedingt strenggläubig

Nächster Halt: die Aksemseddin Moschee an der Bellermannstraße. Alle ziehen sich im Vorraum die Schuhe aus und knien oder sitzen auf dem Boden. Warum wir ausgerechnet hier halten? „Ich habe diese Moschee als junges Mädchen oft besucht“, erklärt Genis, die kein Kopftuch trägt. „Heute würde ich mich als nicht besonders religiös bezeichnen. Vielen Eltern ist es wichtig, dass ihre Kinder den Kontakt zu ihren Wurzeln nicht verlieren und sehen in der Moschee einen guten Ort, diesen zu bewahren.“ Krasniqi, in dessen Heimat Kosovo ebenfalls die Mehrheit der Bevölkerung dem Islam angehört, erklärt, dass Moslems heutzutage fälschlicherweise von den meisten automatisch für strenggläubig bis fanatisch gehalten werden und er in der Zeit nach den Anschlägen des 11. September 2001 oft auf seinen Glauben angesprochen wurde. Dabei sei es auch im Islam durchaus üblich, nur gelegentlich in die Moschee zu gehen. „Es gibt genauso viele U-Boot-Moslems wie U-Boot-Christen. Viele gehen fälschlicherweise davon aus, dass wir alle total gläubig sind. Aber es gibt natürlich auch im Islam viele Abstufungen des Glaubens“, sagt er. Die Schüler nicken, man kennt das von sich selbst und dem Kirchenbesuch an Weihnachten.

Beim nächsten Halt am Diesterweg-Gymnasium liegt der Fokus auf Bildungsgerechtigkeit und den Schulerfahrungen der beiden Stadtführer damit. Es bleibt also hochpersönlich. Krasniqi und Genis erzählen, dass sie noch Teenager waren, als sie mit den Touren begannen. „Unsere Hauptmotivation ist es, mit Menschen in den Dialog zu kommen, Vorurteile über gesellschaftspolitische, kulturelle und religiöse Themen zu beseitigen und durch authentische sowie persönliche Geschichten von uns neue Perspektiven zu ermöglichen“, sagt Krasniqi. Das macht diese Führung auch für Berliner interessant, die Wedding gegenüber bislang eher voreingenommen waren und sich weiterbilden möchten.

In Berlin auf der „Route 65"

Die Tour durch den Ortsteil Wedding („Route 65”) des Vereins „Kulturbewegt“ bietet sehr persönliche Einblicke in die Lebenswelt von jungen Berlinern wie Kujtim Krasniqi und Zeynep Genis, die im Kiez aufgewachsen sind und von ihren Erfahrungen berichten. Die Stationen sind aus dem Leben der Stadtführer gegriffen – so hält Krasniqi vor dem Wohnhaus, in dem er aufgewachsen ist, und Genis führt die Gruppe in die Moschee, die sie als junge Frau besuchte. Der Verein organisiert auch Touren durch Neukölln („Route 44”) – einen weiteren oft als Problembezirk betitelten Stadtteil –, die von Frauen geleitet werden, die dort aufgewachsen sind und Eindrücke aus ihrem Leben teilen. Für beide Stadtführungen gibt es keine festen Termine. Wer Interesse hat, kann sich auf der Webseite http://www.kulturbewegt.de/ informieren oder unter 030-70 222 023 eine Tour buchen. Der Treffpunkt für die Wedding-Tour ist zwischen dem Gesundbrunnen-Center und dem U-Bahnhof Gesundbrunnen, die Kosten variieren je nachdem, welche Förderung der Verein für die Tour bekommt. Beide Touren sind von den Stadtführern erarbeitet.

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