Clubsterben

Club M-BIA muss wegen geplanter Markthalle am Alex schließen

Der Techno-Club M-BIA am Alexanderplatz muss schließen. Die Bahn verlängert den Mietvertrag nicht. Geplant ist dort eine Markthalle.

Der Techno-Club M-BIA am Alexanderplatz muss schließen. Die Deutsche Bahn verlängert den Mietvertrag nicht (Archiv).

Der Techno-Club M-BIA am Alexanderplatz muss schließen. Die Deutsche Bahn verlängert den Mietvertrag nicht (Archiv).

Foto: M-BIA

Berlin. Für Ralph Lehmann geht gerade ein Kapitel zu Ende. „Wir sind schon bei der Abwicklung.“ Lehmann betreibt seit 2009 den Techno-Club M-BIA am Alexanderplatz. Jetzt steht das Projekt nach zehn Jahren vor dem Aus. Der Vermieter, die Deutsche Bahn, will den auslaufenden Mietvertrag nicht verlängern, schon Ende Mai sollen deshalb die Lichter des Clubs für immer ausgehen.
Zum Problem für die Clubbetreiber wird, dass die Bahn für die S-Bahnbögen in der Dircksenstraße ein neues Nutzungskonzept etablieren will. In der tagsüber etwas tristen Ecke rund um das M-BIA will der Staatskonzern das Bahnviadukt zu einer Markthalle umbauen, so zumindest wurde es Lehmann angekündigt.

Zwar sei ihm angeboten worden, sich an der Ausschreibung für das neue Konzept zu bewerben, jedoch suche die Bahn einen Tagesbetrieb für die Räume. Nach einem Club klinge das nicht, meint Lehmann. Ihn frustriert die Situation. „Ich soll den Club kaputt machen, ausräumen, und dann kann ich mich auf ein neues Konzept bewerben. Das heißt doch mit anderen Worten: Mit dem Club sind wir da unerwünscht.“

Clubbetreiber des M-BIA am Alexanderplatz: „Man ist da hilflos“

Für das M-BIA sei es in den zehn Jahren seines Bestehens nicht immer einfach gewesen, meint Lehmann, der den Laden mit einem Partner betreibt. „Der Alex ist ein schweres Pflaster“, sagt er. Sich dort zu behaupten, sei keine leichte Aufgabe.

Der Club sei dort immer ein gewisser Außenseiter gewesen, zumal die Gäste des Vorgängerclubs H2O, der vor allem Black-Music spielte, mit dem neuen Fokus auf Psy-Trance und Goa nichts anfangen konnten. „Wir haben unseren eigenen Weg gesucht“, sagt Lehmann zur Entwicklung. Das habe sich gelohnt. Momentan habe der Club guten Zulauf. Am Ende des Mietvertrags ändere das jedoch nichts. „Man ist da hilflos.“

Auch Farbfernseher in Kreuzberg schließt Ende Mai

Plötzlich steht ein Club ohne Location da. Lehmann und das M-BIA sind nicht die einzigen, die von dieser Entwicklung betroffen sind. Immer wieder mussten Clubs in den vergangenen Jahren schließen. Vom „Clubsterben“ ist die Rede. Besonders in der Innenstadt müssen Läden schließen, ohne dass es Aussicht auf nahen Ersatzraum gäbe.


Ende Mai muss ebenfalls nach zehn Jahren der Farbfernseher in Kreuzberg schließen. Bereits im vergangenen Jahr kam das Ende für das Rosis in Friedrichshain und den Bassy Club in Prenzlauer Berg. Auch dem Kreuzberger Privatclub droht bald das Aus. Das sei ein bekanntes Phänomen in letzter Zeit, sagt Clubcommission-Sprecher Lutz Leichsenring. „Es wird immer mehr Entertainment und immer weniger Kultur.“

Clubcommission kritisiert Deutsche Bahn

Leichsenring kritisiert im Fall des M-BIA das Vorgehen des staatlichen Vermieters. „Es stellt sich die Frage, inwieweit die Bahn ihrer Verantwortung gerecht wird für die Kulturszene in der Stadt.“ S-Bahn-Bögen seien ideale Orte für Clubs. Dass die Bahn in ihrem neuen Konzept keinen Club mehr vorsehe, zeige die Ignoranz, die beim Thema Clubkultur bestehe. „Solche Großvermieter müssen sich bewusst werden, welchen kreativen Fußabdruck sie mit ihren Entscheidungen haben.“

Besonders in der Innenstadt würden die Flächen immer knapper. Zwar entstünden auch neue Räume in der Alten Münze, es gebe Gespräche über Clubs im Keller vom Haus der Statistik, und auch in den Terminals der Flughäfen Tegel und Tempelhof könnten Locations entstehen, sagt der Clubcommission-Sprecher. „Aber das wird wahrscheinlich nicht abfedern, was verloren geht.“

Kultursenator Klaus Lederer schreibt Brief an Bahn-Chef

In der Politik ist das Problem bekannt. Viel zu häufig sei man in letzter Zeit mit solchen Problemen konfrontiert gewesen, sagt ein Sprecher der Senatskulturverwaltung. „Wir sehen, dass die bunte kulturelle Mischung, die Berlin ja auch ausmacht, bedroht ist.“ Das würde in der von Klaus Lederer (Linke) geführten Kulturverwaltung niemandem gefallen. Allerdings könne man wenig ausrichten, „da es häufig privatrechtliche Verträge sind, Eigentümer andere Vorstellungen haben zu möglichen künftigen Mietern und oft auch nicht interessiert sind an unseren Vermittlungsbemühungen“. Der Kultursenator werde sich dennoch mit einem Schreiben an den Bahnvorstand wenden und bitten, die Entscheidung zu überdenken oder Alternativen zu prüfen.


Der Staatskonzern selbst wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Fall äußern, da man zu laufenden Mietverhältnissen keine Auskunft erteile. Ralph Lehmann kann das Vorgehen des Unternehmens nicht verstehen. „Die Bahn gehört zu 100 Prozent dem Bund, da ist doch die Frage, ob sie nicht auch das öffentliche Interesse berücksichtigen muss.“ Solange sich an der Haltung der Bahn nichts ändert, muss er die Abschlusspartys für Ende Mai planen. Dann gehen die Lichter aus.

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