Wirtschaft

Der letzte Pantoffelheld von Berlin

Reno Jünemann leitet in vierter Generation das Familienunternehmen Pantoffeleck. Die Herausforderungen werden immer größer.

Reno Jünemann stellt in der Pantoffelmanufaktur in Berlin in vierter Generation Hausschuhe her.

Reno Jünemann stellt in der Pantoffelmanufaktur in Berlin in vierter Generation Hausschuhe her.

Foto: Reto Klar

Berlin. Wer die Treppen hinab in das Pantoffeleck Jünemann an der Torstraße steigt, steht vor einer großen Regalwand voller Pantoffeln verschiedener Farben und Formen. Aus dem hinteren Bereich des Ladens hört man es oftmals klappern – für viele Kunden ein Grund, das Geschäft genauer zu erkunden. Verkäuferin Ines Blenn führt dann rechts an der Kasse entlang in einen weiteren Raum, in dem hohe Regale mit noch mehr Hausschuhen stehen, die zu Bündeln zusammengebunden sind. Etwas weiter hinten steht ihr Cousin Reno Jünemann, der Inhaber des Ladens, in einer blauen Schürze vor einem Tisch. In der Hand hält der 47-Jährige eine sogenannte Zwickzange, mit der er den filzähnlichen, synthetischen Polsterstoff mit gezielten Schlägen auf dem Leisten, einer Fußform aus Metall, in Form bringt. „Mein Vater sagte, wenn er sich dabei nicht einmal auf den Finger haut, ist er kein richtiger Pantoffelmacher“, sagt Jünemann. Er hat das Geschäft mit den Hausschuhen im Jahr 2007 übernommen und führt es nun in vierter Generation. Seit 1992 ist er der letzte Pantoffelmacher Berlins.

Ein gelernter Orthopädieschuhmacher

In Handarbeit stellen der gelernte Orthopädieschuhmacher und seine zwei festangestellten Mitarbeiter pro Tag etwa 80 bis 100 Paar Schuhe her, die in 20 verschiedenen Farben und Mustern in Größen von 23 bis 52 angeboten werden. Von den Pantoffeln, die in einfacher Ausfertigung 17 Euro kosten, gehen pro Jahr rund 10.000 Paar über den Ladentisch. Über den Onlineshop werden etwa 4000 Paar bestellt. Die Kundschaft kommt größtenteils aus Deutschland, aber auch Besucher aus Südafrika, Miami und Australien haben die Handarbeit aus Berlin schon in die Heimat mitgenommen.

Gegründet vor 111 Jahren

An all das war vor 111 Jahren noch nicht zu denken, als Bernhard Jünemann die Firma in Magdeburg gründete. Damals produzierte er, wie viele Schuhmacher zu der Zeit, die Pantoffeln noch in der eigenen Wohnung. Sein Sohn Otto übernahm im Jahr 1927 den Betrieb und ging nach Berlin, um sein Glück in der Lottumstraße in Mitte zu versuchen. Von da aus zog er noch mehrmals um, aber das Zentrum der Stadt hat das Unternehmen seither nicht mehr verlassen. Es überstand schwierige Zeiten wie die Weltwirtschaftskrise, der beiden Weltkriege, die Teilung Deutschlands und die Zeit nach der Wiedervereinigung.

Pantoffel als Währung

Dabei ersetzten die Pantoffel manchmal auch das Bargeld. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden sie gegen Lebensmittel eingetauscht und die Sohlen aus Autoreifen geschnitten. Verkauft wurden sie dann auf Berlins Straßen und Hinterhöfen. Beim sogenannten Hausieren zog man mit einem Rucksack voller Pantoffeln durch die Straßen und bot diese den Passanten an. Als Otto Jünemann 1957 starb, führte seine Frau Editha das Unternehmen weiter. Von den gemeinsamen zwölf Kindern arbeiteten fast alle für unterschiedlich lange Zeit im Unternehmen mit. Der jüngste Sohn Günter, der Vater des jetzigen Inhabers, übernahm den Betrieb im Jahr 1968 und arbeitet bis heute gelegentlich dort. Seit 1980 befindet sich das Geschäft an der Torstraße.

Nach der Wende mussten viele Pantoffelmacher schließen

Reno Jünemann kennt die wechselvolle Geschichte des Pantoffel-Handwerks in Berlin auswendig: „Nach dem zweiten Weltkrieg gab es noch etwa 50 Pantoffelmacher. Während der Teilung fanden sie ihr Biotop im Osten der Stadt“, sagt er. Die Marktwirtschaft im Westen haben sie dagegen nicht überlebt. „Das größte Problem war der Absatz, es ging einfach nichts mehr weg“, sagt der Geschäftsführer. Als er nach seiner Ausbildung am Anfang der 90er-Jahre in dem Familienbetrieb angestellt wurde und er sich sechs Jahre später zusammen mit seinem Vater selbstständig machte, war das Unternehmen verschuldet, der Verkauf lief nur schleppend. Aufgeben war für ihn trotzdem nie eine Option. „Wir haben eine Nische gefunden und sind etwas Besonderes. Ich will die Familientradition aufrecht erhalten“, sagt Reno Jünemann.

Verkauf über das Internet

Gerettet hat ihn sein Durchhaltevermögen – und der Onlineshop. Seit 2003 können die Pantoffeln dort geordert werden. Mit dem Versand begann das Unternehmen aber schon 1997, damals wurden die Bestellungen noch per Telefon entgegengenommen und per Hand in ein Notizbuch eingetragen. Der Inhaber ist stolz darauf, dass er die schwierigen Zeiten überwunden hat, seit 2006 ist der Betrieb schuldenfrei. Doch die Herausforderungen hören nicht auf: Vor anderthalb Jahren erhöhte der neue Hauseigentümer die monatliche Miete um mehr als 1000 Euro. „Hier in der Gegend werden Preise aufgerufen, die jenseits von Gut und Böse sind. Immerhin läuft unser Vertrag noch mindestens acht Jahre“, sagt Reno Jünemann. Viele Geschäfte in der Nachbarschaft mussten schon schließen, nebenan sei einer Apotheke gekündigt worden. Sein Geschäft will Jünemann unter allen Umständen behalten. Eine einfache Ladenfläche ohne Produktion kann er sich nicht vorstellen. „Wir leben davon, dass die Menschen zu uns in den Laden kommen und zusehen können, wie die Pantoffel hergestellt werden“, sagt der Inhaber.

Kein Ausbildungsberuf

Dass sein Handwerk ausstirbt, davon könne noch nicht die Rede sein. „Ich bin ja noch da. Aber wie in vielen handwerklichen Bereichen wird alles automatisierter“, sagt der 47-Jährige. Pantoffelmacher sei kein Ausbildungsberuf, deshalb hängt das Überleben der Zunft auch davon ab, ob sich gelernte Schuhmacher für die Herstellung von Pantoffeln entscheiden. Auf Kundenseite würden sich jedenfalls auch junge Leute für die Hausschuhe interessieren. Besonders beliebt seien die sogenannten Kamelhaar-Pantoffeln mit Karomuster in orange und gelb, die zu DDR-Zeiten viel getragen wurden.

Um seine Nachfolge macht sich Reno Jünemann noch nicht viele Gedanken. „Wenn ich mir darum in 20 Jahren Sorgen machen muss, ist das großartig, denn dann gibt es den Laden noch“, sagt der Pantoffelmacher. Seine zwei Töchter haben bisher noch andere Ziele: Eine will Innenarchitektin, die andere Visagistin werden.