Siegerentwurf gekürt

Das Haus der Statistik wird zum Modellquartier am Alex

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Im neuen Quartier um das Haus der Statistik soll auch eine Dachlandschaft gemeinschaftliche Freiräume bieten.

Im neuen Quartier um das Haus der Statistik soll auch eine Dachlandschaft gemeinschaftliche Freiräume bieten.

Foto: Teleinternetcafe und Treibhaus / Stadtentwicklung Berlin

Am Haus der Statistik entstehen ein neuer Rathausturm, Wohnungen und viel Platz für Kultur und Soziales. So sehen die Pläne aus.

Berlin. Die bröckelnde Front am Haus der Statistik lässt es noch nicht erkennen. Doch direkt hinter dem Alexanderplatz entsteht in den kommenden Jahren eines der wichtigsten Bauvorhaben Berlins. Nun ist klar, wie das Großprojekt rund um das Haus der Statistik zwischen Karl-Marx-Allee, Otto-Braun- und Berolinastraße in Zukunft aussehen soll.

Am Haus der Statistik entstehen Wohnungen, Büros und Platz für Kultur

Gewonnen hat der städtebauliche Entwurf der Berlin-Hamburger Planungsgemeinschaft „Teleinternetcafe und Treibhaus“, der am Montag vorgestellt wurde. Es sei ein „wunderbarer Entwurf“, schwärmte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher bei der Präsentation in der Werkstatt am Haus der Statistik.

Rund um den derzeit noch heruntergekommenen DDR-Bau entsteht ein neues Quartier, das Platz für unterschiedlichste Nutzungen bieten soll. Neben einem neuen Rathaus für den Bezirk Mitte, einem Finanzamt und neuen Büros der Berliner Immobilienmanagement (BIM) sind mehrere hundert Wohnungen und Flächen für soziale und kulturelle Projekte geplant.

Bezirk Mitte bekommt neuen Rathausturm

Das Quartier besteht aus zwei Teilen. Einerseits das bestehende Haus der Statistik mit rund 46.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche. Das Kopfgebäude an der Karl-Marx-Allee wird nach umfassender Sanierung von der Initiative Zusammenkunft Berlin (ZKB) verwaltet. Dort sollen Künstler mit ihren Ateliers einziehen, aber auch andere Kulturprojekte und soziale Träger Platz finden. Im bereits bestehenden Gebäuderiegel schließt sich daran das neue Finanzamt an, gefolgt von den Büroräumen der BIM.

Den zweiten Teil bilden mehrere Neubauten mit einer Gesamtfläche von 66.000 Quadratmetern. Nordöstlich vom Haus der Statistik entsteht entlang der Otto-Braun-Straße das neue Rathaus Mitte, ein 16-geschossiger Bau mit 64 Metern Höhe. Im ruhigeren Teil des Grundstücks baut die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) entlang der Berolinastraße auf 26.000 Quadratmetern rund 300 Mietwohnungen und eine Kita.

Auch „experimentelle“ Wohnungen geplant

50 Prozent der Wohnungen sollen 6,50 Euro pro Quadratmeter kosten. Die andere Hälfte würde bei den gegenwärtigen Preisen mit rund zehn Euro für jeden Quadratmeter zu Buche schlagen.

Aus den siebengeschossigen Wohnbauten ragt ein 46 Meter hoher Wohnturm mit 15 Geschossen heraus. Weiter südlich entsteht unter Leitung der ZKB ein zweites Wohnhochhaus mit 37 Metern. Hier sollen auf weiteren knapp 7000 Quadratmetern experimentelle Wohnformen getestet werden wie Wohngemeinschaften und Atelierwohnungen für Künstler.

Zwischen den Verwaltungsbauten an der Otto-Braun-Straße und den Wohnhäusern an der Berolinastraße ergänzen im Innenbereich des Grundstücks zwei Experimentierhäuser unter Kontrolle der ZKB das Ensemble. Auch diese sollen sozialen Trägern und Kulturprojekten vorbehalten sein.

Nachbarschaft soll sich im Quartier vernetzen

Durch die beiden Experimentierhäuser und den ZKB-Wohnturm wird der innere Bereich des Grundstücks in drei Höfe unterteilt. Das Planerteam spricht von Stadtzimmern. Hier gibt es Spielflächen für die Kinder der Kita und der Mieter. „Sie sollen ein Begegnungsort sein für die Anwohner und die Projekte und Gewerbe in den Erdgeschossen“, sagte Urs Krumberger vom Planungsbüro Teleinternetcafe. So solle sich das Quartier besser vernetzen.

Zwischen den Höfen sind von der Otto-Braun-Straße zur Berolinastraße zwei Durchgänge vorgesehen. Sie weiten sich an der Berolinastraße zu Vorplätzen, die Raum für Cafés, Restaurants, aber auch einen alternativen Supermarkt mit lokalen Produkten liefern, erklärt die ZKB-Vertreterin Frauke Gerstenberg vom Raumlabor Berlin.

Drei neue Stadtplätze geplant

Ergänzt werden die öffentlichen Flächen im ruhigen Teil des Grundstücks durch drei Stadtplätze. An der Kreuzung von Karl-Marx-Allee und Otto-Braunstraße sehen die Planer einen „Stadtplatz für die Nachbarschaft“, wie es Planer Gerko Schröder von Treibhaus Landschaftsarchitektur nennt. Eine „kulturelle Bühne“ geprägt durch das daneben liegende ZKB-Haus.

Ein weiterer Platz entsteht vor dem Rathaus und den anderen Verwaltungsgebäuden an der Otto-Braun-Straße. Möglich wären hier Fahrradstellplätze oder Sportgelegenheiten, sagen die Planer. Einen dritten Platz gibt es an der Otto-Braun-Ecke Mollstraße.

Haus der Statistik soll Modellprojekt für das Dragoner Areal werden

Für Senatsbaudirektorin Lüscher ist die Planung des Quartiers ein „ganz spezielles Projekt“. Mit Senat, Bezirk, BIM, WBM und der ZKB hätten sich sehr unterschiedliche Partner zusammengefunden für eine Kooperation. Herausgekommen sei ein ganz gemischtes Quartier mit starker Gemeinwohlorientierung.

Für Lüscher der Idealfall, wie große Bauprojekte in Berlin künftig entwickelt werden sollen. „Wir wollen Maßstäbe setzen, wie Beteiligung funktionieren kann.“ Die Planungsablauf beim Haus der Statistik würde damit etwa zum Modellprojekt für das Verfahren beim Dragoner Areal.

Neues Rathaus Mitte soll Kita und Duschen für Mitarbeiter bekommen

Zufrieden zeigte sich auch Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). „Dieses Projekt ist die Abkehr von der alten Liegenschaftspolitik“, betonte Gothe mit Blick darauf, dass bis vor wenigen Jahren beim damaligen Eigner, dem Bund, noch der Plan bestand, das Grundstück meistbietend zu verkaufen.

Den Neubau für das Rathaus Mitte bezeichnete er als „irren Schritt“. „Wir sind elektrisiert von dem Gedanken, ‚Was bedeutet Rathaus der Zukunft?‘“. Es müsse den Anforderungen der Bürger gerecht werden, aber auch für Mitarbeiter attraktiv sein. „Wir wissen, es wird zukünftig schwerer, Menschen zu finden, die sich für den öffentlichen Dienst entscheiden.“ Da müssten sie auch über Annehmlichkeiten rund ums Büro überzeugt werden.

Der Turm mit einer Gesamtfläche von 26.000 Quadratmetern soll unter anderem eine Betriebskita beherbergen. Zudem plant der Bezirk Fahrradabstellplätze und Duschen für Mitarbeiter, die im Sommer längere Strecken per Rad zur Arbeit zurücklegen. Daneben solle die Berliner Stadtmission in den Turm einziehen.

Kosten des Projekts liegen bei 250 bis 300 Millionen Euro

Neben der schönen neuen Arbeitswelt zwingt aber auch die ökonomische Realität den Bezirk zum Neubau, erklärte Gothe. Der Bezirk ist mit dem Rathaus Mitte aktuell nur Mieter im Berolinahaus. Eine zunehmend teure Angelegenheit. „Bei den letzten Verhandlungen wurde die Mietschraube schon ordentlich angehoben“, sagte Gothe. Ob die Miete bei einer Vertragsverlängerung in neun Jahren noch zu finanzieren wäre, sei unklar.

Vor diesem Hintergrund erklären alle Beteiligten auch den Gesamtpreis des Projekts von 250 bis 300 Millionen Euro für gerechtfertigt. Ziel des Landes sei, dem Mietmarkt nicht weiter in dem Maße ausgesetzt zu sein, sagte BIM-Prokuristin Angela Deppe. Nach der Sanierung könne die BIM im Haus der Statistik knapp 2000 Verwaltungsmitarbeiter unterbringen, die bisher in angemieteten Flächen säßen, erklärte sie. Der Bau sei deshalb „insgesamt nachhaltig und wirtschaftlich“.

Wohnungen der WBM sollen 2024 fertig sein

Bis das neue Modellquartier östlich des Alexanderplatzes Realität ist, wird es noch mehrere Jahre dauern. Doch das Quartier wird sich unterschiedlich schnell entwickeln. Frühestens 2021 soll mit dem Bau der Neubauten begonnen werden. WBM-Geschäftsführer Jan Robert Kowalewski will die ersten Mieter 2024 in den Wohnungen begrüßen.

Für Mittes Baustadtrat Gothe steht bisher nur fest, dass das neue Rathaus bis zum Ende des Mietvertrags im Berolinahaus in neun Jahren komplett bezogen sein muss. Schneller dürfte es in den Bestandsbauten gehen. Schon jetzt hat die BIM mit der Schadstoffsanierung begonnen. Ab Sommer sollen im Erdgeschoss des Hauses der Statistik soziale und kulturelle Träger für eine Zwischennutzung einziehen.

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