Massiver Flächenmangel

Berlins Innenstadt platzt aus allen Nähten

Schulen, Kitas oder Wohnungen: Berlins Zentrum braucht das alles dringend – doch Freiflächen sind rar. Der Konflikt spitzt sich zu.

Kaum noch freie Flächen gibt es in Berlins Zentrum - dabei werden sie dringend gebraucht (Archiv).

Kaum noch freie Flächen gibt es in Berlins Zentrum - dabei werden sie dringend gebraucht (Archiv).

Foto: Robert Schlesinger / picture alliance / Robert Schlesinger

Berlin. Das Projekt war ambitioniert, aber hochgelobt: Im maroden ehemaligen Schulbau des Diesterweg-Gymnasiums in Gesundbrunnen wollte die Initiative PS Wedding günstige Wohnungen und Platz für soziale Vereine und Initiativen schaffen. Mittlerweile sind die Pläne jedoch vom Tisch. Der Bezirk Mitte entschied sich gegen die Ideen – dabei unterstützte er sie lange selbst.

Doch neu errechnete Schulbedarfszahlen führten zum Umdenken. Plötzlich wird der Platz dringend für einen Schulneubau gebraucht und stürzt den Bezirk in ein Dilemma. Ein von vielen Seiten gelobtes Wohnungsbauprojekt oder eine wegen steigender Kinderzahlen nötige Schule – Mitte ist an einem Punkt angelangt, an dem es oft nur noch entweder oder heißt.

Schulen, Wohnungen und Parks konkurrieren um die knappen Flächen

Der Fall steht stellvertretend für eine Entwicklung, die die ganze Berliner Innenstadt zunehmend betrifft. Überall werden die Freiflächen knapp. Längst mangelt es an Platz, um verschiedenen Interessen gerecht zu werden. Doch ob Schulen, Grünflächen oder neuer Wohnraum, es gibt unterschiedlichste Nutzungsmöglichkeiten, die alle ihre Berechtigung haben – und nun um den knappen Platz im Zentrum streiten müssen.

Mitte, Pankow, Friedrichshain-Kreuzberg oder die City West: Überall im Zentrum zeigt sich dieser Konflikt massiv. Zurück bleiben Bezirke, deren Handlungsspielraum ob des Platzmangels stetig schwindet.

In Prenzlauer Berg herrscht ein Kampf um Flächen

Wie sich Berlin in Zukunft vergrößert, lässt sich besonders in Pankow erkennen. Schon heute wohnen dort 400.000 Menschen. Der Senat erwartet bis 2030 eine Wachstumsquote von deutlich über zehn Prozent. Aber vor allem in Prenzlauer Berg herrscht schon jetzt ein Konkurrenzkampf um immer weniger Flächen.

Während Investoren Altbauten aufstocken und Höfe nachverdichten, muss das Bezirksamt Platz für neue Schulen finden, an denen die Kinder der Zuzügler unterrichtet werden. Und wenn Freiflächen nicht vorhanden sind, dann muss der Bezirk dafür sorgen, dass Flächen frei werden. So wie im Falle der ältesten Beachvolleyballanlage Berlins am Volkspark Friedrichshain. Sie musste im vergangenen Sommer nach 19 Jahren schließen – weil dies der einzige Platz in der Gegend ist, an dem Pankow eine provisorische Schule errichten kann.

Mitte fehlen in den kommenden Jahren tausende Schulplätze

Auch Mitte ist massiv gewachsen. Seit 2011 um 52.000 Menschen. Hier stellt ebenfalls der Schulbau den Bezirk vor massive Herausforderungen. „Tendenziell laufen alle Schulen voll“, sagt Schulstadtrat Carsten Spallek (CDU). Ab 2020 fehlten dem Bezirk allein bei Integrierten Sekundar­schulen über 1000 Schulplätze. Bis zum Jahr 2030 soll die Zahl auf fast 2000 ansteigen. Gebraucht werden vier neue Schulstandorte. Lediglich einer ist mit dem ehemaligen Diesterweg-Gymnasium gefunden. Wo die anderen entstehen sollen? Spallek weiß es noch nicht.

Auch an den Grundschulen werden dem Bezirk im Jahr 2024 fast 2000 Schulplätze fehlen. Unwesentlich besser sieht es bei den Gymnasien aus. Die Lücke liegt bis 2024 bei 750 Plätzen. „Wir haben einen gesetzlichen Auftrag, Schulplätze zur Verfügung zu stellen“, sagt Spallek. Alles andere müsse hintanstehen.

So sieht es auch Maja Lasić, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion und Abgeordnete für das Brunnenviertel. „Der fehlende Platz für Schulen stellt uns vor massive Herausforderungen“, sagt sie. Besonders in Alt-Mitte und Wedding würden dringend Grundschulen gebraucht. Doch der unbebaute Platz ist fast weg. „Wir haben in Mitte Gebiete, in denen wir überhaupt keine Flächen mehr haben“, konstatiert Lasić. „Da geht rein gar nichts mehr.“

Keine Entspannung in Sicht, die Nachfrage steigt weiter

Ähnlich sieht es in Berlins kleinstem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aus. Bei Grundschulen behilft man sich mit Modularen Ergänzungsbauten (MEB). Alle Kinder können deshalb untergebracht werden, sagt Schulstadtrat Andy Hehmke (SPD). Was nicht mitgewachsen sei, ist der Bestand an Mensen und Turnhallen. Und die Nachfrage steigt weiter.

Hehmke plant auf Grundlage einer Prognose, die zwischen 2016 und 2024 von einem Anstieg zusätzlich benötigter Grundschulplätze von 2000 in Friedrichshain und 1000 Kreuzberg ausgeht. Weil nicht genügend Freiflächen zum Bau zur Verfügung stehen, werde man sich „über mehrere Jahre hinweg noch“ mit MEB behelfen.

Schlimmer noch sieht es bei weiterführenden Schulen aus. Dort stoße der Bezirk an seine Grenzen. „Wir können hierbei seit Jahren nicht mehr alle Schüler aus dem Bezirk versorgen“, sagt er. Begehrt sind Plätze an Sekundarschulen mit gymnasialer Oberstufe. „Da müssen wir Interessenten abweisen.“ Sein Resümee: „Entspannung ist nicht in Sicht.“ Voll ist es auch in der City West. Neue Kita-, Schul- und Sportplätze werden dringend gebraucht.

Es fehlt an Wohnungen – doch darf deshalb jeder Park bebaut werden?

Und der Wohnungsbau? Der müsse bei der Nutzung von Flächen eine überragende Rolle einnehmen, sagt Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne). „In Mitte, das nur noch für wohlhabende Menschen Wohn- und Lebensort ist, wäre eine sozial verheerende Monokultur.“ Wie schwierig der Wunsch nach mehr bezahlbarem Wohnraum umzusetzen ist, wenn Schulen Vorrang haben, zeigt bereits der Fall PS Wedding.

Umgekehrt gibt es plötzlich die Forderung, jede Freifläche mit Wohnhäusern zu bebauen. Dabei äußert sich der Flächenmangel auch an anderer Stelle im Bezirk Mitte. An vielen Orten fehlen schon heute Grün- und Freiflächen. Rund um die Osloer Straße etwa gelten 97 Prozent der Bewohner offiziell als unter- bis gar nicht versorgt mit Parks und Grünanlagen. In Moabit West finden nur 17 Prozent der Anwohner in der Umgebung genug Parks vor. Bei Sportflächen ist die Lage kaum besser.

Nicht anders stellt sich die Situation im Westen der Innenstadt dar. Das dringliche Problem des Wohnungsbaus trifft dort auf die Forderung, Grünflächen wie das Westkreuz-Areal oder die Cornelsen-Wiese in Schmargendorf zu erhalten.

Für weitere Schulen könnten Grünflächen weichen müssen

Diese Freiflächen dienen den Berlinern nicht nur, um sich zu erholen. Sie sind auch für das Stadtklima enorm wichtig – und deshalb nicht verhandelbar. „Der Erhalt von Kaltluftschneisen oder Naturflächen ist eigentlich gesetzliche Pflichtaufgabe, da wir für gesunde Lebensverhältnisse unserer Bewohner sorgen müssen“, sagt von Dassel. Wird der Ruf nach neuen Bauten egal für welchen Zweck aber größer, wird es immer schwieriger, die Parks und Grünanlagen dauerhaft in Gänze zu schützen.

Nutze man die wenigen vorhandenen Flächen nicht, sagte Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) neulich, käme er nicht umhin, Schulen auch im Humboldthain oder im Volkspark Rehberge zu bauen. Es zeigt die dramatische Situation, in der sich der Bezirk befindet. Grünflächen werden da im Zweifel die ersten sein, die weichen müssen.

Bürgermeister von Dassel: „Wir müssen kreativ sein“

Wie sich das Problem lösen lässt? Darauf gibt es noch keine Antwort. „Die Nutzungskonflikte sind nicht aufzulösen“, sagt von Dassel. Sie ließen sich nur gründlich gegeneinander abwägen. Mittes Bürgermeister schlägt vor, Grundstücke noch stärker mehrfach zu nutzen.

Von nachmittags offenen Schulhöfen spricht er oder Einrichtungen, die zunächst von Senioren, nachmittags und abends dann aber von Jugendlichen genutzt würden. Und er hofft auf alles, was ihnen jetzt noch nicht eingefallen ist. Sein Credo: „Wir müssen kreativ sein.“

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