Noch heute erzählen sich die Jugendlichen aus dem Soldiner Kiez die Geschichten von damals, als es hier in Gesundbrunnen noch regelmäßig knallte. Viele von ihnen haben es zwar nicht selbst erlebt, aber Brüder und Schwestern, Tanten und Onkel waren dabei. Eine Grundregel lautete: Kommt die Polizei, gibt es Stress. Eine dieser Geschichten geht so: Die Polizei rückte nach einer Sportplatz-Schlägerei einmal mit mehreren Mannschaftswagen an. Was auf jedem zweiten Dorfplatz regelmäßig passiert, endete im Soldiner Kiez häufig mit intensiven Personenkontrollen.

Von allen, auch von den Kindern, wurden damals die Personalien aufgenommen. Die Stimmung war hitzig, es wurde laut, es gab Festnahmen. Ein Jugendlicher stürmte mit einem Kleinkind im Arm auf die Beamten zu, hielt es ihnen entgegen und fragte, ob sie nicht vergessen hätten, auch von diesem die Personalien aufzunehmen. Als Vergeltung für die vermeintliche Polizeischikane schoben mehrere Jugendliche in der Nacht ein brennendes Sofa auf die Kreuzung und warteten auf die Einsatzkräfte, die dann von grölenden Jugendlichen und Eierwerfern empfangen wurden. Der Soldiner Kiez, das sagen Beamte, Sozialarbeiter und Anwohner, war immer auch ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Staatsmacht und Halbstarken.

Die Soldiner Straße im Stadtteil Gesundbrunnen gehört zu den Problemkiezen in Berlin. Doch seit einigen Jahren geht es im Kiez bergauf - auch dank ehrenamtlicher Präventionsarbeit.
Die Soldiner Straße im Stadtteil Gesundbrunnen gehört zu den Problemkiezen in Berlin. Doch seit einigen Jahren geht es im Kiez bergauf - auch dank ehrenamtlicher Präventionsarbeit.© picture alliance / ZB | dpa Picture-Alliance / Sascha Steinach

Auch heute ist das Viertel nördlich der Osloer Straße noch weit von einer bürgerlichen Wohngegend entfernt. Das Gebiet gehört zu den ärmsten der Stadt. Mehr als 80 Prozent der Kinder im Viertel haben einen Migrationshintergrund, fast jeder zweite bekommt staatliche Transferleistungen – und die Arbeitslosenquote liegt mit 15 Prozent weit über dem Berliner Durchschnitt. Kurz: Das Viertel gilt noch immer als Problemkiez und landet auch regelmäßig in den Schlagzeilen. Kürzlich gingen etwa mehrere Männer vor einem Café mit Schlagstöcken und Äxten aufeinander los.

Und dennoch hat sich in den vergangenen Jahren viel geändert. Und das liegt an Menschen wie dem Erzieher Yousef Ayoub und an Polizisten wie Eckhard Mantei und Peter Friese. Ayoub ist Gründer des Vereins „Kiezbezogener Netzwerkaufbau“ (KbNa). Hinter dem sperrigen Namen versteckt sich eine Initiative, die Vereine und Träger vor Ort zusammenbringt und Kinder durch Freizeitangebote von der Straße holen will. Und die Berliner Polizei in Wedding ist ein zentraler Bestandteil dieser Jugendarbeit.

Polizisten in Uniform spielen mit den Kindern Fußball

Und das sieht dann so aus: Wie jeden Dienstag gegen 16 Uhr steuern Mantei und Friese ihre Polizeitransporter vom Hof des Polizeiabschnitt 36 an der Pankstraße zu einem vereinbarten Treffpunkt. Dieses Mal an der Biesentaler Straße. Dort warten Kinder, mit denen die beiden Polizisten zum Fußball fahren. „Die Stimmung hat sich geändert“, sagt Friese, während er den großen grünen Transporter mit den vergitterten Scheiben durch den dichten Nachmittagsverkehr lenkt. Friese ist auch als Kontaktbereichsbeamter im Viertel unterwegs. Noch vor wenigen Jahren gab es die Anweisung aus der Polizeiführung, dass die Beamten nicht allein im Soldiner Kiez unterwegs sein sollen. „Heute komme ich bei meinen Runden kaum vorwärts, so oft werde ich gegrüßt und angesprochen“, sagt Friese.

Jeden Dienstag spielen Kinder und Jugendliche aus dem Kiez mit Polizisten aus dem Kiez Fußball. Die Polizisten tragen dabei Uniformen, damit trotzdem klar ist, wer hier mit auf dem Platz steht.
Jeden Dienstag spielen Kinder und Jugendliche aus dem Kiez mit Polizisten aus dem Kiez Fußball. Die Polizisten tragen dabei Uniformen, damit trotzdem klar ist, wer hier mit auf dem Platz steht.© jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Diesen Dienstag fahren Mantei und Friese die Kinder in die Polizeisporthalle an der Kruppstraße. An einer roten Ampel stehen die beiden Polizeitransporter direkt nebeneinander. Für Außenstehende ein ungewöhnlicher Anblick: am Steuer die beiden Polizisten und auf den hinteren Plätzen Kinder und Jugendliche, aus deren Handys Rap-Beats scheppern. Schwer angesagt ist gerade der Berliner Rapper Capital Bra, der aus Sibirien stammt, aber in Hohenschönhausen aufwuchs. Seinen Traum, von der Straße zum kommerziell erfolgreichsten deutschen Rapper, träumen hier viele Kinder.

Doch um was es in der Musik geht, nämlich Drogen, Gewalt und das schnelle Geld, genau davor will Yousef Ayoub (34) die Kinder mit seinem Projekt bewahren. Mittlerweile hat Ayoub mehr als 30 Vereine um sich geschart und miteinander vernetzt. Die Jugendlichen aus dem Kiez spielen zusammen Fußball, gehen klettern oder kochen gemeinsam. Hauptsache, sie hängen nicht auf der Straße ab.

Ayoub ist auch im Kiez aufgewachsen und kennt die Zeit, als es hier noch richtig schlimm war. „Ich wollte das irgendwann einfach nicht mehr“, sagt er heute. Das war vor zehn Jahren. „Und ich wusste, dass ich nur etwas ändern kann, wenn ich die Polizei mit ins Boot hole“, sagt er.

Berliner Polizeipräsidentin unterstützt das Projekt

Ayoub ging damals zum Abschnitt. Er sprach die Polizisten an und stellte seinen Plan vor, wie er den Kiez befrieden möchte. Die Skepsis war groß. Nicht nur bei der Polizei, sondern auch im Kiez. „Aber irgendwann muss man einen Schritt aufeinander zugehen, sonst wird alles nur noch schlimmer“, sagt Ayoub. Wie furchtlos er dabei auftrat, ist im Kiez schon legendär. Denn Ayoub, immer freundlich und höflich, hat keine Angst. Auch nicht vor großen Namen. Das weiß auch Polizeipräsidentin Barbara Slowik. Ayoub lernte Slowik kennen, als sie noch im Innenministerium arbeitete. Auch dort wurde Ayoub vorstellig und warb für sein Projekt. Slowik war damals noch Leiterin des Referates „Öf­fent­li­che Si­cher­heit, Rechts- und Grund­satz­an­ge­le­gen­hei­ten der Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung, Per­so­nen- und Ob­jekt­schutz“. Ayoub lud sie und den damaligen Innenminister Thomas de Maizière (CDU) zu einem Kiezspaziergang durch die Koloniestraße und die Soldiner Straße ein. Ayoub zeigte dem Innenminister, wie wichtig Sozialarbeit vor Ort ist und dass Prävention oft viel wertvoller ist als martialisch auftretende Polizisten.

Der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (2.v.r., CDU), besuchte im Jahr 2014 den Soldiner Kiez und ließ Friedenstauben steigen.
Der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (2.v.r., CDU), besuchte im Jahr 2014 den Soldiner Kiez und ließ Friedenstauben steigen.© picture alliance / dpa | dpa Picture-Alliance / Bernd von Jutrczenka

De Maizière ist heute nicht mehr Innenminister, aber Barbara Slowik ist inzwischen Polizeipräsidentin von Berlin – und eine der größten Unterstützerinnen des Projektes. Sie, das sagt sie in Hintergrundgesprächen, würde das Projekt am liebsten auf andere Stadtteile, etwa Neukölln, übertragen. Im Abschnitt 36 hängen noch heute fünf Jahre alte und leicht vergilbte Fotos von ihr und de Maizière an einer Pinnwand. „Der Besuch damals war für den Kiez und die Anerkennung ganz wichtig“, sagt Polizist Friese. Auch wenn im Kiez längst nicht alles in Ordnung sei, habe die Anerkennung zugenommen. „Das ist vielleicht nicht in Zahlen messbar. Aber ich, als Polizeibeamter, merke das, wenn ich draußen auf der Straße unterwegs bin. Der Umgang ist respektvoller“, sagt Friese.

Um Respekt geht es auch bei dem Fußballspiel an der Kruppstraße. Die Polizisten Mantei und Friese stehen in voller Montur mit auf dem Platz. Ayoub steht am Rand und beobachtet das Spiel. Neben ihm steht Anas (24). Auch er kommt aus dem Soldiner Kiez. Er ist hier aufgewachsen. Als Eckard Mantei von einem Kind ausgedribbelt wird, muss er lächeln. „Ecki ist so ein guter Polizist. Jeder im Kiez respektiert ihn“, sagt Anas. Und das liege nicht nur am Fußballspielen, sondern an seiner Herzlichkeit. „Wenn du Probleme hast, kannst du ihn ansprechen“, sagt er. Denn darum gehe es: Das, was am Spielfeldrand passiere. „Ich studiere heute. Freunde von mir haben sich bei der Polizei beworben“, sagt Anas. Die Polizisten Friese und Mantei und der Erzieher Ayoub seien einfach Ansprechpartner für alles.

Als das Fußballspiel vorbei ist, ruft Ayoub alle Jugendlichen zusammen. In dem Spiel ging es ungewöhnlich hart zu. Die beiden Teams leisteten sich mehr Fouls als nötig gewesen wären. Ayoub fragt die Kinder, was der Grund dafür gewesen sei. Ein Junge meldet sich und sagt, dass er sich vom Schiedsrichter ungerecht behandelt fühle. Ayoub erklärt, dass auch ein Schiedsrichter mal eine Fehlentscheidung treffen kann, aber im Großen und Ganzen dafür sorgt, dass das Spiel fair laufe. „Denkt daran, eigentlich ist jeder von euch ein Schiedsrichter. Wir alle müssen fair miteinander umgehen“, sagt Ayoub und bekommt dafür Applaus.

Genau diese Fairness fordert Ayoub auch für sich und sein Projekt ein. Denn vor ein paar Monaten sorgte das Musik-Video „Füreinander da“ für Schlagzeilen. Der Film, der für das Projekt werben sollte, war von jemandem produziert worden, der auch schon ein Rapvideo für einen islamistischen Rapper produziert hatte. Ayoub, der davon aus den Medien erfuhr, distanzierte sich sofort. Wer heute mit ihm spricht, merkt, wie sehr das alles noch an ihm nagt. „Seit zehn Jahren tun wir alles für den Kiez und dann das“, sagt er. Noch immer bekommt der Verein anonyme Hassbotschaften. Aufgeben wird Ayoub aber nicht.

Eine Videoreportage aus dem Soldiner Kiez finden Sie im Internet auf www.morgenpost.de/soldinerkiez