Bauvorhaben

Baustadtrat stoppt illegalen Abriss von Ateliers

Investor lässt in der Koloniestraße 10 im Ortsteil Gesundbrunnen Garagen ohne Genehmigung abreißen. Er plant dort teure Apartments.

Baustadtrat Gothe unterstützt die Anwohner. Hier zusammen mit Johann Sommer vor den Garagen.

Baustadtrat Gothe unterstützt die Anwohner. Hier zusammen mit Johann Sommer vor den Garagen.

Foto: David Heerde

Berlin. Die Bauarbeiter überraschten Marie Münch im Morgengrauen. Gegen 7 Uhr früh stand plötzlich ein Abrisstrupp mit Bagger im Remisenhof ihres Wohnhauses an der Koloniestraße 10 in Gesundbrunnen. Sie wollten die dort befindlichen Garagen samt Werkstätten und Künstlerateliers abbrechen. Für Mieterin Münch kam die Abrissaktion aus dem Nichts. Vom Bezirksamt habe es zuletzt anders lautende Aussagen gegeben. „Das Bezirksamt hatte uns zugesichert, dass sie vor Weihnachten nichts mehr genehmigen würden“, sagte Münch. „Ich dachte, wir hätten so lange Ruhe.“

Tatsächlich kamen die Arbeiter ohne eine Genehmigung angerückt, ausgerüstet nur mit dem Abrissauftrag, wohl im Auftrag des Investors Romeo Uhlmann. Dieser hat auf dem Nachbargrundstück unter dem Namen „Campus Viva“ bereits ein Haus mit Mikroapartments für Studenten gebaut. Die Preise beginnen bei 495 Euro für eine 19-Quadratmeter-Wohnung ohne Betriebs- und Nebenkosten. „Campus Viva“ verkauft die Apartments als Eigentumswohnungen und vermarktet sie auf der eigenen Internetseite bewusst als Anlageobjekte. Ein Hostel und die Erweiterung der Apartments plant Uhlmann auf dem Grundstück der Koloniestraße 10.

Handwerker und Künstler nutzen Remisenhof

Dieses gehört offiziell noch dem Immobilienunternehmen ZBI. Uhlmann möchte das Gelände für seine Pläne jedoch kaufen. Den dortigen Remisenhof nutzten viele Jahre lang rund 40 Bewohner und Gewerbetreibende. Handwerker hatten in dem beschaulichen Refugium ihre Werkstätten, Künstler ihre Ateliers. Bis auf drei sind mittlerweile jedoch alle Garagen der Gewerbetreibenden entmietet. Mit den verbliebenen befindet sich der Besitzer derzeit im Rechtsstreit.

Das hielt die beauftragten Bauarbeiter nicht davon ab, am Donnerstag im Sinne des Investors Fakten schaffen zu wollen. Tatsächlich ging das am Morgen zunächst auch mit dem Segen des Bauamtes Mitte. Nachdem die Polizei auf Münchs Hilferuf hin zunächst die Arbeiten gestoppt hatte, teilte ein Mitarbeiter der Bauaufsicht um 9 Uhr mit: Der Abriss ist rechtens. Eine Genehmigung sei für die Gewerbeeinheiten gar nicht erforderlich. Also legten die Bauarbeiter los, rissen die Teerpappen vom Dach und hingen die Türen der Garagen aus. Erst als gegen 11 Uhr weitere Mitarbeiter des Bezirksamtes im Remisenhof auftauchten, wurde der Abriss gestoppt.

Wie sich herausstellte, hatte Nochbesitzer ZBI dem Bezirk eine Abrissanzeige für die Garagen vorgelegt. Dies wurde ihm vom Bezirk jedoch Mitte November untersagt – verbunden mit dem Hinweis, dass das Grundstück seit Kurzem im Milieuschutzgebiet „Reinickendorfer Straße“ liege. Für Abbrucharbeiten ist daher nun eine Genehmigung nötig. Einen entsprechenden Antrag reichte der Investor jedoch nie ein. Beauftragt wurden stattdessen die Abrissarbeiter. Möglich war der zwischenzeitliche Beginn der Abbrucharbeiten letztlich jedoch nur durch Fehler in dem Bauamt selbst. Dass die Gegend um das Grundstück vor einiger Zeit zum Milieuschutzgebiet erklärt wurde, war Mittes Bauaufsicht offensichtlich unbekannt.

Froh, dass der Abrisstrupp unverrichteter Dinge abziehen musste, zeigte sich Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). Er bedankte sich besonders bei den Bewohnern. Sie hätten mit ihrem Eingreifen das Amt dabei unterstützt, den Milieuschutz umzusetzen. Umso mehr ärgerte sich Gothe über das Vorgehen des Investors. „Ich bedauere sehr, dass Herr Uhlmann aus Profitgier rechtswidrig den Abriss in die Wege geleitet hat.“ Angesprochen auf die Fehler in seinem Amt wiegelte der Baustadtrat ab. Die Kommunikation sei noch nicht perfekt. Die Dinge hätten aber noch rechtzeitig gelöst werden können.

Investor wird kritisiert, nur auf hohe Rendite aus zu sein

Über das rechtswidrig beauftragte Abrisskommando ärgerte sich auch der Weddinger Abgeordnete Tobias Schulze (Linke). „Dass der Investor es in Betracht zieht, ohne Genehmigung die Bagger anrücken zu lassen, hat mich erschrocken.“ Er sieht besonders die Apartmenthäuser von „Campus Viva“ kritisch. Obwohl sie offiziell als Studenten-Apartments firmieren, würden sich die Wohnungen nicht in erster Linie an Studierende richten. „Das ist nur ein Investorenmodell, um auf kleinstem Raum jenseits des Mietspiegels möglichst viel Rendite zu machen“, sagte Schulze. Da die Apartments möbliert sind, ist der Vermieter nicht an die Mietpreisbremse und den Mietspiegel gebunden. Vermieter könnten so problemlos 20 Euro und mehr pro Quadratmeter verlangen.

Marie Münch ist unterdessen froh, dass die morgendlichen Überraschung ohne Abriss endete. „Wir sind aber auch achtsam“, sagte sie. Noch sei schließlich keine endgültige Lösung für den Remisenhof gefunden. Dass noch vieles in der Schwebe ist, zeigt eindrücklich der Hof. Die Bauarbeiter stoppten am Vormittag zwar den Abriss. Bereits entfernte Dachpappen und Türen brachten sie jedoch nicht wieder an. Nur ein Bauzaun steht nun vor den Garagen.

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