Alles geht blitzschnell. Ein Mann mit eingefallenen Wangen steigt aus der U-Bahn, direkt geht er auf eine am Bahnsteig wartende Gruppe rauchender Jugendlicher zu. Ein Blickkontakt reicht und er entfernt sich mit einem von ihnen ein paar Meter. Der Zehn-Euro-Schein wandert in die eine, das Kügelchen Heroin in die andere Hand, schon trennen sich ihre Wege wieder. Bis zum nächsten Kauf. Szenen wie diese sind mittlerweile Alltag am U-Bahnhof Birkenstraße. Und laufen der Entwicklung des Kiezes in Moabit eigentlich zu wider. Während das Viertel immer schicker wird, verwandelt es sich zugleich zum Heroin-Hot-Spot.
Galt die Gegend um die Birkenstraße bis vor einigen Jahren als klassisches West-Berliner Arbeiterviertel, zieht sie mittlerweile vor allem Studenten und junge Familien an. Hippe Cafés, Bars und Restaurants haben eröffnet und werten den Kiez weiter auf. Das schlägt sich auch auf die Mieten nieder. Bei Neuvermietungen liegt die Netto-kalt-Miete in der Regel deutlich über zehn Euro pro Quadratmeter. Zwar hat sich Moabits Norden noch einen Teil seines ursprünglichen Charmes bewahrt, doch auch hier wird es teurer und schicker.

Kita-Leiter: Kinder können beim Spritzen zuschauen
Im Kontrast dazu steht die Entwicklungen im U-Bahnhof und in den nahen Grünflächen. Gelegen zwischen den Drogenumschlagplätzen im Kleinen Tiergarten und am Westhafen, war die Gegend dennoch lange unauffällig. Seit einigen Monaten jedoch warten im U-Bahnhof Grüppchen von Dealern auf Kundschaft. Junkies setzen sich zuweilen den Schuss direkt am Bahnsteig.
Häufig nutzen Abhängige auch die nahen Grünanlagen in der Bremer Straße oder am Unionplatz. Die Folge: Massenhaft herumliegende Spritzen. Zuletzt schlug deshalb die Kita „Fantasia“ an der Bredowstraße Alarm. Sie wandte sich mit einem Brief an den Bezirk. In den Gebüschen um den Spielplatz der Kita lägen häufig Spritzen, sagt Tagesstätten-Leiter Rainer Kleist. „Die Kinder können den Drogenkonsumenten beim Spritzen von unserem Garten aus zuschauen.“ Manche Junkies verrichten ihre Notdurft direkt am Zaun der Kita. Immer wieder landen auch Spritzen auf dem Gelände.
Die Fixerstube arbeitet an der Kapazitätsgrenze
Solche Szenen soll der Drogenkonsumraum „Birkenstube“ eigentlich verhindern. Seit 2004 ist die Fixerstube an der Birkenstraße Ecke Stromstraße Anlaufstelle für Suchtkranke. Hier können sie essen und duschen und die mitgebrachten Drogen konsumieren. Die Öffnungszeiten wurden in diesem Jahr um eine Stunde verlängert. Werktags steht der Raum Nutzern nun von 10.30 bis 16.30 Uhr offen. Doch das reicht längst nicht mehr aus. „Wir haben absolute Rekordzahlen bei den Nutzern“, sagt Nina Pritszens, Geschäftsführerin des „Birkenstuben“-Betreibers „Vista Berlin“. Die Kapazitäten der Fixerstube sind vollkommen ausgeschöpft.

Wie kommt der plötzliche Ansturm auf die Einrichtung? Die Zahl der Konsumenten in Berlin steige, weil immer mehr Menschen in schlechten sozialen Situationen leben würden, schätzt Pritszens. Durch den angespannten Wohnungsmarkt landeten immer mehr von ihnen auf der Straße. Hinzu kommt: In der Stadt werden Baulücken zusehends geschlossen.
Während sich obdachlose Abhängige dort früher gut zurückziehen konnten, konzentrierten sich ihre Lager heute stärker. „Das Problem wird damit sichtbarer“, so Pritszens. All das erhöht die Nutzerzahl der „Birkenstube“. Zu den Stoßzeiten reichen die Plätze oft nicht. Die Konsumenten müssen warten. Sind Abhängige gerade auf Entzug, halten sie das nicht durch. Statt zu warten, gehen sie lieber hinter den nächsten Busch.
Kein Geld für längere Öffnungszeiten der "Birkenstube"
„Die hohe Auslastung bringt die Birkenstube an ihre Kapazitätsgrenzen“, sagt Mittes Gesundheitsstadtrat Ephraim Gothe (SPD). Das werde auch im Umfeld spürbar. Der Bezirk habe deshalb die Gesundheitssenatorin aufgefordert, die Öffnungszeiten für die Birkenstube zu erweitern. Ähnlich sieht es der Moabiter Abgeordnete Marc Urbatsch (Grüne). „Die Ausweitung der Öffnungszeiten der Birkenstube bis mindestens 22 Uhr kann zu einer deutlichen Entspannung auf der Grünfläche Bremer Straße Ecke Birkenstraße führen“, sagt er.
„Hier ist ganz klar die Senatsverwaltung für Gesundheit am Zuge.“ Ob es eine schnelle Reaktion des Senats geben wird, ist unklar. Bis Ende 2019 besteht keine Möglichkeit, die Öffnungszeiten der „Birkenstube“ zu verlängern, teilte die Senatsverwaltung für Gesundheit auf eine Kleine Anfrage von Urbatsch im Abgeordnetenhaus hin mit. Alle Haushaltmittel seien bereits verplant. Man suche aber nach freien Geldern, sagte ein Sprecher der Berliner Morgenpost.
Vielleicht bleibt die Fixerstube also doch kurzfristig länger auf. „Ein richtiger Schritt“, fände Pritszens. „Aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Die Räume seien zu begrenzt. Da würden auch ein paar Stunden mehr nicht helfen. Auch eine bald in Neukölln eröffnende Fixerstube brächte unmittelbar wenig Entlastung. „Auf lange Sicht machen weitere Konsumräume aber Sinn – auch in Mitte.“
Spritzenentsorgungseimer sollen helfen
Um etwas gegen die herumliegenden Spritzen zu unternehmen, sammeln Mitarbeiter des Vereins "Fixpunkt" einmal wöchentlich die Konsumutensilien aus den Grünflächen im Kiez auf. Das Bezirksamt hat zudem vor wenigen Wochen neun Spritzenentsorgungseimer aufgestellt, einen davon am Unionplatz am Ende der Birkenstraße. Gebrauchte Spritzen sollen so nicht mehr zur Gefahr für spielende Kinder oder Stadtmitarbeitern werden, die Grünflächen säubern.
Mitarbeiter von "Fixpunkt" und der "Birkenstube" machen die Konsumenten auf die Behälter aufmerksam. Auch wenn so schon einige Spritzen sicher entsorgt wurden, hält sich der Effekt aus Sicht von Kita-Leiter Kleist noch in Grenzen. Es sei sicher eine sinnvolle Maßnahme. „Leider ist uns aber bisher nicht aufgefallen, dass es dadurch besser geworden wäre.“ Bis die Kinder auch im Park wieder gefahrlos spielen können, sei noch viel zu tun.
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