Ex-Diesterweg-Gymnasium

Soziales Wohnprojekt steht wegen Schulneubau vor dem Aus

Eine Initiative wollte Wohnungen im ehemaligen Diesterweg-Gymnasium errichten. Plötzlich will der Bezirk eine Schule bauen.

Sabine Horlitz und Oliver Clemens von PS Wedding vor dem ehemaligen Gebäude des Diesterweg-Gymnasiums

Sabine Horlitz und Oliver Clemens von PS Wedding vor dem ehemaligen Gebäude des Diesterweg-Gymnasiums

Foto: Reto Klar

Berlin. Das knallige Orange des ehemaligen Diesterweg-Gymnasiums sticht noch immer sofort ins Auge, auch wenn längst alles vermodert. Sabine Horlitz und Oliver Clemens von der Initiative „PS Wedding“ haben in dem Gebäude an der Putbusser Straße in Gesundbrunnen dennoch eine Zukunft gesehen. Geht es nach den Plänen der Initiative, bündelte der Bau bald ein Wohnungsbauprojekt samt Flächen für Kulturangebote und Vereine. „Es gibt einen großen Bedarf an Räumen für soziale und kulturelle Nutzungen, aber auch für soziale Träger“, sagte Horlitz. „Dafür würden wir 3000 Quadratmeter zu sozial verträglichen Mieten schaffen." Dafür kämpft die Initiative seit 2012. Doch trotz jahrelangen Einsatzes und obwohl die Pläne auch vom Senat unterstützt werden, stehen sie plötzlich vor dem Aus.

Nach Jahren der Planung will das Bezirksamt nun auf dem Grundstück eine neue Schule bauen. Es könnte das Ende für das Ziel der Initiative bedeuten, preisgünstigen Wohnraum und soziale Freiräume jenseits des freien Wohnungsmarkts zu schaffen. Zugleich zeigt der Fall die Not im Bezirk Mitte. Längst mangelt es an stadteigenen Freiflächen, um unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden.

Unterhalt der Schule kostet jährlich Hunderttausende

Das bestehende Schulgebäude im Brunnenviertel erinnert mit seiner futuristischen Architektur mehr an ein Raumschiff als an eine Schule. Jedoch an eines, das Galaxiereisende vor Langem zurückgelassen haben müssen. Vor sieben Jahren verließ das Diesterweg-Gymnasium den orangefarbenen 70er-Jahre-Bau. Seitdem verfällt das Gebäude zusehends. Doch auch der Leerstand kostet den Bezirk Geld. Im Jahr 2017 fielen laut Schulstadtrat Carsten Spallek (CDU) rund 350.000 Euro an Ausgaben an. Allein 60.000 Euro gingen an den Wachschutz, der täglich von 16 bis 24 Uhr im Einsatz ist. Die Müll- und Laubbeseitigung, Reparaturen nach Einbrüchen und die Wartung noch aktiver Anlagen schlugen mit rund 40.000 Euro zu Buche.

Dass das Gebäude bisher nicht für eine Nachnutzung an einen neuen Besitzer übergeben wurde, liegt an der benachbarten Turnhalle. Ein Ersatzbau für diese wird erst 2020 fertig. Bis dahin nutzt der Bezirk die Halle auf dem Schulgelände.

Anschließend sollte das Grundstück an „PS Wedding“ und die Degewo gehen. Die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft hatte auf dem Grundstück ein Wohnquartier mit rund 220 Wohnungen geplant. Zudem hatte der Senat eine Mobile Flüchtlingsunterkunft für 250 Personen vorgesehen. Daneben wollte PS Wedding das ehemalige Schulgebäude ebenfalls in Wohnraum für mindestens 150 Haushalte verwandeln und eine Kita einziehen lassen. Zusätzlich soll der Bau Initiativen und Vereinen aus der Gegend einen Platz bieten. „Es gibt eine riesige Nachfrage von sozialen Trägern, die aus ihren bisherigen Räumlichkeiten ausziehen mussten“, sagt Sabine Horlitz. Bei allen Überlegungen sollten auch die Nachbarn des Grundstücks mit einbezogen werden. „Es geht darum, Freiräume zu erhalten.“

Bezirk und Senat haben "PS Wedding" unterstützt

Dafür gab es nach der Zusage des Bezirks zuletzt auch den Segen des Senats. In einem Brief aus dem Juni entsprach Finanzsenator Matthias Kollatz der Bitte von Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher, das Projekt zu unterstützen. Die landeseigene Berliner Immobilien Management GmbH (BIM) wurde beauftragt, das Grundstück zu teilen.

Plötzlich jedoch haben sich die Vorzeichen komplett gedreht. Ob die Initiative ihre Pläne verwirklichen kann, ist fraglicher denn je. „Alle Absprachen und Beschlüsse der letzten sechs Jahre werden in undemokratischer Weise über den Haufen geworfen“, sagt Horlitz. Wir halten das Vorgehen des Bezirksamts für einen politischen Totalschaden.“ Wenn sich zivilgesellschaftliche Akteure und Initiativen nicht auf Absprachen und Beschlüsse verlassen könnten, sei das ein fatales Signal.

Die überraschende Planänderung erklärt das Bezirksamt mit der Überarbeitung der Schulbedarfsplanung. Dabei fiel auf: Mitte braucht zusätzliche Integrierte Sekundarschulen (ISS). In einem bisher unveröffentlichten Plan, der der Berliner Morgenpost vorliegt, heißt es, dem Bezirk Mitte fehlten trotz bereits geplanter neuer Schulen vier weitere ISS-Standorte, um den Bedarf bis 2031 zu decken. Ab 2020 fehlen demnach jährlich teils deutlich über 1000 Schulplätze.

Mitte braucht mehr als Tausend neue Plätze bei Integrierten Sekundarschulen

„Für so eine Schule braucht man Platz“, sagte Schulstadtrat Carsten Spallek. Freie Flächen sind in Mitte jedoch Mangelware, also rückte das ehemalige Gebäude des Diesterweg-Gymnasiums wieder ins Blickfeld des Bezirksamts. Der einzige Standort, den der Bezirk bisher ausfindig machen konnte. Das Gebäude soll nun abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden, sagte Spallek. Das Bezirksamt will dies auf seiner Sitzung am 16. Oktober beschließen. Die neue Schule könnte rund zwei Drittel der Fläche einnehmen. Was auf der restlichen Fläche gemacht werden könnte, ist offen.

Ausschlaggebend sei dabei auch gewesen, dass die Untergeschosse der Schule seit einem Rohrbruch Anfang September unter Wasser stehen. „Die Situation stellt sich dadurch ganz anders dar“, meint der Schulstadtrat. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die Nachnutzung des Gebäudes durch höhere Sanierungskosten nun deutlich teurer.“ Ein Abriss werde damit immer weniger umgehbar.

Senatsfinanzverwaltung lehnte ausgehandelte Grundstücksteilung ab

Tatsächlich stockten die Verhandlungen um das Grundstück zuletzt. Zwar sagte die Senatsverwaltung für Finanzen im Juni ihre Unterstützung für die gemeinsame Entwicklung des Grundstücks durch „PS Wedding“ und Degewo zu. Die von „PS Wedding“ und Degewo einst ausgehandelte Grundstücksteilung lehnt das Finanz-Ressort jedoch ab. Nach diesen wollte die Initiative auf einem Gebiet neben dem eigentlichen Schulgebäude Neubauten errichten, auch um mit den dortigen Mieteinnahmen das Gesamtprojekt besser stemmen zu können.

Nachdem der Senat aber beschlossen hat, auf dem Grundstück durch die Degewo auch eine Mobile Unterkunft für Flüchtlinge (MUF) errichten zu lassen, seien diese Pläne „überholt“. So heißt es in einem der Berliner Morgenpost vorliegenden Brief aus dem August von Finanzstaatssekretärin Margaretha Sudhof an Stadtentwicklungs-Staatssekretär Sebastian Scheel. Der bisherige Teilungsentwurf „würde eine Umsetzung für die Degewo unmöglich machen“, schreibt Sudhof. Ein dem Schreiben beiliegender Entwurf, den die Senatsfinanzverwaltung und Degewo abgestimmt haben, sieht stattdessen vor, lediglich das ehemalige Schulgebäude an „PS Wedding“ im Erbbaurecht zu vergeben.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung teilt auf Anfrage mit, sie unterstütze weiterhin ein kooperatives Projekt zwischen der Degewo und „PS Wedding“ mit einem erweiterten Baufeld für weitere Nutzungen. „Auf planerischer Ebene ist das Projekt zwischen der Wohnungsbaugesellschaft und dem e.V. gut abgestimmt, so dass die Vereinbarkeit beider Projekte gegeben ist“, sagte eine Sprecherin. Von einem „verwaltungsübergreifenden Abstimmungsprozess, der alle relevanten Akteure einbindet“, spricht die Senatsverwaltung für Finanzen. Die Degewo will sich aufgrund der bislang nicht feststehenden Nutzungen des Grundstücks, aktuell nicht zu den Verhandlungen äußern.

"PS Wedding" ruft zu Kundgebung auf


„Wir hätten den Neubau für mehr Sicherheit gebraucht“, sagte Sabine Horlitz. Ohne wäre es sicherlich komplizierter geworden. Unmöglich jedoch nicht, sagt sie. Warum das Gebäude wegen des Wasserschadens abgerissen werden soll, versteht sie nicht. „Der Bezirk sagt nicht, worin der Schaden besteht, der einen Abriss nötig macht.“

Für Unverständnis sorgt der Vorgang auch beim Linken-Abgeordneten Tobias Schulze. „Wir können nicht grundsätzlich etwas gegen eine Nutzung als Schule haben“, sagt er. „Aber nachdem fünf Jahre lang alle Planungen auf ‚PS Wedding‘ zugelaufen sind, ist es unglaublich, wenn das Bezirksamt die Entscheidung nun in zwei Wochen durchdrücken will.“ Das Bezirksamt solle nach einer anderen Fläche suchen. „Wir hätten gerne, dass das Projekt weiter verfolgt wird.“

Ähnlich äußert sich Frank Bertermann, Sprecher für Stadtentwicklung der Grünen-Fraktion in Mitte. „Das kurzfristige Umschwenken ist nicht verständlich.“ Er fordert die Bezirksverordnetenversammlung vor der Entscheidung miteinzubeziehen. Sabine Horlitz hofft indes auf einen Runden Tisch aller Beteiligter. „Warum soll nicht Schule, soziale Nutzung und Wohnen zusammen möglich sein?“, fragt sie. Für Sonntag, 14. Oktober, ruft die „PS Wedding“ für 14 Uhr zu einer Kundgebung am ehemaligen Diesterweg-Gymnasium auf. Ganz aufgeben will die Initiative ihren Traum noch nicht.

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