Wedding

Sportzentrum "Amandla" verdrängt das "Himmelbeet"

In Wedding verdrängt ein soziales Sportzentrum den Gemeinschaftsgarten Himmelbeet. Die Zukunft des Gartenprojekts ist ungewiss.

Der Gemeinschaftsgarten Himmelbeet am Leopoldplatz sucht eine neue Fläche

Der Gemeinschaftsgarten Himmelbeet am Leopoldplatz sucht eine neue Fläche

Foto: Christian Latz / BM

Berlin. Die Morgensonne fällt auf die üppig wuchernden Hochbeete. Vereinzelt gießen Gärtner das Gemüse. Bienen bedienen sich an den Blüten der Sonnenblumen. Der Gemeinschaftsgarten „Himmelbeet“ liegt nur einen Steinwurf vom lauten Verkehr am Leopoldplatz entfernt. Trotzdem legt sich der Stress der Stadt sofort, betritt man das Gartenprojekt an der Ecke Ruheplatzstraße und Schulstraße. Auch Meryem Korun und Sonja Rosenthal vom „Himmelbeet“ genießen die morgendliche Ruhe im Garten. Doch sie wissen: Der Ort ist ein Gärtnerparadies auf Zeit.

Noch bis Ende Oktober 2019 können im „Himmelbeet“ Gemüse und Blumen sprießen. Dann zieht auf die Fläche das Fußballbildungsprojekt „Amandla“. Für das „Himmelbeet“ bedeutet dies das Ende auf der Fläche. Die Macher sind unsicherer denn je, ob es an anderer Stelle weitergehen kann.

Wofür ist im wachsenden Berlin noch Platz – und wofür nicht

Im Raum steht die Frage, ob das Problemviertel Wedding keinen Platz mehr für zwei soziale Projekte hat. Der Fall ist sinnbildlich für die Entwicklung Berlins. Während in Pankow oder Wilmersdorf Kleingärten Bauprojekten weichen müssen, werden im Zentrum die letzten Brachen bebaut. All dies befeuert die Debatte, wofür in der wachsenden Stadt noch Platz ist - und wofür nicht.

Seit 2013 wächst nahe dem Leopoldplatz das „Himmelbeet“. Über die Jahre hat sich der Gemeinschaftsgarten zu einem der bedeutendsten der Stadt entwickelt. Das Projekt wurde mit dem Deutschen Naturschutzpreis ausgezeichnet und ist ein wichtiger Grund dafür, dass sich Berlin heute Hauptstadt des Stadtgärtnerns nennt.

Das Himmelbeet gilt als „Leuchtturmprojekt“ und muss trotzdem weg

Auf 1700 Quadratmetern bietet das „Himmelbeet“ Pachtbeete für Menschen aus dem Kiez, betreibt Pflanzenzucht und Gemüseanbau und bringt das Gärtnern auch Kindern aus der Nachbarschaft bei, die damit sonst kaum in Kontakt kämen. Zudem gibt es mehrere Inklusions­projekte mit den benachbarten Behindertenwerkstätten Berlin.

Der Senat bezeichnete das „Himmelbeet“ unlängst als „Leuchtturmprojekt“. Der Gemeinschaftsgarten biete praktische Umweltbildung und fördere das nachbarschaftliche Engagement und den Zusammenhalt, teilte die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz auf eine Anfrage des Linke-Abgeordneten Tobias Schulze mit. Doch mit dem Lob der Landesregierung kann Meryem Korun wenig anfangen. Es sei schön, positive Rückmeldung zu bekommen, sagt sie. „Das hilft uns aber nicht, wenn wir hier verschwinden müssen.“

„Amandla“ will auf dem Gelände Kinder und Jugendliche fördern

Das ist nun beschlossen. Das Bezirksamt Mitte unterzeichnete zu Wochenbeginn einen Pachtvertrag mit dem Träger „Amandla“. Der Bezirk vermietet das Grundstück ab November 2019 für 30 Jahre an das Projekt. „Ich freue mich sehr, dass ‚Amandla‘ Wedding als Standort gewählt hat“, sagte der Schul- und Sportstadtrat Carsten Spallek (CDU), dessen Amt die Fläche unterstellt ist.

Der private soziale Träger „Amandla“ wurde von einem Deutschen in Südafrika gegründet. Dort betreibt die Organisation drei sogenannte Safe-Hubs. Zentren, in denen Kinder und Jugendliche beim Fußballspielen soziale Kompetenzen vermittelt bekommen. Bildungsprojekte fördern die Mädchen und Jungen daneben für Schule und Ausbildung. Finanziert wird „Amandla“ unter anderem durch die Oliver-Kahn-Stiftung und die Stiftung der Deutschen Fußballliga.

Im Safe-Hub soll auch Schulsport stattfinden

Mit dem Safe-Hub in Wedding möchte der Träger nun erstmals außerhalb Südafrikas in einem Problemviertel aktiv werden. „Wir wollen mit dem Safe-Hub einen Ort schaffen, der die verbindende Kraft des Fußballs mit ganzheitlicher Bildung verbindet“, sagt Jakob Schlichtig, Geschäftsführer von „Amandla“. Man wolle Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, „ihre Potenziale zu entfalten und ihr Leben positiv zu gestalten“.

Das Safe-Hub nahe dem Leopoldplatz sieht dafür drei zusammenhängende Fußballplätze und ein Bildungszentrum vor. Das Gebäude bietet Platz für Veranstaltungs- und Workshop-Räume, ein Café sowie Büroflächen für „Amandla“ und andere soziale Projekte. Bis zu 700 Kinder könnten wöchentlich im Safe-Hub trainieren, heißt es. Die notwendigen Investitionskosten schätzt die Organisation auf rund vier Millionen Euro. Frühestens Mitte 2021 soll das Zentrum fertig sein – und ab dann nicht nur für „Amandla“ offen stehen.

Die Pläne sehen vor, dass vormittags pro Woche 15 Stunden Schulsport auf den Fußballfeldern stattfinden. Nach der nachmittäglichen Betreuung durch „Amandla“ könnten abends Sportvereine die Plätze nutzen. Auch die Räume sollen anderen sozialen Initiativen dienen. Im Gespräch ist derzeit unter anderem der Kinderschutzbund.

"Himmelbeet"-Team ist frustriert über die Situation

Der Bezirk kann die Fläche nicht nur für den Sportunterricht nutzen, obwohl „Amandla“ die Miete bezahlt. Laut Vertrag fällt das Gelände nach Laufzeitende samt der Infrastruktur zurück an den Bezirk. „Das ist eine komfortable Situation“, findet Schul- und Sportstadtrat Spallek. Auch Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) findet daher das Projekt „überzeugend“ – mehr noch als das „Himmelbeet“. „Von ‚Amandla hat sich der Bezirk mehr für die soziale Wohlfahrt versprochen“, gibt der Bezirksbürgermeister zu.

Und das „Himmelbeet“? Die Macher sind frustriert. „Es wird eine große Herausforderung, eine neue Fläche zu finden“, sagt Meryem Korun. Die Situation sei paradox. Zwar würde immer signalisiert, dass der Bezirk alles tun würde, eine Alternativfläche zu finden. „Doch nichts spricht dafür, dass wirklich Hebel in Bewegung gesetzt werden.“ Unter Aufsicht des Bezirks wird so ein soziales Projekt von einem anderen verdrängt, sagt Korun. „Das Stadtmarketing preist Berlin immer als Hauptstadt des urbanen Gärtnerns“, ergänzt ihre Mitstreiterin Sonja Rosenthal. „Aber gleichzeitig hat die Privatisierungswelle die Freiräume voll erreicht.“

SPD-Fraktion kritisiert Umgang des Bezirks mit Urban-Gardening-Projekt Himmelbeet

Kritik kommt auch aus der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). „Wir vermissen eine aktive und konstruktive Beteiligung der Ämter“, sagte Sonja Kreitmair, Sprecherin der SPD-Fraktion für Umwelt, Natur, Verkehr und Grünflächen. Angesichts des eindeutigen und mehrfach bekräftigten Willens der Mehrheit der BVV und des Senats sei dies nicht hinnehmbar. Das Himmelbeet brauche Planungsicherheit für den konkreten Umzug.

Dem Eindruck von Gärtnerinnen und SPD-Fraktion widerspricht von Dassel. Er sei „ganz zuversichtlich“, einen neuen Platz für das „Himmelbeet“ zu finden. Tatsächlich sei die Zuständigkeit für das „Himmelbeet“ im Bezirk lange unklar gewesen. Mittlerweile kümmere aber er sich federführend um den Fortbestand des Gartens. Doch auch er räumt ein: „Wir haben in Mitte nicht unendliche viele Flächen.“ Ein Mangel, der am Ende auch gute Projekte in Gefahr bringt.