Groß sind sie nicht, die Figuren in der Vitrine in der oberen Etage des Bode-Museums. Die eine knapp 30, die andere knapp 40 Zentimeter hoch. Würden sie nicht so exponiert im Raum stehen, könnte man sie glatt übersehen. Und doch faszinieren sie vom ersten Augenblick: Die eine aus Elfenbein zeigt eine junge Frau. Nackt bis auf die Schuhe und eine Haube.
Dreht man sie, blickt man dem Tod ins Gesicht. Der kommt als Skelett daher, auf dem Würmer wimmeln. Kunstvoll, aber kein schöner Anblick. Frau und Tod sind ein „Memento mori“, nach der neuesten Forschung dem Künstler Chicart Bailly zugeschrieben, um 1520 in Paris geschaffen. Eine Mahnung, sündenfrei zu leben, um nicht dem Tod anheimzufallen.
Afrikanische Kunst im sexuellen Gleichgewicht
Auf der anderen Seite steht eine afrikanische Skulptur aus dem Kongo, dem Warua-Meister zugeschrieben, einem Schnitzer aus dem Königreich der Luba, das sich vom 16. bis zum 19. Jahrhundert in Zentralafrika befand. Spirituell geprägt vom Gedanken an die sexuelle Dualität. Hier stehen eine Frau und ein Mann Spiegelbildern gleich harmonisch Rücken an Rücken. Gemeinsam tragen sie eine Schale auf ihren Köpfen.
„Statt der Gegensätze wie beim europäischen Objekt zeigt die Luba-Plastik Komplementarität, weiblich und männlich als Gleichgewicht. Durch die Gegenüberstellung wird deutlich, dass der Begriff der Sünde außerhalb der jüdisch-christlichen Tradition kaum existiert“, sagt Julien Chapuis. Der Schweizer ist seit zehn Jahren Leiter der Skulpturensammlung im Bode-Museum.
Das Bauwerk ist ein architektonisches Juwel
So spannende Dinge wie experimentelle Gegenüberstellungen finden sich überall im Museum, denn das Haus präsentiert aktuell hochkarätige afrikanische Kunst aus dem Ethnologischen Museum, bis dieses ins Humboldt Forum zieht. Eine weitere Facette der Vielfalt, die der majestätische Bau mit der markanten Kuppel an der Westspitze der Museumsinsel zu bieten hat. Das Bode-Museum vereint die Skulpturensammlung und das Museum für Byzantinische Kunst sowie das Münzkabinett und rund 150 Werke aus dem Bestand der Gemäldegalerie unter einem Dach. Die ausgestellte Kunst spannt sich dabei vom dritten bis ins 19. Jahrhundert.
Zudem ist das Bauwerk selbst ein architektonisches Juwel. Vom Hofarchitekten Ernst von Ihne im Stil des Neobarocks entworfen, wurde das Museum 1904 ursprünglich als Kaiser-Friedrich-Museum eröffnet, benannt nach dem „99-Tage-Kaiser“ Friedrich III. Dann nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges 1956 wiedereröffnet unter dem Namen Bode-Museum. Zur Erinnerung an seinen Gründer, den Kunsthistoriker Wilhelm von Bode.
Die Mona Lisa des Bode-Museums
Rund ein Drittel aus dem Bestand der Skulpturensammlung und der byzantinischen Sammlung ist ständig ausgestellt. Darunter alle Highlights. Wie die „Madonna mit Kind“, bekannt als „Madonna Pazzi“, um 1420, von Donatello, die „Mona Lisa des Bode-Museums“, wie Julien Chapuis sie nennt. Oder die elegante „Tänzerin“ im Marmorsaal von Antonio Canova aus dem 19. Jahrhundert, von der Chapuis sagt: „Unglaublich, dass ein Stück Marmor von dieser Größe solche Leichtigkeit haben kann.“ Weitere Meisterwerke sind Michel Erharts „Maria mit dem Schutzmantel“ aus Ravensburg, um 1480, die zu den bedeutendsten Skulpturen der spätgotischen Bildhauerkunst zählt, und der Mannheimer Hochaltar von Paul Egell aus den Jahren 1738 bis 1742.
Ein acht Meter hoher, üppig dekorierter Rokoko-Altar aus Lindenholz. Raumgreifend inszeniert. Wie überhaupt alle Skulpturen im Bode-Museum genügend Platz erhalten, um zu wirken. Auch im Krieg beschädigte Skulpturen, ein weiteres Kapitel des Hauses. An manchen Objekten erkennt man deutliche Brandspuren. Andere, wie Antonio Rosselinos „Madonna mit Kind“ aus Marmor, um 1450, waren nur noch in Teilen erhalten. Die Arbeit wurde 2012 vervollständigt. Ein Foto zeigt das beschädigte Werk. „Als Fragment blieb das Werk der Kunstgeschichte verschlossen. Es wurde als Ruine wahrgenommen. Jetzt als Einheit wiederhergestellt, findet eine Diskussion darüber statt“, sagt Chapuis.
Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen
Als Impulsgeber für Denkanstöße setzt das Bode-Museum auch an anderer Stelle Akzente: In der Vermittlungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen im „lab.Bode“. Dafür sind im Obergeschoss vier Räume entstanden, in denen sich Kinder und Teens aus neun Partnerschulen vier Jahre lang intensiv mit dem Museum auseinandersetzen können. Für Julien Chapuis ist die Verbindung zur jungen Generation entscheidend. Zum einen sichert sie den Fortbestand von Museen. Zum anderen ist das Kennenlernen von Kunst und Kultur wichtig für die Jüngeren. Man könne anhand von Vorbildern aus der Vergangenheit über die Gegenwart sprechen. Museen sollten auch Freiräume sein, in denen man über gesellschaftliche Werte rede.
Das Bode-Museum mit seinen exquisiten Sammlungen ist ein idealer Ort dafür. „Es ist wie eine Wanderung durch die Alpen. Man geht von Gipfel zu Gipfel“, sagt der Leiter der Sammlung. Und hat einen Tipp, wie man sich den Objekten am besten annähert: „Man sollte sich wenige Räume in Ruhe anschauen. Nicht alles auf einmal. Das wäre sonst wie der Versuch, in einer hervorragenden Konditorei alles auf einmal probieren zu wollen.“


