Reportage

Ort der Extreme: Was den Alexanderplatz einzigartig macht

So, 10.06.2018, 09.13 Uhr

Ort der Extreme: Berlin Alexanderplatz

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Der größte Platz der Stadt lebt von Superlativen und Gegensätzen. Genau das macht ihn so außergewöhnlich.

Berlin. Es ist ein Freitagabend, das Lachen und Rufen Hunderter Menschen dringt bis zum Ort der Festnahme. Drei Polizei­wagen tauchen den Bahnhof Alexanderplatz in blaues Licht. Zwei junge Frauen umkreisen einen Beamten in schuss­sicherer Weste. Ob sie mal blasen dürfen, so zum Spaß? Also, einen Alkoholtest machen wie die Autofahrer? Sie kichern angetrunken. Der Beamte antwortet knapp: „Jetzt nicht.“

Es gibt diese Momente, in denen man sicher ist, den Alexanderplatz genau zu verstehen. Während oben im Bahnhof die S-Bahnen singen und darunter die Straßenmusiker, während Straßenbahnen die Menschenmassen teilen wie Wasser, zwingen wenige Meter weiter zwei Polizisten einen Mann auf die Knie. Er wehrt sich. Er hat in einem Laden der Rathauspassagen jemanden verletzt. Und findet nicht, dass der Einsatz gegen ihn gerechtfertigt ist.

Berlin, Alexanderplatz: Es gibt in Berlin keinen Ort mit mehr Superlativen. Und mehr Gegensätzen. Er gilt als größter Platz der Stadt (80.000 Quadratmeter), hat den höchsten Turm (368 Meter) und die meisten Menschen (360.000 am Tag). Nirgendwo kann man mehr Straßenmusik gleichzeitig hören, nirgendwo putzt die BSR mehr als hier. Sie fährt sogar Nachtschichten wie sonst nur im Partykiez an der Warschauer Brücke. Und natürlich spielt auch der berühmteste Berlin-Roman hier: In Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ kämpft der Arbeiter Franz Biberkopf darum, anständig zu bleiben. Ein Kampf, der bis heute nicht entschieden ist.

Wie gefährlich ist der Alex? Dass zu einer Festnahme wie an diesem Abend gleich drei Streifenwagen mit Sirenengeheul anrücken, liegt an einem weiteren Superlativ: Der Alex gehört zu den Orten der Stadt mit der meisten Kriminalität. Seit einem halben Jahr steht deshalb unweit der Weltzeituhr ein blau-weißer Fertigbau der Polizei. Die neue Wache am Alexanderplatz ist rund um die Uhr besetzt, bei Bedarf stehen zusätzliche Einsatzfahrzeuge in der Dircksenstraße. So auch an diesem Abend.

Ohne den Namen Jonny K. ist der Platz nicht zu verstehen

In den vergangenen zwei Sommern waren es vor allem Prügeleien und Straftaten von jungen Geflüchteten, die den Alexanderplatz in die Schlagzeilen brachten. Momentan ist es die Trinkerszene hinter dem Fernsehturm, zu der möglicherweise auch der Festgenommene gehört. Er stammt wie sein Opfer aus Polen. Aber Ärger, Drogen und Gewalt gehören am Alex schon sehr viel länger zum Alltag. Seit dem Abend sind deswegen zusätzlich zur Wache fünf Zivilbeamte der „Einsatzgruppe Alex“ unterwegs. Als die Beamten sich jetzt über den konkreten Ort der aktuellen Festnahme verständigen, klingt das so: „Rathausstraße, kurz vor Jonny K.“

Jonny K.: Ohne diesen Namen ist der Alexanderplatz nicht zu verstehen. Der Spandauer Schüler starb 2012 am Alex, auch er war nachts mit Freunden unterwegs. Er wurde aus einer anderen Gruppe Gleichaltriger heraus angegriffen und starb an den Folgen. Er hatte einem Betrunkenen helfen wollen. Vor den Rathauspassagen erinnert heute eine Gedenkplatte an ihn. Familie und Freunde des jungen Mannes wollten damit verhindern, dass mit dem Opfer auch die Frage vergessen würde, wie man derlei Gewalt künftig verhindert. Die Platte liegt in Sichtweite des Roten Rathauses.

Wie aktuell diese Frage ist, zeigten die folgenden Jahre. 2014 starb ein weiterer Mann, ein 30-jähriger Brandenburger, am Alex nach einem Discobesuch durch Messerstiche. Im selben Jahr erschoss die Polizei einen verwirrten 31-Jährigen, der im Neptunbrunnen nackt mit einem Messer auf einen Beamten losging. Immer wieder sorgten betrunkene junge Männer für Polizeieinsätze. In den vergangenen Sommern kamen als „Pro­blemgruppe“ junge Geflüchtete dazu. Vor gut einer Woche zündeten unterm Fernsehturm zwei Betrunkene die Kleidung eines 45-jährigen Obdachlosen an. Sie stammten, wie das Opfer, aus Polen.

Auch an jenem Freitagabend wird es in der Nähe von „Jonny K.“ noch einmal brenzlig. Die Zivilbeamten entdecken einen Mann, der eine schusssichere Weste trägt und anscheinend grundlos neben einer größeren Gruppe Menschen steht. Weil er die Hände unter den Weste verborgen hält, steigt bei den Zivilbeamten das Adrenalin. So sieht ein typisches Anschlagsszenario aus. Der Mann könnte die Gruppe attackieren. Seit dem Anschlag am Breitscheidplatz 2016 hat jeder Berliner Polizist solche Szenen im Blick. Die Hände an den Waffen, rufen die Beamten dem Mann zu, seine Hände zu zeigen. Und atmen aus, als er dem nachkommt. Der Verdächtige rechtfertigt sich, er sei Sicherheitsmann.

Einem Mann fällt fast eine Drohne auf den Kopf

Nicht alle Taten am Alex sind so vorhersehbar wie der Ärger durch angetrunkene Männer oder auch Diebesbanden, die derzeit vermehrt wieder Touristen im Visier haben, sagt Robin Gottschlag. Er ist stellvertretender Leiter der Alex-Wache. Auf der Wache liegt viel Hoffnung. Zur Eröffnung spielten damals Polizeimusiker die „Tatort“-Melodie, als ginge hier der neueste Fernsehkrimi an den Start. Zum ersten Fazit nach sechs Monaten setzte sich die Politik nicht an der Wache, sondern in der aktuellen Pro­blemzone des Platzes in Szene. Die Kameras wurden vor den Grünflächen jenseits des Fernsehturms und wiederum in der Nähe von „Jonny K.“ aufgebaut. Die Botschaft von Innensenator Andreas Geisel (SPD): Mehr Beleuchtung für dunkle Ecken, mehr Info für Touristen, Betonpoller gegen Terroristen. Noch während er sprach, rannte ein Ladendieb durch die Szene. Er wurde, natürlich, vor laufenden Kameras gefasst.

Um den Alex zu verstehen, reicht es im Grunde, einen Tag in der Wache zu verbringen. Über modernen Computerarbeitsplätzen zeigt ein Flachbildschirm die Bilder der Überwachungskameras draußen. Durch die Fenster sieht man außerdem das echte Leben. Die Weltzeituhr, unter der sich unentwegt Touristen fotografieren. Musikanten, Obdachlose, Aktivisten. Man sieht Frauen, die unglaubliche Mengen Kleidertüten aus dem „Primark“ am Platz schleppen. Und einen Mann im Deutschland-Trikot und Bierflasche in der Hand, der grölend auf die Bahnhofskneipe mit dem schönen Namen „Alkopole“ zutorkelt.

Dazu klingelt es in der Wache fast im Minutentakt an der Tür. Die häufigste Frage ist die nach dem Weg. Gemeldet werden verlorene Gegenstände, Diebstähle (auch hier ist der Alex Rekordhalter), Körperverletzungen und Verstöße gegen die öffentliche Ordnung, etwa wegen Lärms. An diesem Freitag kommt außerdem die Warnung einer anderen Dienststelle: Eine junge Frau sei aus der geschlossenen Abteilung eines Krankenhauses geflohen. Sie hat sich oft am Alex aufgehalten, gilt als sehr aggressiv. Die Beamten machen besorgte Gesichter. Sie kennen die Frau, wie sie überhaupt viele der Menschen kennen, die sich täglich hier aufhalten. Obdachlose, Straßenkinder, Verwirrte, Einsame. Sie gehören zwar nicht zum Fokus der Alex-Wache. Menschlich aber berühren sie die Beamten schon.

Die Probleme mit den geflüchteten jungen Männern, sagt Gottschlag, hätten zwar sich bisher nicht wieder so eingestellt. „Wir sehen, dass die Gruppen sich heute eher in Kreuzberg oder Wedding treffen.“ Ob das an den starken Polizeimaßnahmen und den vielen Streifen liegt, wisse man nicht. Und man könne auch nicht daraus ableiten, dass der Alex nun sicherer sei. „Wir haben nach wie vor viele, viele Menschen, und es kommt auch immer wieder, wenn auch nicht aus dieser Gruppe, zu Aggressionsstraftaten.“ An einem Platz wie dem Alex mit so vielen Menschen bleibe das nicht aus.

Aber es ist auch nicht der Alltag. Es kam schon vor, dass junge Frauen in der Wache um ein Foto zum Junggesellinnenabschied baten. Manchmal kümmern sich die Beamten um verletzte Vögel und Fledermäuse. An einem Tag gab ein Mann an, dass ihm unterm Fernsehturm fast eine Flugdrohne auf den Kopf geknallt sei. Drohnenvideos sind im Internet angesagt, aber über Menschenmengen sind sie verboten.

An diesem Tag steht eine Frau in der Tür. „Ich will mich bedanken!“ Sie hat ihre Tasche in der Straßenbahn vergessen. Die Alex-Polizisten haben die BVG angerufen, die Tasche ist gefunden. „Wenn wir helfen können, ist die Arbeit hier sehr erfreulich“, sagt Gottschlag.

Dann aber tritt man aus der klimatisierten Wache hinaus auf den Platz, wo in der gleißenden Sonne sechs Straßenkinder vor dem U-Bahnhof posieren. Bunte Haare, schwarze Klamotten, Bierflaschen – ein Bild, das auch aus den frühen 90er-Jahren stammen könnte, als Punks und Straßenkinder gleichermaßen zum Problem wie zum Mythos Alexanderplatz gehörten. Yusu (21) und Soso (18) sind am Nachmittag in Cottbus in den Zug gestiegen, Ziel: ein Abenteuer am Alex. Sie haben sich schön gemacht mit Netzstrumpfhosen und Schminke, Yusu hat noch Nudeln mit Würstchen in eine Tupperdose gefüllt, als ginge es auf einen Schulausflug. Am Alex haben sie Zippo (18) getroffen, er kommt aus der Schweiz, lebt in Berlin auf der Straße und ist mit Einhorn (21), Koko (27) und „Ratte“ unterwegs. Die wiederum stammt aus Hannover und heißt so, weil sie eine zahme Ratte auf der Schulter hat. Sie ist die Jüngste, erst 18, und bereits ohne Illusionen.

„Der Alex war der erste Platz in Berlin, den ich kennengelernt habe, ich war zwölf“, erzählt sie. Es folgten die Warschauer Brücke und Zoo, Kriseneinrichtungen, Jugendnotdienst. Der Alex, sagt sie, sei nicht mehr so wie früher. „ Hier wird viel konsumiert, sogar Zehnjährige sind hier schon besoffen.“ Gerade abends gebe es zu viel rohe Gewalt. Sie kommt trotzdem, um zu schnorren, „ihre Leute“ zu treffen. Und die Streetworker der Kontakt- und Beratungsstelle „KuB“, die seit mehr als 20 Jahren regelmäßig mit einem Bus auf den Alex kommen. Fragt man sie, heißt es: Ja, es gebe hier weniger Straßenkinder als einst. Aber nicht, weil es am Alex besser geworden wäre. Sondern weil Kinder aus schwierigen Verhältnissen es heute machen wie die meisten Jugendlichen. „Sie versuchen, nicht aufzufallen.“

„Meine Töchter haben Alex-Verbot“
„Ratte“ wird mit ihren „Leuten“ abends woanders schlafen, am Alex fürchten sie, beklaut oder angegriffen zu werden. Eine Sozialarbeiterin, die etwas später zufällig auf dem Platz ist, bestätigt den Eindruck, dass der Alex nicht sicher sei. Sie wohne ganz in der Nähe, „aber meine Töchter haben striktes Alex-Verbot“. Am Alex würden trotz Polizei viele Drogen verkauft, etwa die Psychodroge „Bonzai“, die als Kräutermischung daherkomme und unberechenbare Folgen habe. Zielgruppe: junge Mädchen.

Nur wenige Schritte liegen zwischen der klebrigen Bank der Straßenkinder am U-Bahnhof und dem frisch polierten Reich von André Ellsel. André Ellsel, 52 Jahre alt, arbeitet seit fünf Jahren hier. Sein wichtigstes Arbeitsgerät: Handschuhe und Lappen. Nach jedem Besucher werden die Toiletten gereinigt. Ellsel ist Service-Mitarbeiter der Firma Wall, die mit dem Umbau des stillen Örtchens am Alex vor elf Jahren Schlagzeilen machte.

Wall hat das stinkende, unterirdische gelegene Gelass, das schon aus Franz Biberkopfs Zeiten stammt, für 750.000 Euro zum edlen Empfangsraum umgebaut. Zur Wiedereröffnung kam sogar Klaus Wowereit, damals Regierender Bürgermeister Berlins. Den Erfolg der Einrichtung dokumentiert eine Zahl – inzwischen sind rund 2,2 Millionen Menschen hier auf dem Klo gewesen.

Automatische Türen, Ventilator im Sommer, Fußbodenheizung im Winter – das Wort Luxus ist an Ellsels Arbeitsplatz nicht weit hergeholt. Die Wände sind mit wandhohen Fotos vom Alexanderplatz gestaltet. Spritzt ein Gast nach dem Händewaschen Wasser daran, eilen Ellsel und seine Kollegen mit dem Lappen hinterher. Zumindest unterirdisch soll das Bild vom Alexanderplatz so porenrein bleiben wie auf den Hochglanzbildern der Hotels rundherum.

Und das Erstaunliche: Es gelingt. „Tschüss, Männer“, verabschiedet Ellsel zwei Kunden, die freundlich zurückwinken. Gewalt oder Ärger gebe es hier unten eigentlich nicht, sagt Ellsel. „Es gibt Regeln bei uns – und ein Sicherheitssystem.“ Wer Drogen in den Kabinen konsumiert oder randaliert, „fliegt raus.“ Oft fragen Kunden nach dem Weg. Ellsel nimmt sie dann mit zu dem Stadtplan oben im Eingang, dem Glaspavillon. Und sagt manchmal nur halb im Spaß: „Wir sind der Mittelpunkt von Deutschland. Den Alex kennt jeder, hier steht der Fernsehturm, also ist das der Mittelpunkt. Oder nicht?“

Rund 100.000 Menschen steigen am Alex täglich in der S-Bahn ein und aus, im Regionalverkehr sind es 20.000. Der Fernsehturm hat rund 3500 Besucher, das Einkaufszentrum Alexa rund 70.000, die Galeria Kaufhof 40.000 Kunden am Tag. Den Platz selbst passieren schätzungsweise rund 360.000 Menschen. Doch gerade Berliner machen hier ungern länger halt. Zumal, wenn der Platz mal wieder mit Marktbuden vollgestellt ist wie in einer x-beliebigen Kleinstadt. „Wir wünschen uns natürlich, dass der Platz auch für die Berliner wieder ein Anziehungspunkt wird“, räumt Stephan von Dassel (Grüne) ein, der Bürgermeister des Bezirks Mitte. Die Märkte möge auch er nicht besonders, sagt von Dassel, doch sei er dagegen machtlos: „Die Bezirke müssen die Nutzung von öffentlichem Straßenland nach derzeitiger Gesetzeslage genehmigen, sofern diese nicht gesetzeswidrig ist.“

Der Problem-Teil des Platzes hat nicht mal einen Namen

Um den Alexanderplatz sicherer und attraktiver zu machen, hat von Dassel gerade die Stelle eines Alexanderplatz-Managers ausgeschrieben. Er soll alle Interessen am Platz bündeln – unter anderem auch die zahlreichen beteiligten Behörden. Wie genau, weiß von Dassel noch nicht: „Wir sind erst am Anfang.“

Ein Problem des Alexanderplatzes liegt auf der Hand: Er ist unübersichtlich. Es ist nicht mal klar, welcher Bereich genau gemeint ist. Streng genommen heißt nur das Areal nördlich des Bahnhofs so, der „echte“ Alex hat nur neun Hausnummern. Meist wird auch der Bereich bis zum Neptunbrunnen dazugezählt. Für das weite Areal ließ die DDR die Kriegsruinen des einstigen Neuen Marktes planieren. Die mittelalterliche Marienkirche steht seitdem an dem namenlosen Platz wie ein verirrtes Schiff aus einer anderen Zeit.

Am Fuß des Fernsehturms liegt eine merkwürdige Mischung aus massentauglicher Gastronomie, Spielbank und dem gruseligen „Menschenmuseum“. Tagsüber drängeln sich in den Restaurants Touristen, nachts kommen Partygäste aus den Außenbezirken oder dem Umland. An den Grünflächen wird hart getrunken. Um die jungen Geflüchteten an den Wasserspielen soll sich seit Herbst das Projekt „Jugendaktionsraum Alexanderplatz“ (Jara) kümmern, das Sozialarbeit für junge Geflüchtete macht.

Doch bis das Projekt im Spätherbst umgesetzt war, hatte sich die Zielgruppe längst andere Treffpunkte gesucht. Dass die Polizei kürzlich ihren Video-Wagen testweise an das Beachvolleyballfeld stellte, sorgte bei der potenziellen Klientel zusätzlich für Verunsicherung. Ob das Projekt Sinn hat, müsse man abwarten, sagen die Mitarbeiter vorsichtig. Und fügen an: dass Sozialarbeit keine „Feuerwehr“ für akute Probleme sei. „Es ist Vertrauensarbeit, die Jahre braucht.“

Berlins gefährliche Orte: Der Alexanderplatz

Wenn Silvia Schulz abends ihr Wohnzimmerfenster öffnet, fällt der Blick weit nach Westen übers Berliner Häusermeer, über Türme und Kuppeln von Marienkirche und Dom. Schulz wohnt in einem Plattenbau an der Rathausstraße, vor ihrem Fenster wächst der geschwungene Sockel des Fernsehturms wie ein Baum in die Höhe, umrankt von den filigranen Betonspitzen der drei Pavillons, die an Pflanzenblätter erinnern oder auch japanische Origami-Faltkunst. Von hier ahnt man die Idee des gigantischen Platzes, den die DDR nach Moskauer Vorbild anlegen ließ: Eine Bühne. Wenn auch nicht für das, was Frau Schulz selbst an heißen Sommerabenden dazu bringt, das Fenster wieder zu schließen: Straßenmusik.

Schulz ist Vorsitzende des Mieterbeirates der 360 Wohnungen an der Rathausstraße. Nachdem sie lange vergeblich versucht hätten, die Musikanten persönlich und mithilfe des Ordnungsamtes zur Mäßigung zu bringen, haben sie schließlich selbst die Initiative ergriffen. „Straßenmusik – Kunst & Qual“ heißt der zweisprachige Flyer des Präventionsrates Mitte, den die Mieter nun an die Künstler verteilen, wenn es ihnen mal wieder reicht. Vielleicht ist auch dies ein Weg, etwas zu ändern.

Vor 18 Jahren ist sie aus Karlsruhe hierhergezogen, „ich sah die Wohnung und wusste, hier will ich leben.“ Bereut hat sie das nie, Straßenmusik hin oder her. Von außen wirke der Platz anonym, laut und gefährlich. Vor ihrer Haustür liegt der Gedenkort für Jonny K. „Aber drinnen herrscht eine persönliche Atmosphäre. Man kennt sich, hilft sich, hält auch mal einen Schwatz auf dem Flur.“ Manchmal, wenn sie Karlsruhe besuche, sagt sie, „wache ich morgens auf und vermisse den Lärm.“ Nur die Straßenmusiker könnten gern wegbleiben.

Ein Spielplatz auf dem Dach mit Blick aufs echte Leben

Sandra Cegla dagegen sitzt auf gepackten Koffern. Auch sie ist vor zehn Jahren voller Begeisterung an den Alex gezogen, jetzt zieht sie wieder weg. Aufgewachsen ist sie in Neukölln. „Damals wollte ich unbedingt dort wohnen, wo das Leben tobt, wo alles passiert. Der Alexanderplatz war für mich genau dieser Ort.“ Inzwischen habe sich viel verändert. Auch sie spricht von Jonny K.. Sie hat selbst einen Sohn, der heute 18 ist. Sandra Cegla ist CDU-Politikerin, sie war Polizistin, führt heute eine Sicherheitsagentur. Ihr Büro liegt ebenfalls direkt am Platz – im Neubau namens „Alea“, der für den neuen, urbanen Alexanderplatz steht. Unten sitzen Touristen in den Cafés, oben bieten teure Wohnungen einen magischen Blick zum Fernsehturm. Auf dem Dach gibt es für Mieter einen begrünten Hof mit eigenem Spielplatz. Eine heile Welt mit Blick aufs echte Leben.

Mythos Alexanderplatz: Um Mitternacht schwärmen Hunderte bunt beleuchtete Fahrräder klingelnd um den Brunnen. Das „Nachtradeln“ ist eine Berliner Tradition. Am Rand des Platzes nehmen währenddessen zwei Zivilpolizisten unauffällig einen Mann fest, Verdacht: Drogenhandel. Wo vorhin die Straßenkinder saßen, taumeln jetzt zwei andere junge Frauen auf und ab. Was sie genommen haben? Sie kichern. „Aber sagen Sie“, fragt eine der beiden, „diese leuchtenden Fahrräder – haben wir Halluzinationen oder ist das real?“

10.000 Fragen an die Polizisten der Alex-Wache

Mit der Alex-Wache geht die Kriminalität zurück. Das ist das Fazit nach sechs Monaten Betrieb. Am 15. Dezember 2017 war die neue Polizeiwache von Innensenator Andreas Geisel eröffnet worden. Von den Polizisten in der Alex-Wache seien allerdings bisher etwa 10.000 Anfragen beantwortet worden, hieß es. Meistens fragen Touristen nach dem Weg. Um Kriminalität ging es laut Innenverwaltung in den fünf Monaten in etwa 1000 Fällen – nur jeder zehnte Besucher zeigt also eine Straftat an. Die Wache ist rund um die Uhr mit Polizisten der Landespolizei besetzt. Tagsüber sind auch Bundespolizisten und das Ordnungsamt in der Wache mit präsent.

Nach den Zahlen der Polizei sanken in den vergangenen fünf Monaten seit der Einrichtung der Alex-Wache die Zahl der Diebstähle auf 367 (Vorjahreszeitraum: 453), der einfachen Körperverletzungen auf 204 (237), der schweren Körperverletzungen auf 20 (41), der Raubtaten auf 15 (18) und der Hausfriedensbrüche auf 69 (100). Allerdings weist die Polizei darauf hin, dass sich nach so kurzer Zeit noch kein Fazit ziehen lasse.

Die Alex-Wache ist allerdings nicht die einzige polizeiliche Komponente. Die Kriminalpolizei hatte bereits am 1. November 2017 eine Ermittlungsgruppe (EG) „Alex“ gegründet. Seit dem 1. März dieses Jahres hat der Alexanderplatz auch einen eigenen Staatsanwalt. Seit Anfang dieses Jahres hat die Ermittlungsgruppe „Alex“ 213 Fälle bearbeitet. Die meisten (78) betrafen den Konsum und Handel mit Drogen, gefolgt von Körperverletzungen (58) und Raubstraftaten (17).

Im Fokus der von der EG Alex geführten Ermittlungen stehen laut Polizei aktuell männliche Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene aus den Herkunftsländern Syrien, Afghanistan, Pakistan und Irak. Feste Täterstrukturen sind laut Polizei nicht nachvollziehbar. „Vielmehr handelt es sich bei der hier in Rede stehenden Täterklientel um Gruppen, die sich in wechselseitiger und loser Konstellation anlassunabhängig auf dem Alexanderplatz aufhalten und aus gruppendynamischen Prozessen heraus, mitunter aus nichtigem Anlass, Straftaten begehen“, sagt Polizeisprecher Winfrid Wenzel.