Rasender Stillstand

Auf der Suche nach der Kindheit auf Berlins Volksfesten

| Lesedauer: 9 Minuten
Paulina Czienskowski
Ekstase auf der Wasserrutsche

Ekstase auf der Wasserrutsche

Foto: Reto Klar

Unsere Autorin begab sich auf eine nostalgische Reise zwischen Achterbahn und Autoscooter. Und erlebte eine Überraschung.

Hier oben, so nah unter dem knallblauen Himmel, denke ich, wirkt nicht nur alles unter mir unfassbar klein. Auch ich selbst fühle mich plötzlich ziemlich winzig so mitten in der Luft, meterhoch über dem Boden. Irgendwie befreit und gleichermaßen ausgeliefert. Vor allem dem Typen unten im Glashäuschen, der den Knopf vor wenigen Sekunden gedrückt hat und mich in diesem Wagen gerade nach oben fahren lässt. Ins Nirgendwo. Und gleich in drei, zwei, eins – oh mein Gott!

Ich kann nicht anders und schreie mir die Seele aus dem Leib. In meinem Gesicht muss sich irgendetwas zwischen Panik und totaler Freude breitmachen, während ich mit gefühlt 100 Stundenkilometern, nur mit einem Metallbügel um die Hüfte gesichert, fast senkrecht in die Tiefe rase. Ich stütze mich vorn ab, die Wucht der Schwerkraft ist kaum auszuhalten. Meine Finger krallen sich um die Halterung. Unten stehen Menschen, schauen mich an, lachen.

Die Schienen der Achterbahn sind ohrenbetäubend laut, mein Gebrüll noch lauter. Es rattert, es knarrt, es ist windig. Mein Kopf, die Haare, Oberkörper – alles wirbelt völlig haltlos hin und her. Nie wieder, denke ich, um nur wenige Minuten später, wieder unten angelangt, etwas auszusprechen, was ich kurz zuvor noch für unmöglich gehalten hätte: Ich glaube, ich muss noch eine Runde drehen, sage ich, und bleibe einfach sitzen.

Ich bin auf dem Berliner Volksfestsommer am Zentralen Festplatz am Kurt-Schumacher-Damm, dem ehemaligen Deutsch-Französischen Volksfest. Zuletzt da gewesen bin ich vor etwa zwölf Jahren. Achterbahnen hatte ich seitdem völlig aus meinem Leben gestrichen. Zunächst aus Enttäuschung, später wohl aus Angst.

Enttäuscht wurde ich schon in jungen Jahren, als ich mit meinem Vater ein paarmal hintereinander in Disneyland war. Der Vergnügungspark in der Nähe von Paris ist durchaus ästhetischer als so ein herkömmliches Volksfest wie dieses hier, am Ende aber doch das Gleiche. „Space Mountain“ hieß dort die Attraktion meiner Träume, bei der man damals eine Mindestgröße von 1,35 Metern aufweisen musste. Zwei Jahre hintereinander war ich zu klein. Dann war es endlich so weit. Der Schock traf mich hart, als ich bei Ankunft sah, dass die Größe plötzlich auf 1,50 Meter hochgesetzt worden war. Wieder nichts!

Das mit der Angst kam etwas später. Mit dem Älterwerden setzen auch Bewusstseinsveränderungen ein. Was lange Zeit ein Klacks gewesen war, war nun ein Problem, allein der Gedanke daran brachte Körper und Geist in Wallung. Loopings? Auf keinen Fall! Nun, Jahre danach, setze ich mich also freiwillig wieder solchen geballten Adrenalinschüben aus.

Und plötzlich ist sie zurück, unerwartet, die Euphorie für diesen infantilen Spaß. Etwas, das einem Unbehagen und gleichzeitig totale Glücksgefühle bereitet. Die vielen Luftlöcher, die meine Organe immer wieder kurz schweben lassen, bringen mich zum breiten Grinsen. Ich solidarisiere mich mit jedem, der genauso viel Bock hat hier wie ich.

Los, drück wieder den Knopf! Schnell weiter! Ich fahre alles, was geht. „Break Dance“, „Wasserbahn Poseidon“, „Looping the Loop“, „XXL Krake“, „Melodie Star“, „Autoscooter Starlight“. Namen, die man eben so kennt von solchen Volksfesten. Ich fühle mich wie ausgewechselt, vergesse die Realität für zwei Stunden. All die Schwere, sämtliche Nervereien. Die Losgelöstheit übermannt mich irgendwo zwischen oben und unten, zwischen links und rechts, zwischen Schwindel und Übelkeit, Kurven und Abfahrten.

Die Drehungen und Stöße in Sekundenschnelle scheinen mein Hirn Stück für Stück aufzuweichen. Kein Moment mehr, um nachzudenken. Wer kurz vergessen will, muss sich also nur durch die Luft wirbeln lassen, kein Problem. Der Bezug zur Vernunft, der irgendwann tatsächlich mal Einzug gehalten hat, schwindet mit jeder Fahrt.

Und trotzdem sagt die Vernunft jedes Mal ganz kurz vor Abfahrt, dass man sich doch eigentlich nie auf irgendetwas verlassen sollte – außer auf sich selbst. „Erinnerst du dich nicht?“, höre ich sie leise sagen, provokant, besorgt. Aber sie schafft es jetzt, nach der dritten Attraktion, nun überhaupt nicht mehr, das Kind in mir zu bändigen. Halt die Klappe! Ich fühle mich wieder, als wäre ich zehn Jahre alt.

Das Schöne: Man ist in Gesellschaft, und doch ist jeder für sich. Jeder darf alles und gehört, wie er ist, hierher, weil alle ein gemeinsames Ziel verfolgen: Spaß haben. Wo gibt es das denn noch in dieser Form?

Unverändert schieben sich auch an diesem Tag Jugendliche an den Ständen und Fahrgeschäften entlang. Familien mit völlig überdrehten Kindern unter Zuckerschock steigen aus Karussell und Autoscooter. Verliebte, mit gerade gewonnenen Plastikrosen in den Händen, die gemütlich an den Bratwurstständen entlangschlendern, als gäbe es keinen idyllischeren Ort auf diesem Planeten.

Zwischen den Fahrten laufe ich auf wackeligen Beinen und mit völlig erschlafften Muskeln, als hätte ich gerade Hochleistungssport betrieben, über das sandige Gelände. In der Luft wabern wenig subtil Nackensteakdunst und der Duft gebrannter Mandeln. Backflashs überschlagen sich im Kopf. In Schlieren ziehen Erinnerungen an meinem inneren Auge vorbei. Sofort hineinkatapultiert in vergangene Zeiten. Dabei bin ich ja eigentlich total im Jetzt. Und zwar so intensiv, wie schon lange nicht mehr.

Ich erinnere mein erstes – und einziges – Blind Date mit 13 Jahren. Die damit verbundenen, auch durch Schubkraft erzwungenen körperlichen Annäherungen in dieser sich krankhaft schnell drehenden Gondel von „Break Dance“. Schneller, immer schneller bedeutet gleichzeitig auch immer näher.

Diese Intimität – während man an die Grenzen seiner körperlichen Leistung, die des Erträglichen geht – ist eine, die man so nirgends anders erleben kann. Auch diese Attraktion fahre ich an diesem Tag wieder. Wenn niemand seinen Arm um einen legt, fühlt sich das allerdings anders an, fast etwas einsam. Ich laufe weiter, an den Buden vorbei, an denen neonfarbene Plüschtiere hängen. Ganz schön geschmacklos, denke ich.

An einem der Schießstände fällt mir dann auch wieder dieser übergroße blaue Elefant ein, den mein erster Freund mir schoss und stolz als Liebesbekundung überreichte. Mit leuchtenden Augen stand er vor mir, hoffnungsvoll, dafür einen Kuss oder überhaupt irgendwas zu bekommen. Undankbar und unromantisch sei ich, sagte er damals, nachdem ich stattdessen nüchtern verkündete, dieses abscheuliche Teil aus 100 Prozent Plastik auf gar keinen Fall nach Hause mitnehmen zu wollen.

Ich erinnere mich auch an das Polaroid von meinem Vater und mir vor einer dieser Achterbahnen, die noch heute, fast zwei Jahrzehnte später, exakt so aussieht. Als wäre nichts gewesen. Alles hat überlebt. Dieser vakuumierte 80er-Jahre-Chic, gewohnt schrill erleuchtet. Blau, Rot, Grün, alle Farben da. Schlecht gemalte 90er-Jahre-Graffitis auf den Stellwänden, der typische Techno und dieses digitale Jahrmarkt-Tröten zwischen den Fahrten.

Aber was sollte sich auch schon verändert haben in den vergangenen Jahren? Verändern – genau das darf es ja eben nicht. Dieser Nachmittag nämlich fühlt sich an wie das Nachhausekommen nach langer Zeit der Abstinenz. Und zwar gerade deshalb, weil alles so schön gleich geblieben ist.

Als gäbe es keine neue Musik, wippt der Körper wie einstudiert auch jetzt wieder zum Takt des düsteren Sounds von Depeche Modes „People Are People“, „Girls Just Want To Have Fun“ oder „Blue Monday“ von New Order. Und der Typ im Glashäuschen hinterm Mikro feuert wohl schon seit 20 Jahren mit den typischen lang gezogenen Vokalen jede Runde an, als wäre sie die letzte – die beste sowieso. „Liebe Leute, liebe Leuteeeee! Jetzt erst geht es loooooos – aber jetzt so richtiiiig!“ Alle kreischen. Nur die Fahrhelfer, die aus Langeweile mal eine Runde mitdrehen, hängen in den Plastikschalen, als würden sie gerade an ihrem Käffchen auf einer Spreefahrt nippen.

Man wird vollständig eingenommen von diesem bunten, übersteuerten, trashigen und natürlich auch etwas proletenhaften Kosmos, der in Teilen irgendwie auch melancholisch und trostlos wirkt, trotz all der positiv aufgeladenen Stimmung. Eben auch, weil kein Fortschritt zu erkennen ist. Aber es ist, wie es ist, und ganz genau so muss das sein. Was zählt, ist Beständigkeit.

Dieser Stillstand fühlt sich hier unglaublich gut an. Fast schon beruhigt taucht man ein in eine Welt, die einem eine wohlige, fast schon jungfräulich unberührte Wärme überstülpt, die man kaum mehr abgeben möchte. Irgendwann aber ist nun mal immer Schluss. Nur einen praktischen Tipp hätte ich am Schluss noch: Tragen Sie keine weißen T-Shirts auf Wasserbahnen!