Mitte

Budenzeile am Holocaust-Mahnmal steht leer

Vorboten für eine Neubebauung: Nach zehn Jahren ist das Ende für die Gastronomie-Zeile am Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte besiegelt.

Zahlreiche Läden an der Cora-Berliner-Straße unmittelbar am Holocaust-Mahnmal stehen leer

Zahlreiche Läden an der Cora-Berliner-Straße unmittelbar am Holocaust-Mahnmal stehen leer

Foto: Steffen Pletl

Der Budenzauber an der Cora-Berliner-Straße in Mitte ist zu Ende. Die Mietverträge für die Gewerbetreibenden sind nicht verlängert worden. So stehen jetzt die meisten Buden leer. Lediglich zwei Souvenirshops und ein Pizzaladen haben noch geöffnet. Doch auch für sie ist das Ende absehbar.

Es sind die Vorboten für eine Neubebauung. Denn „in absehbarer Zeit soll an eben dieser Stelle ein Komplex mit mehr als 120 Wohnungen und Geschäften entstehen“, sagt der Geschäftsführer der MUC Real Estate, Christian Ruhdorfer. Kompliziert könnten sich die Tiefbauarbeiten gestalten. Denn es wird vermutet, dass sich dort noch alte Bunkeranlagen aus dem zweiten Weltkrieg befinden.

Neue Randbebauung des Holocaust-Mahnmals

„Ich persönlich sehe die Budenkultur, so wie sie dort beinahe zehn Jahre bestanden hat, als nicht angemessen für diesen Ort“, sagt der Münchener Geschäftsmann. Daher habe er die Verträge mit den Mietern der Geschäfte auslaufen lassen. Diese Haltung kommt offenbar von Herzen.

Mit dem jetzt herbeigeführten Leerstand verzichtet sein Unternehmen auf Einnahmen. Denn noch liegen nicht alle Genehmigungen für das Neubauvorhaben vor. „Wir sind sowohl mit dem Bezirk wie auch dem Senat im Gespräch“, sagt er gegenüber der Berliner Morgenpost.

Ziel sei es schließlich, bis 2018 das geplante Neubauvorhaben zu realisieren. Und damit die Ladenzeile bis zu ihrem Abriss und dem damit verbundenen Neubauarbeiten nicht gänzlich dem Vandalismus ausgesetzt ist, sollen die Scheiben mit Motivfolien überzogen werden.

Weißwurst, Donuts und Liegestühle

Seine Gesellschaft erwarb vor mehreren Monaten das Grundstück. Der ursprüngliche Eigentümer, die B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft Berlin mbH & Co. KG, hatte auf dem Grundstück nach heftigen Diskussionen in der Öffentlichkeit die aus Holz gezimmerte Budenzeile mit mehr als zehn Geschäften, einer Aussichtsplattform und einer öffentlichen Toilette bauen lassen.

Die Rede war damals, vor mehr als zehn Jahren, von einem Info-Pavillon, in dem Auskunft über das benachbarte Holocaust-Mahnmal gegeben werden sollte. Hinzutreten sollte ein wenig Gastronomie sowie eine öffentliche Toilette.

Doch daraus wurde mehr. Donuts, Weißwurst und Pizza stehen im Angebot. Sehr zum Leidwesen der Mahnmal-Stiftung haben die Gastwirte vor ihren Geschäften auf der Holzterrasse Schlepper postiert, die in aggressiver Art und Weise um die Gunst der Kunden buhlten.

Aus den ursprünglichen Vorstellungen des alten Investors, die beiden Pavillons (zwischen Behren- und Hannah-Arendt-Straße sowie an der Ecke Gertrud-Kolmar-/Hannah-Arendt-Straße) zunächst nur als Provisorium drei Jahre stehen zu lassen, sind inzwischen zehn geworden. Zwei Millionen Euro hatte man nach Angaben der B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft Berlin mbH & Co investiert.

Kritische Stimmen haben den Budenzauber begleitet

Seit dem Bau der Ladenzeile am Holocaust-Mahnmal hatte es Streit gegeben. Kritiker sprachen von einer „Bratwurst-Meile“, die für diesen Ort „unwürdig“ sei. Lea Rosh, die damalige Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden in Europa, forderte gar den sofortigen Abriss der Pavillons.

Ihrer Meinung nach wurde dem Förderkreis vor Baubeginn ein anderer Plan vorgelegt. Auch der damalige Vorsitzende des Stadtentwicklungsausschusses im Bezirk Mitte, Sven Dietrich (PDS), kritisierte: „Das jetzige Bauwerk hat nichts mit dem zu tun, was uns gezeigt wurde.“ Der CDU-Abgeordnete Uwe Lehmann-Brauns sprach damals von einem „würdelose Gebilde“.

Für den Investor hingegen wurde am Mahnmal eine „Versorgungslücke“ geschlossen. Das umstrittene Ensemble besteht aus einem 115 Meter langen und zehn Meter tiefen Holzbau, teilweise zweigeschossig, sowie einem weiteren Komplex nebenan. Auf der überdachten und mehrere Meter breiten Terrasse, die sich entlang des gesamten Komplexes erstreckt, stehen nicht nur Ständer für Ansichtskarten.

Vor dem „Löwen Treff“ konnten die Besucher an langen Tischen und Bänken sitzen. Unmittelbar daneben vor einem anderen Geschäft hatten eigens aufgestellte Liegestühle zum Verweilen eingeladen. Dazu gab es eine Aussichtsplattform mit Blick über das Stelenfeld sowie eine Toilettenanlage.

Das Holocaust-Mahnmal

Das Mahnmal, nach Entwürfen des New Yorker Architekten Peter Eisermann gebaut, wurde 2005 nach dreijähriger Bauzeit fertiggestellt. Insgesamt 2700 Betonstelen sollen an die von Nazi-Deutschland begangene systematische Ermordung von Juden erinnern. Das Mahnmal ist eines der markantesten Orte in Berlins City, das täglich von Tausenden Touristen besucht wird.

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