Wenn in Berlin der Siegerentwurf für ein Gebäude vorgestellt wird, das an einer der prominenten Ecken der Stadt errichtet werden soll, wird in aller Regel heftig über dessen architektonische Qualität diskutiert. Bei dem Wettbewerbssieger, dem die Ehre zukommen soll, nach 25 Jahren endlich den achteckigen Leipziger Platz zu vollenden, war dies am Mittwoch jedoch anders. Für heftige Debatten sorgte diesmal nicht die Architektur, sondern die politische Einflussnahme des Bausenators Andreas Geisel (SPD) auf das Projekt.

Wie Ilan Brandstetter von der F100 Investment AG am Mittwoch bestätigte, hat der Senator auf Antrag des Bauherren diesen von der Auflage befreit, 20 Prozent der Bruttogeschossfläche für Wohnungen vorzusehen. Entstehen soll nun ein reines Büro- und Geschäftshaus. Im Bebauungsplan für den Leipziger Platz ist jedoch ein 20-prozentiger Wohnanteil vorgeschrieben. Für Irritationen sorgt zudem, dass ausgerechnet Geisels Parteifreund Peter Strieder, von 1996 bis 2004 selbst Senator für Stadtentwicklung, als Berater für die luxemburgische Gesellschaft tätig geworden ist.

Stadtentwicklungssenator weist Filzvorwurf zurück

Geisel wies den Filzvorwurf am Mittwoch zurück. „Es ist allein Sache des Investors, wen er zu seinem Berater bestimmt“, sagte der Senator. Weder habe er darauf Einfluss genommen, dass Strieder einen Auftrag vom Investor bekommen habe, noch habe Strieder seine Entscheidung beeinflusst, das Bauvorhaben von der Wohnauflage zu befreien. Geisel begründete diesen Schritt mit der besonderen Lage des Baugrundstücks am Übergang vom Leipziger zum Potsdamer Platz.

Die letzte Baulücke am Leipziger Platz wird geschlossen

Die letzte Baulücke auf dem Leipziger Platz im Zentrum Berlins wird bald geschlossen (Simulation).
Die letzte Baulücke auf dem Leipziger Platz im Zentrum Berlins wird bald geschlossen (Simulation).© BM | léonwohlhage, Berlin
Heute hat der Bauherr, die F100 Investment A.G., den Gewinner des Architektenwettbewerbs bekannt gegeben.
Heute hat der Bauherr, die F100 Investment A.G., den Gewinner des Architektenwettbewerbs bekannt gegeben. © BM | léonwohlhage, Berlin
Auf dem Grundstück Leipziger Platz 18/19 entsteht bis Herbst 2019 ein Geschäfts- und Bürohaus nach den Entwürfen des Büros léonwohlhage aus Berlin.
Auf dem Grundstück Leipziger Platz 18/19 entsteht bis Herbst 2019 ein Geschäfts- und Bürohaus nach den Entwürfen des Büros léonwohlhage aus Berlin.© BM | léonwohlhage, Berlin

„Im Unterschied zu den anderen Grundstücken am Leipziger Platz ist dieses besonders klein und auf beiden Seiten von lauten Hauptverkehrstraßen umgeben“, so der Senator. Statt wenige Luxuswohnungen zu bekommen, deren Fenster man wegen des Lärms nicht öffnen könne, habe er sich lieber dafür entschieden, den unbefriedigenden städtebaulichen Zustand am Leipziger Platz zu beenden.

Die Erklärungen des Senators reichten sowohl dem Koalitionspartner CDU als auch der Opposition nicht. „Die Änderung des Bebauungsplanes am Leipziger Platz bleibt ein höchst erklärungsbedürftiger Vorgang“, sagte der baupolitische Sprecher der CDU, Mathias Brauner. Geisel habe den Vorwurf nicht ausräumen können, dass die Planänderung auf Zuruf durch die Bauverwaltung ermöglicht wurde.

Ähnlich sieht das die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Antje Kapek. „Der Senat verzichtet auf den Wohnungsbau, obwohl Wohnraum in unserer wachsenden Stadt dringend gebraucht wird“, sagte die Fraktionschefin. Partikularinteressen einzelner Investoren vor das Allgemeininteresse der Stadt zu stellen, sei unverantwortlich. „Zudem bleibt durch den Einfluss des Ex-Bausenators Strieder ein Geschmäckle an der Senatsentscheidung hängen“, so Kapek. Strieder selbst wollte sich am Mittwoch auf Nachfrage dieser Zeitung dazu nicht äußern.

Tatsächlich steht auf der Nordseite des Platzes seit Jahren ein Baugerüst, auf dem mit Planen eine Gebäudefassade vorgegaukelt und großflächige Werbung präsentiert wird. Ein Preisgericht, dem neben dem Investor Architekten sowie Vertreter aus Land und Bezirk – unter anderem Senatsbaudirektorin Regula Lüscher – angehörten, fällte am Dienstagabend die Entscheidung, dass nach den Entwürfen des Berliner Büros Léonwohlhage ein Büro- und Geschäftshaus entstehen soll.

Demnach entsteht ein Sockelbau mit sechs Voll- und einem Staffelgeschoss, das zur Platzecke hin von einem Turmaufbau mit weiteren vier Etagen gekrönt wird. Die Fassade besteht aus Glas sowie poliertem und aufgerautem Beton. „Wir haben einen würdigen Abschluss des fast kompletten Oktogons gesucht, der gleichzeitig ein Tor zur Mitte Berlins darstellt“, sagte die Juryvorsitzende, die Architektin Ulrike Lauber. Der Baukörper besteche durch Eleganz, Ruhe und Qualität und wetteifere nicht mit den 118-Meter-Türmen am benachbarten Potsdamer Platz.

Ob die Baulücke nun tatsächlich geschlossen und die Fassadenattrappe verschwinden wird, wird sich in den kommenden Monaten erweisen. Ilan Brandstetter stellte in Aussicht, dass die Planungen umgehend beginnen sollen. Der Bauantrag könne dann Ende dieses oder Anfang kommenden Jahres gestellt werden. Baubeginn könnte dann Mitte 2017 und die Fertigstellung Herbst 2019 sein.

dpa