Problem-Kiez

Der Wedding will gar nicht sein wie Prenzlauer Berg

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Laura Réthy

Foto: David Heerde

Am Dienstag beginnt die Fashion Week – mitten in einem sozialen Brennpunkt Berlins. Viel hat sich dort zuletzt verändert. Doch die Welt der Schönen und Reichen ist noch immer unendlich weit entfernt.

Hüseyin Ünlü hat einen Traum. Er sitzt neben seinem „Café Leo“ am nördlichen Ende des Leopoldplatzes. Ein einfacher Wagen mit Verkaufsfenster. Ein Provisorium seines Traums. „Gucken Sie sich diese Straße an“, sagt er und zeigt auf den Weg, der an der Nazarethkirchstraße entlangführt, „wie eine Promenade.“

Hier, hat er sich überlegt, könnten Pavillons stehen, Lampions leuchten und die Menschen würden flanieren. „Dann würden auch Besucher aus anderen Bezirken zu uns kommen, auch Touristen“, sagt er und klingt verärgert, weil ihn niemand zu verstehen scheint.

Das Bezirksamt Mitte habe ihm gesagt, das würden die Gesetze nicht zulassen. „Aber warum klappt das in Friedrichshain? In Kreuzberg? Und nicht in Wedding?“

Spritzen auf dem Boden, Trinker, Gewalt

Hüseyin Ünlü lebt seit 1979 in der Schulstraße, an der östlichen Seite des Leopoldplatzes. Seine Kinder sind hier geboren und aufgewachsen und doch sagt er: „Ich würde nicht wieder hierher ziehen.“ Damals, als sich viele türkische Migranten in Wedding ansiedelten, suchte auch das Ehepaar Ünlü eine billige Wohnung. Billig ja, das war es in Wedding, aber keine gute Umgebung. „Ich hatte Angst, dass meine Kinder abends nicht nach Hause kommen würden“, sagt Ünlü.

Er erzählt von Drogensüchtigen, die auf dem Platz herumlungerten und von den Spritzen auf dem Boden. Von Trinkern und von Gewalt. An diesem Tag spielen Kinder auf dem Leopoldplatz, Händler verkaufen ökologische und regionale Produkte. Es ist etwas passiert mit diesem Ort, auch weil es Hüseyin Ünlü vor fünf Jahren reichte.

Einige Tage zuvor trifft sich eine Gruppe Gleichgesinnter. Da ist Wolfgang Körber, der alte Herr, der von Anfang an dabei ist und Hannah Lisa Linsmaier, die junge blonde Frau, die den Gemeinschaftsgarten gleich um die Ecke ins Leben gerufen hat. Die Marktleiterin vom Leopoldplatz ist gekommen und einer aus dem Trinkraum Knorke, seine Hunde im Schlepptau.

Heinz Nopper vom Präventionsrat Mitte eröffnet den 55. Runden Tisch Leopoldplatz. „Gibt es Anmerkungen von Ihrer Seite?“, fragt er in die Runde. Wolfgang Körber sagt, er habe vor einigen Tagen im Eingang der Kirche jemanden liegen sehen. Nopper nimmt es ins Protokoll auf. Wolfgang Körber ist genau deswegen hier. Er wollte keine Betrunkenen mehr in den U-Bahneingängen, auf den Parkbänken, vor der Kirche.

Den Wedding lebenswerter machen

Dann reden sie über den Flohmarkt. „Der ist wirklich sehr schön geworden. Nur die Möbel sind ja fast schon zu sehr Prenzlauer Berg“, sagt einer. Prenzlauer Berg heißt hip, gentrifiziert, teuer. Das, was sie hier eigentlich nicht wollen, aber irgendwie doch. Vor fünf Jahren haben sie sich zusammengetan, damit ihre Gegend lebenswert wird. Initiator war Hüseyin Ünlü, denn als irgendwann auch die Einbrüche rund um den Leopoldplatz überhand nahmen, war Schluss. Er sammelte Unterschriften, legte sie dem Bezirksbürgermeister vor. Ein Jahr später fand der erste Runde Tisch statt, und die Dinge begannen sich zu verändern.

Die Trinker haben einen eigenen Bereich bekommen. Es werden Feste gefeiert, Märkte veranstaltet. Hüseyin Ünlü hat 2011 sein Café eröffnet, um den Menschen einen Treffpunkt auf dem Platz zu geben. Doch wie so oft, bedeutet Veränderung nicht immer Verbesserung. Wolfgang Körber, der 74 Jahre alte Witwer, ist in Wedding geboren und aufgewachsen. Er wohnt in der Malplaquetstraße, einige hundert Meter nördlich des Platzes. Gerade wurde seine Miete um 68 Euro erhöht, seine Rente um drei. Um ihn herum ziehen Studenten in Wohngemeinschaften ein. „Die zahlen pro Zimmer 350 Euro, da kann der Vermieter über 1000 Euro nehmen.“ Manchmal ist er sich nicht sicher, ob es richtig ist, sich für einen schöneren Wedding einzusetzen.

Es tut sich was in Wedding

Auch wenn es Hüseyin Ünlü nicht schnell genug geht – es tut sich was in Wedding. Da sind Projekte wie die von Hannah Lisa Linsmaier, die vor einem Jahr das „himmelbeet“ eröffnet hat, einen interkulturellen Garten. Zunächst kamen die, die eben zu Urban Gardening kommen. Studenten und Kreative. Doch ganz langsam kommen auch Migranten aus der Nachbarschaft. Es geht darum, ein Miteinander zu schaffen.

Das, was in den kommenden Tagen in Wedding passiert, hat wenig mit einem Miteinander zu tun. Einen Kilometer vom Leopoldplatz entfernt, die Müllerstraße entlang, dort wo früher auch der Wedding ein wenig prunkvoll war, wo man „wie in der Schloßstraße einkaufen ging“, wie Wolfgang Körber erzählt und heute „nur noch die Hartz IV-Empfänger einkaufen“, dort wird am Dienstag die Fashion Week eröffnet.

Sie ist zu Gast im Erika-Heß-Eisstadion. Gegenüber der City Sex Shop und die Jugendhilfe „Neue Chance“. Nur ein Schild hinter den Schranken zum Parkplatz des Stadions gibt einen Hinweis darauf, was sich hier in den nächsten Tagen abspielen wird. Fashion Week? Die Menschen, die vorbei gehen, wissen nichts davon. Sie haben vermutlich andere Sorgen.

Den Besuchern könnte diese Kulisse gefallen, das authentische Berlin. Zumindest für diesen Ausflug. Denn Authentizität heißt hier Armut. In Wedding sind rund 60 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren und 59 Prozent der Jugendlichen unter 18 Jahren auf staatliche Hilfe angewiesen. Hüseyin Ünlü sagt, die meisten seiner Kunden seien arm. „Ich verkaufe meinen Kaffee für einen Euro.“ Würde er zwei nehmen, käme niemand mehr.

Bauvorhaben bringen Veränderung

„Jede Veränderung beginnt mit Kaufkraft“, sagt Dennis Klaffke. Er sitzt in einem Showroom gegenüber einer 12.000 Quadratmeter großen Baustelle an der Chausseestraße, direkt an der Grenze zwischen Wedding und Mitte. Dort wo der Bundesnachrichtendienst in diesem Jahr seine neue Zentrale bezogen hat.

Hier baut die Pantera AG gemeinsam mit Peakside Capital „The Garden“, eine Siedlung mit 140 Mietwohnungen und 7 Stadthäuser mit 114 Eigentumswohnungen. Preis pro Quadratmeter zwischen 3151 und 5800 Euro. „Wir bauen für Menschen, die in der Stadt und gleichzeitig im Grünen leben wollen“, sagt Klaffke, Leiter des Vor-Ort-Teams.

Es soll ein Paradies für Familien werden, mit Spielbereichen, Kletterwand und Concierge. Für Menschen, die von Partys und Touristen genug haben. Wie sich das wohl auf Wedding auswirkt? „Gut“, sagt Klaffke. Die Pantera AG ist überzeugt, dass das Bauvorhaben den Wedding positiv verändern wird. Denn es sei natürlich irgendwie schade, sagt Klaffke, dass so ein grüner Bezirk wie Wedding bisher ein sozialer Brennpunkt ist. Es klingt, als hätte das Grün eine bessere Gesellschaft verdient. Bauvorhaben wie „The Garden“ werden den Wedding verändern. Zum Guten? Zum Schlechten? Die Antwort ist eine Frage der Perspektive.