Hanne Sobek ist ein Idol aus den allerbesten Zeiten von Hertha BSC. In den Vereinsannalen werden Schnelligkeit und Teamgeist des Halbstürmers gerühmt, der mit seiner Mannschaft Anfang der 1930er-Jahre gleich zwei Mal Deutscher Meister wurde. Doch auf dem einzigen nach ihm benannten Ort in Berlin herrschen Einöde und Stillstand – und das schon seit Wochen.
Dabei müsste eigentlich auf dem Hanne-Sobek-Platz hektische Betriebsamkeit herrschen. Denn dort soll das seit Langem erwartete Entree für den S- und Fernbahnhof Gesundbrunnen entstehen. Eine Bahn-Station, die bereits bundesweit traurige Berühmtheit als einziger ICE-Halt ohne Empfangsgebäude erlangte.
Dabei ist der Bahnhof in seiner jetzigen Gestalt ein hochmoderner Neubau – nach der deutschen Wiedervereinigung als wichtiger Bestandteil des neuen Bahn-Konzepts für die neue Bundeshauptstadt errichtet und 2006 feierlich eröffnet.
Mehr als sieben Millionen Euro soll der Bau kosten
Doch trotz Baukosten von mehr als 100 Millionen Euro hatte es damals für ein richtiges Eingangsgebäude nicht gereicht. Der inzwischen von der Bahn vielerorts praktizierte Plan, statt eines Bahnhofs ein besser vermarktbares Einkaufscenter mit Gleisanschluss zu bauen, ging nicht auf, weil die Immobiliengesellschaft ECE schneller war. In unmittelbarer Nachbarschaft ließ der Hamburger Großinvestor das Gesundbrunnencenter errichten.
Auf der zugigen Freifläche vor dem Bahnhof, der immerhin zehn Gleise für ICEs, Eurocity-, Regionalexpress- und S-Bahn-Züge sowie einen direkten Übergang zur U-Bahn hat, entstanden lediglich zwei Pavillons, in denen man neben Kaffee, Zigaretten und Würstchen auch mal eine Fahrkarte kaufen konnte.
Doch zu Beginn des Jahres war auch damit Schluss. Sieben Jahre nach seiner Eröffnung sollte der Bahnhof Gesundbrunnen endlich ein halbwegs passables und seiner Bedeutung als wichtiger Bahnknoten entsprechendes Empfangsgebäude erhalten. Mehr als sieben Millionen Euro will sich die Bahn-Tochter Station&Service den Neubau kosten lassen.
„Hier bewegt sich nichts, höchstens der Kran im Wind!“
Anfang Januar – mitten im tiefsten Winter – ließ die Bahn daraufhin den Platz großräumig mit Bauzäunen absperren und die Leichtbau-Container abreißen. Es hieß Platz schaffen für das nun endlich zu bauende Bahnhofsgebäude. Hinter den Bretterwänden türmen sich inzwischen aufgerissener Asphalt und ein paar Schuttberge. Bauarbeiter sind allerdings schon seit Längerem keine mehr zu sehen. Stattdessen der spöttische Kommentar auf einem der angebrachten Bauplakate: „Hier bewegt sich nichts, höchstens der Kran im Wind!“
Die Deutsche Bahn bestätigt den aktuellen Stillstand. Ursache für die „Verzögerungen im Bauablauf“ seien zusätzlich notwendige Untersuchungen an den bestehenden Anlagen, heißt es einer Stellungnahme ziemlich nebulös. Ende Mai sollte die mit dem Projekt beauftragte Baufirma einen neuen Terminplan vorlegen. Inzwischen ist Mitte Juni – gebaut wird trotzdem nicht.
„Jeden Tag muss ich die Baustelle umrunden und ich bin schlecht zu Fuß. Daran ist die Bahn schuld. Ich weiß auch nicht, warum das so lange dauert. Vielleicht wollen die irgendeinem Bauherrn Geld zuschustern“, empörte sich Renate Ahlebrandt. Die 76-Jährige wohnt gleich in der Nachbarschaft des Bahnhofs und muss jeden Tag um die Baustelle herumlaufen. „Das wird der zweite Flughafen!“, meinte sie.
Aufzüge sind seit Monaten nicht nutzbar
Hauptstadt-Besucher Martin Marschalek hat fast zehn Minuten gebraucht, bis er den richtigen Ausgang gefunden hat. Für ihn ist der Bau-Stillstand „klassisches Berlin-Problem“. „In Wien wird auch viel gebaut. Aber hier braucht alles viel länger“, sagte der Österreicher.
Was viele Fahrgäste besonders ärgert: Auch Aufzüge, die zwischen Hanne-Sobek-Platz und den tiefer gelegenen Bahnsteigen hin- und herpendeln, sind seit Monaten nicht nutzbar. Sie wurden gleich bei der Einrichtung der Baustelle im Januar mit eingezäunt und verschlossen. Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen haben nun erhebliche Mühe, zu den Zügen zu gelangen.
„Langsam gewöhnt man sich ja an die vielen Baustellen – schließlich leben wir in Berlin“, sagte etwa Eveline Müller, die mit ihrem dreijährigen Sohn Quentin unterwegs ist. Statt des Fahrstuhls nutzt sie nun die Rolltreppe. Aber auch die würden nicht immer funktionieren. „Das ist mir schon mehrmals passiert“, berichtete sie.
Empfangsgebäude soll Anfang 2014 eröffnet werden
Cindy und Jens Busse sind mit ihrer zehn Monate alten Tochter unterwegs. Beide tragen gemeinsam ihren Kinderwagen die Treppe rauf. „Die Rolltreppe an dem Gleis, auf dem wir immer ankommen, fährt nur nach unten. Das heißt, wenn ich hoch will, muss ich den Wagen immer tragen“, sagte Jens Busse. Auch der Aufzug am U-Bahnhof sei keine echte Alternative. „Ich habe den Aufbau hier gesehen. Das ging alles ganz schnell. In zwei Wochen stand die Baustelle mitsamt Kran. Danach habe ich nie wieder jemanden hier arbeiten sehen“, berichtete der 31 Jahre alte Sicherheitsmann.
Die Deutsche Bahn will nun prüfen, einen der stillgelegten Aufzüge zumindest zeitweise wieder in Betrieb zu nehmen. Das dürfte indes schwierig sein, denn der Asphaltbelag auf dem Platz ist schon großflächig aufgebrochen. Ohnehin sei es Ziel, mit den Arbeiten so schnell wie möglich zu beginnen. Ob das Empfangsgebäude wie geplant Anfang 2014 eröffnet werden kann, gilt inzwischen als sehr fraglich.





