Eigentlich ist der gemeine Parkettkäfer, Lyctus linearis, ein guter Käfer. Es gibt nämlich solche und solche Holzschädlinge. Die einen rücken lebenden Bäumen zu Leibe, fressen sich mit Wonne hinein in ihr Fleisch, das Holz, pulverisieren es und bringen hier und da gewachsene Riesen, eben noch in vollem Saft stehend, zu Fall; mit ähnlichem Schneid, wie die berühmte winzige Steinlaus von Loriot es uns mit Wolkenkratzern vorführte. Die anderen aber vernichten ausschließlich Totholz. Gäbe es sie nicht, wäre der Kreislauf aus Werden und Vergehen im Wald unterbrochen, und wir würden stets vor einem unüberwindbaren, himmelhohen Berg von alten Baumstämmen stehen, wann und wo immer wir den lichten Tann für den Sonntagsspaziergang suchten.

Auch Lyctus linearis, der Parkettkäfer, ist so einer, der Totholz frisst. Doch im Zuge der menschlichen Zivilisation hat er sich leider umprogrammiert, hält sich nicht mehr so gern an gefallenen Stämmen im rauen Wald schadlos, sondern bevorzugt das durchgehend warme Klima in den Häusern. Zum Beispiel im Berliner Bode-Museum, wo er sich in das frisch verlegte Eichenparkett eingegraben hat und droht, den Exponaten den edlen Boden unter den Füßen wegzufressen. Dabei ist der Parkettkäfer mit seinen zweieinhalb Millimetern Größe kaum größer als jene mikroskopisch kleine Steinlaus – aber die ist ja so klein, dass es sie gar nicht gibt.

Im Dunklen treibt er sein Unwesen

Entdeckt hat den Käfer Johann August Ephraim Goeze, ein Theologe mit Hang zur Zoologie, im 18. Jahrhundert. Zu einer Zeit also, als man unter Parkett noch keinen Fußboden verstand, sondern einen Raum, ein Kabinett für die Vornehmen, auch einen privilegierten Bereich beispielsweise im Theater, der natürlich auch mit dem anspruchsvollen Bodenbelag ausgelegt war. Und so wie vom Kabinett als Raum heute nur noch die vornehme Runde darin übrig blieb, immerhin die Regierung – so blieb vom Parkett im heutigen Sprachgebrauch nur noch der edle Boden. Und der Parkettkäfer.

Im Dunklen treibt er sein Unwesen, im Untergrund, unbemerkt. In einem Zwischenstadium zwar nur, nicht mehr Ei und noch nicht Käfer, eben als Larve. Doch zum Verdruss der Freunde des Eichenholz-Belages hat es die Natur bei allen Lyctus-Käfern so eingerichtet, dass er im Ei und später auch als Käfer jeweils nur wenige Tage lebt, zwischendurch als Larve aber bis zu zwei Jahre, verborgen unter der Oberfläche. Sein Dasein ist also auf größtmöglichen Schaden programmiert, auch deshalb, weil alles erst ans Licht kommt, wenn sich anschließend der fertige Käfer nach oben durchbeißt, um seinen „Hochzeitsflug“ anzutreten, sich zu begatten, noch schnell die Eiablage zu organisieren und schon bald, nach eineinhalb Wochen, aus dem Leben zu scheiden.

Perfektes Zangengebiss

Zwei Jahre lang hat er sich da zuvor, als Larve, Tunnel um Tunnel voran gefressen, rechts, links, unten, oben, nur nicht ganz nach oben. Mit einem perfekten Zangengebiss. Nicht senkrecht beißen seine Werkzeuge, wie alle uns näher bekannten Arten, sondern horizontal. Ein kleines Monster, aber immerhin auf eine Größe von einem halben Zentimeter frisst sich die Larve stark. „Die Symbionten im Darm ermöglichen ihr, die Zuckermoleküle in der Zellulose zu spalten und so zu verdauen“, sagt Rüdiger Plarre, Biologe in der Berliner Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung.

Er züchtet die kleinen Lyctus-Käfer, um der Menschheit zu helfen, sich vor ihnen bestmöglich zu wappnen. Auch den Direktor des Bodemuseums, Bernd Lindemann, will er demnächst beraten, der den Vorgang Parkettkäfer in seinem Haus inzwischen zur Chefsache gemacht hat. Der Direktor will, wie er sagt, demnächst mit allen möglichen Holzproben aus seinem Haus zur Bundesanstalt nach Dahlem fahren, um feststellen zu lassen, auf was Lyctus noch alles bei ihm scharf sein könnte.

„Auch der Mensch hat Symbionten, Bakterien, in seinem Verdauungstrakt“, sagt Plarre, „aber keine, die die Zuckermoleküle im Holz aufspalten könnten“. Nicht auszudenken, würden auch wir über genau diese verfügen. Könnten wir doch dann die Zellulose, aus der auch Zeitungspapier hergestellt wird, nicht nur als Morgenlektüre verschlingen, sondern gleich als Baum. Gesotten, gebraten, frittiert, oder, wie die Parkettkäfer, als Rohkost. Aus Deutschen Wäldern – frisch auf den Tisch.

Attacke auf das Weltkulturerbe

Als hätten sie das Bode-Museum, das Weltkulturerbe, möglichst umfassend schädigen wollen, scheint die Vätergeneration der Käfer ziemlich genau kurz vor dem Einbau des Eichenparketts im Jahre 2005 für die Befruchtung und die Ablage der Eier im bereitgelegten Holz gesorgt zu haben. Damit ihre Kinder anschließend, als Larve, ungestört ihre Tunnel graben können. Erst im Herbst letzten Jahres kamen die Käfer an die Oberfläche, offenbarten so die ganze Wühltätigkeit ihres Larvendaseins.

Die Tiere, ganz Zivilisationsfolger, machen es sich dabei zunutze, dass der Mensch es bei seinem Parkett gern zweifarbig oder auch einfach nur heller hat. Die Tiere haben es besonders auf das lichtere, weichere Eichenholz, das Spintholz abgesehen, das zwischen Rinde und Kernholz wächst. Es ist die Zone, die außen die meisten Säfte im Stamm nach oben Richtung Blattwerk transportiert, und daher auch später, im verbauten Zustand, noch die größte Feuchtigkeit aufweist – ein wesentlicher Wohlfühlfaktor für Holzschädlinge wie Lyctus. Eine Vorliebe, die ihm noch einen weiteren Namen einbrachte: Spintholzkäfer.

Nicht nur der Säfte wegen liebt Lyctus das Spintholz, auch weil es noch die meisten Gänge, Löcher, Zwischenräume aufweist, eben weicher ist. Das ist deshalb wichtig, weil der Käfer, der Rentner quasi nach seinem Lebenswerk als Schadenshersteller, eigentlich nicht mehr recht zubeißen mag. Er macht sich nichts mehr aus Holz, es bekommt ihm nicht, auch die Zähne machen nicht mehr richtig mit, es geht zu Ende mit ihm. Um aber noch ins Freie zu gelangen, letztlich um im Freien sterben zu können, aber auch um Eier in irgendwelche Nischen zu platzieren, eignet sich die helle, porösere Ware besser. Was dem Käfer recht ist, kann mithin dem Menschen teuer zu stehen kommen. Helles Eichenparkett ist nicht nur weicher, sondern auch anfälliger für Schädlinge.

Lyctus' exotische Brüder wurden eingeschleppt

Lyctus, der Parkettfresser, hat sich inzwischen zum schlimmsten Holzschädling im Lande entpuppt. Noch vor dem Hausbock und noch vor dem gemeinen Nagekäfer, zu deutsch: Holzwurm. Dabei ist der Lyctus linearis aus dem Bodemuseum noch eher die seltenere Unterart, allerdings die einzige seit jeher in Mitteleuropa heimische. Seine Brüder Lyctus brunneus und Lyctus africanus sind nicht nur größer, sondern auch stärker, produktiver im Holzfraß. Und ihnen haftet noch eine besonders Angst einflößende Aura an: Sie sind Exoten, eingeschleppt aus anderen Erdteilen, Fremdorganismen im Lande.

Allerdings schon seit geraumer Zeit. Tropenholz zählt seit vielen Jahren zu den Massengütern, die über alle Weltmeere zu Millionen Tonnen gehandelt werden. Immer mit Lyctus aller Art dabei als zähe, blinde Passagiere. So entwickelten sich alle verschiedenen Parkettkäfer zu Kosmopoliten. Von Bohle zu Bohle ja nicht nur krabbelnd, sondern schließlich, wenn die Begattung bevorsteht, auch im Fluge. Spätestens seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist die Spezies als Problem in Deutschland bekannt. Rüdiger Plarre arbeitet in seinem Amt an der Lösung.

Nur der Hitzetod verspricht Linderung

Das naheliegende, zu dem sich nun auch das Bode-Museum entschlossen hat: Hitze. Bei 50 Grad ist der Parkettkäfer tot. „Das Eiweiß, aus dem er zum großen Teil besteht, ist dann geronnen wie ein gebratenes Spiegelei“, sagt Plarre. Das Problem: Holz ist ein schlechter Wärmeleiter, es wirkt wie ein Hitzeschild für alle innewohnenden Schädlinge. Doch die moderne Technik weiß Rat: Mikrowellen bringen die allgegenwärtigen Wassermoleküle in Holz und auch im Lyctus derart zum Schwingen, dass sich der so erzeugten Reibungshitze nichts entziehen kann, was irgendwo kreucht oder fleucht. Obendrein, nur zur Sicherheit, lässt Direktor Lindemann einige Ausstellungsstücke auch noch unter Stickstoff setzen. Das Gas vertreibt den lebenswichtigen Sauerstoff im Holz und alles Lebende würde abgetötet.

Plarre sagt, das Bode-Museum sei bei seinen Abhilfemaßnahmen „auf dem richtigen Weg, auch wenn all das natürlich keine Vorbeugung gegen künftigen Befall darstellt“. Dazu wären Holzschutzmittel nötig, „aber ich würde da auch keine Chemie einsetzen, das würden die Museumsbesucher nicht gutheißen.“ Im Übrigen sei Parkettboden in aller Regel nicht chemisch gegen Schädlinge vorbehandelt. Was im Bodemuseum geschah, ist eben doch auch nur ein Ausnahmefall. Und so ist der Vernichtungsfeldzug gegen Lyctus linearis und seine Brüder kein totaler.

Sie alle behalten ihre Chance.