• Rund 10.000 Straßen gibt es in Berlin
  • Eine Rentnerin aus Marzahn-Hellersdorf will sie alle ablaufen
  • Weil sie „dieses Projekt im Kopf hatte“, fiel es ihr nicht schwer, ihren geliebten Job aufzugeben

Was macht man, wenn man das, was man eigentlich immer gemacht hat, plötzlich nicht mehr machen kann? Renate Zimmermann arbeitete 23 Jahre in der Mark-Twain-Bibliothek im Freizeitforum Marzahn. Bestellte Bücher, gründete eine Schreibwerkstatt, organisierte Veranstaltungen. Zum Ende ihres Berufslebens bekam sie so viele Geschenke, Blumen und Karten, dass sie einen ganzen Esstisch damit vollstellen konnte.

Trotzdem, sagt sie, sei es ihr nicht schwergefallen, mit der Arbeit aufzuhören. „Weil ich dieses Projekt im Kopf hatte.“ Frau Zimmermann hat sich was vorgenommen für die Rente: Sie möchte alle Straßen Berlins ablaufen. „Wenn ich das jetzt nicht machen würde – da würde ich in ein ganz tiefes Loch fallen.“

Wie viele Straßen Berlin hat, dazu gibt es im Internet unterschiedliche Angaben. Auf Wikipedia liest man von 9437 Straßen (Stand 2015), das Statistikamt Berlin-Brandenburg schreibt von 11.480 Straßen, Privatstraßen, Brücken und Plätzen. So oder so: Frau Zimmermann hat viele Kilometer Asphalt vor sich.

Bibliothekarin läuft durch Berlin

Wo fängt man da an? Frau Zimmermann ist 66 Jahre alt. „Und ich bin noch gut zu Fuß“, sagt sie. „Noch“. Da merkt man schon, dass das kein kurzfristig angelegtes Projekt ist. Und da sie „noch“ gut zu Fuß ist, möchte sie dort beginnen, wo sie sich nicht so gut auskennt. Also auf der anderen Seite der Stadt, in Steglitz-Zehlendorf. Am 6. Januar zieht sie zum ersten Mal los. Zehn Kilometer schafft sie an diesem ersten Wandertag.

Renate Zimmermann
Renate Zimmermann aus Marzahn-Hellersdorf möchte alle Straßen Berlins ablaufen. In ihrer Hand hält sie ausgedruckte Karten und das Buch „Schlachtensee – Häuser und Bewohner der Villenkolonien“.© BM | Oskar Paul

Knapp einen Monat später trifft sie den Morgenpost-Reporter am S-Bahnhof Schlachtensee. Es ist bitterkalt an diesem Dienstag, die Straßen sind glatt und vereist. Doch davon lässt sich Frau Zimmermann nicht abhalten. In ihren Wanderschuhen stecken Wärmesohlen. „Ich habe mir geschworen, ich lasse mich nicht vom Wetter beeindrucken“, sagt sie. Denn dann wäre sie noch nicht losgelaufen in diesem Jahr. „Ich betrachte das so als Job“, sagt sie.

 Wenn ich das jetzt nicht machen würde – da würde ich in ein ganz tiefes Loch fallen.

Renate Zimmermann

Und ihren Job nimmt Frau Zimmermann ernst. Sie hat das Büchlein „Schlachtensee – Häuser und Bewohner der Villenkolonien“ dabei, ausgedruckte Stadtkarten und handbeschriebene Notizzettel mit Wegbeschreibungen. „Dienstag und Donnerstag gehe ich zur Arbeit“, sagt sie. „Und die anderen Tage habe ich Homeoffice.“ Da bereitet sie ihre Wanderungen vor und nach, dokumentiert sie in ihrem Blog.

Vom S-Bahnhof Schlachtensee bis zum Mexikoplatz

Wir laufen los. Vom S-Bahnhof Schlachtensee zur Straße Am Marinesteg. Dort war Frau Zimmermann eigentlich schon, doch die Straße hatte sie aus Versehen ausgelassen – das gilt es jetzt nachzuholen. Vor einem kleinen grauen Häuschen bleibt sie stehen und knipst mit dem Smartphone ein Foto. „In diesem Hause wohnte von 1955 bis 1964 Willy Brandt“, steht auf einer Gedenktafel an der Fassade. Wir laufen die Straße nicht bis zum Ende, Frau Zimmermann ist keine Dogmatikerin, auch wenn sie „schon möglichst die ganze Straße“ ablaufen will, aus Angst, etwas zu verpassen. Doch das Ende der Straße ist in Sicht, wir biegen ab, wandern einen engen Pfad zwischen zwei Häusern entlang und steigen eine Treppe zum Schlachtensee hinab. Der Weg ist vereist und rutschig, wir halten uns am Geländer fest.

Renate Zimmermann
Renate Zimmermann steht auf einer Straße in Steglitz-Zehlendorf. Sie lebt in Marzahn-Hellersdorf, beginnt ihr Projekt aber auf der anderen Seite der Stadt.© BM | Oskar Paul

Laufen, laufen, laufen. 2007 läuft sie mit ihrem Partner zum ersten Mal einen Fernwanderweg: den Rennsteig in Thüringen. Seitdem sind viele weitere dazugekommen. Der 66-Seen-Weg, der Westerwaldsteig, der Oberlausitzer Bergweg. Im Sommer will sie mit ihrem Sohn die Alpen überqueren. Auch während der Corona-Pandemie läuft sie viel. Weil sie die Regeln nicht brechen will, aber es nicht aushält, eine Maske zu tragen (Egal ob Maske, Brille oder Mütze: „Mir ist alles zuwider, was ich im Gesicht habe“, sagt sie). Deshalb läuft sie jeden Tag zu Fuß zur Bibliothek, statt Bus zu fahren. Sechs Kilometer hin, sechs Kilometer zurück.

„Zu Fuß sieht man ja auch viel mehr“, sagt Frau Zimmermann zuvor schon. Selbst mit dem Fahrrad sei man schon zu schnell, „um die Details wahrzunehmen“. Die „Details, die das Leben eigentlich ausmachen“, schreibt sie auch auf. In Reise-Blogs, einem Corona-Tagebuch und ihrem Blog „Bibliothekarin läuft durch Berlin“. „Diese kleinen Erlebnisse, die man so hat, die vergisst man ja wieder.“

Und so hält sie die Details fest. Willy Brandts Wohnhaus, den Weg um den Schlachtensee, den Reporter beim Fotografieren, Stadtvillen, eine Gedenktafel für den „deutschen Jules Verne“, den Science-Fiction-Autor Hans Dominik, einen drolligen Fiat Topolino, Weihnachtsdeko, ein „Stop Putin!“-Schild, das an einer Wohnungstür hängt, die Plakette auf einer Bank: „Gestiftet für den Postboten“ und noch mehr Stadtvillen. Manchmal muss sie aufpassen, sich nicht in diesen Details zu verlieren: „Ich ( ... ) bin eben nur mit Mühe der Gefahr entronnen, mich in seine Biografie zu vertiefen und Bücher von ihm zu kaufen“, schreibt sie über Hans Dominik in ihrem Blog.

Eine Diagnose verändert ihr Leben

Schreiben, schreiben, schreiben. Den Drang zu schreiben, den hatte sie auch 2008. Da erhält sie die Diagnose Brustkrebs. Ihr Tagebuch aus dieser Zeit wird später in einem kleinen Verlag veröffentlicht. „Platzverweis für eine Erbse“, heißt es – „ein Mutmachbuch“, wie auf dem Titel steht. Die Krebserkrankung habe sie „insofern verändert, dass ich gemerkt habe, wie schnell es vorbei sein kann“, sagt sie. Sie will intensiver leben. Die Dinge durchziehen. Deshalb ruft sie eine Schreibwerkstatt ins Leben, einen „Traum“, wie sie sagt. Die Nachwuchsautoren bereiten ihr 15 Jahre später, als sie in Rente geht, eine XXL-Abschiedsfeier. „Man muss dranbleiben und dann wird es auch meistens“, sagt sie. Und so geht sie auch ihr „Projekt“ an.

Der Schlachtensee ist an diesem Dienstag zugefroren. In Ufernähe sieht man Fußspuren in der dünnen Schneedecke, die sich über den zugefrorenen See gelegt hat. Über das Eis fliegen Schlittschuhläufer. Vorsichtig laufen wir um den See. Sprechen nicht nur über ihre Blogs und ihre Erkrankung, sondern auch über Frau Zimmermanns Weg aus Thüringen nach Marzahn-Hellersdorf, über ihren Partner und ihre Söhne, über ihre Ausbildung im Kuhstall zur Zootechnikerin und wie sie am Ende Bibliothekarin wurde.

Wanderung durch Berlin: 16 Kilometer an einem Tag

Der Weg um den Schlachtensee ist keine Straße. Aber dieses Winterwunderland ist viel zu schön, um es zu ignorieren. Doch irgendwann stapfen wir zurück auf asphaltierten Grund. Frau Zimmermann ist ja hier, um einen Job zu erledigen. Zwischen den Schlachtenseer Villen schlägt Frau Zimmermann ein gutes Tempo an. Ohne Glatteis und ohne Reporter wäre sie wohl noch schneller unterwegs. Knapp 16 Kilometer legt sie am Ende des Tages zurück.

Zu Hause in Marzahn-Hellersdorf, erzählt Frau Zimmermann, hat sie einen großen Stadtplan an der Wand hängen. Darauf streicht sie mit einem Textmarker an, wo sie überall schon war. Noch sind nicht viele Straßen gelb eingefärbt. Davor steht Frau Zimmermann dann, sagt sie. Und denkt: „Nun ja. Aber der Anfang ist gemacht.“