LGBTQ

Marzahn Pride: Bunte Parade zwischen Hochhaustürmen

Etwa 500 Menschen demonstrierten für Homosexuellenrechte in Marzahn. Organisiert wurde der Marsch von der russischsprachigen LGBTQ-Community.

Etwa 500 Menschen demonstrierten für LGBTQ-Rechte in Marzahn.

Etwa 500 Menschen demonstrierten für LGBTQ-Rechte in Marzahn.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin. So bunt wie an diesem Sonnabendnachmittag ist es in Marzahn sonst selten. Etwa 500 Menschen waren nach Schätzungen der Polizei und Veranstalter in der Raoul-Wallenberg-Straße zusammengekommen, um friedlich für die Rechte von Homosexuellen und Queeren zu demonstrieren.

Es ist die erste Marzahn Pride-Parade, organisiert von Quarteera e.V., einem Verein für russischsprachige LGBTQ-Menschen. „Deswegen haben wir uns auch Marzahn ausgesucht, den Stadtteil mit den meisten russischsprachigen Einwohnern Berlins“, erklärt Victoria Plekhanova, Pressesprecherin bei Quarteera. Es gehe darum, sich nicht nur am Nollendorfplatz, sondern auch außerhalb des S-Bahnrings wohl und sicher zu fühlen.

Marzahn Pride: Glitzer und Leder zwischen Plattenbauten

Normalerweise gestaltet Quarteera einen Wagen auf dem Christopher Street Day-Umzug. Da dieser coronabedingt ausfallen musste, organisierte der Verein einfach eine eigene Parade. Von der S-Bahnstation Raoul-Wallenberg-Straße setzte sich der Zug gegen 12.30 Uhr in Bewegung Richtung Victor-Klemperer-Platz. Die Teilnehmer sind bunt gemischt: Von eher unauffälligen Regenbogen-Prints über Glitzer und Make-Up bis hin zu vollständigen Lederkluften und Hundemasken sind verschiedenste Ausprägungen queerer Mode vertreten. Auf der Landsberger Allee fallen die Demonstranten stark auf – an Kreuzberger Feierlaune erinnert hier abseits der Parade nichts. Vereinzelt schauen Bewohner aus den umliegenden Hochhäusern, einige winken verhalten.

Bundestagsabgeordnete Petra Pau (Linke) freut sich über die bunte Parade im Stadtteil: „Um Stereotype abzubauen, ist Marzahn wirklich gut gewählt.“ Viele der Demonstranten hätten sicher auch Vorurteile gegenüber dem Bezirk, mutmaßt sie. Dabei kommen einige der russischsprachigen Homosexuellen selbst aus Marzahn-Hellersdorf. „30 000 Spätaussiedler leben hier im Bezirk und noch mal 10 000 mehr, deren Muttersprache Russisch ist“, so Pau.

Vorurteile in Russland noch weit verbreitet

Auch Gala Terekhova hat einige Jahre im Bezirk gelebt. Das heutige Quarteera-Mitglied ist 2012 als Erwachsene nach Berlin gekommen, um mit ihrer Freundin zusammenzuziehen, die in Marzahn lebte. „Direkte Anfeindungen habe ich eigentlich nicht erlebt“, sagt sie. Als es Ende 2014 jedoch regelmäßig zu rechten Demonstrationen gegen den Bau eines Flüchtlingsheims an der Landsberger Allee kam, sei sie unruhig geworden. Mittlerweile lebt Terekhova in Pankow. Gebürtig ist sie aus Rostow am Don, unweit der ukrainischen Grenze. Obwohl die 1,1 Millionen Einwohnerstadt zu den größten Städten der Russischen Föderation zählt, sei das Denken in Bezug auf LGBTQ-Belange dort immer noch provinziell, meint Terekhova: „Aktivisten haben es dort sehr schwer.“ Terekhova, die in Russland als Lehrerin gearbeitet hatte, sei dort mitunter diskriminiert worden. Eine Kollegin äußerte gegenüber der Schulaufsicht den Verdacht, Terekhova könnte lesbisch sein. „Sie sagte, sie hätte Angst um die Gesundheit der Schulkinder“, erinnert sie sich. Heute sei die Situation für Homosexuelle in Russland aber auch nicht besser. „Es verändert sich nichts, alles bleibt beim Alten“, seufzt sie.

Gefahr für Homosexuelle in Osteuropa und Zentralasien

Viele der in Deutschland lebenden Russen seien ideologisch mit Russland noch eng verbunden, sagt Quarteera-Pressesprecherin Plekhanova. Daher sei es so wichtig, mit der Marzahner Pride-Parade gerade auf die Belange russischsprachiger Queers aufmerksam zu machen. Tatsächlich hätten in Russland viele Menschen immer noch große Vorurteile gegenüber anders gelebter Sexualität, bestätigt Alexey Kokhanov. Kokhanov ist homosexuell, Sänger und Komponist, und im letzten Jahr von Salzburg nach Berlin gezogen. Aufgewachsen ist er jedoch in Moskau. Seine Familie sei streng russisch-orthodox, „mein Bruder ist sogar Priester.“ Doch Kokhanov hat Glück, seine Familie akzeptiert ihn. „Ich darf auch mit den Kindern meines Bruders spielen“, sagt er, das sei nicht immer selbstverständlich. Heute verspüre er weder Scham noch Schuldgefühle wegen seiner Sexualität. „Ich bin glücklich, schwul zu sein“, lacht er.

So selbstbewusst wie Kokhanov können Homosexuelle in russisch-sprachigen Ländern selten auftreten. Quarteera möchte mit der Marzahner Pride-Parade daher auch auf die Gefahr hinweisen, in der sich LGBTQ-Menschen in Osteuropa oder Zentralasien befinden. Auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller unterstützt den Aufruf des Vereins. Die Marzahn Pride solle zeigen, dass Vorurteile und Diskriminierungen in der Gesellschaft fehl am Platz seien, verkündete er vorab in einem schriftlichen Grußwort. „Zugleich lenkt die Marzahn Pride Aufmerksamkeit auf jene LSBTI-Menschen, die in russischsprachigen Ländern bis heute nicht frei leben können.“

Zahl der Gewalttaten gegen LGBTQ in Berlin stark gestiegen

Quarteera setzt sich seit 2009 für die Belanger russischsprachiger LGBTQ-Menschen ein. Etwa 150 ehrenamtliche Mitglieder zählt der Verein. „Ich glaube nicht, dass man in Russland von unserer Existenz überhaupt weiß“, meint Victoria Plekhanova. „Aber vielleicht ändert sich das nach der Parade ja endlich.“

Auch in Berlin sind LGBTQ-Menschen immer wieder Anfeindungen und Gewalttaten ausgesetzt. Wie das Antigewaltprojekt Maneo ermittelte, ist die Zahl der homo- und transfeindlichen Angriffe im vergangenen Jahr von 177 auf 559 gestiegen. Der Anstieg könnte jedoch auch darauf zurückgehen, dass Gewalt gegen queere Menschen häufiger angezeigt wird, so die Projektleiter.