Politik, aufgebrachte Bürger und Pflastersteine, all das kann eine explosive Mischung ergeben, dazu müssen die Steine nicht mal geworfen werden. Es reicht, wenn sie wie in diesem Fall die Straßen in Mahlsdorf pflastern und den Anwohnern – zumindest einigen von ihnen – ans Herz gewachsen sind.

Es geht um die Lemkestraße, eine viel befahrene Durchfahrtsstraße in der Nähe des S-Bahnhofs. Seit 15 Jahren wird darüber diskutiert, sie teilweise zu sanieren. Konkret geht es um einen rund 1,4 Kilometer langen Abschnitt zwischen Bahnübergang und Kieler Straße. Für den Neubau würde der Senat 5,5 Millionen Euro locker machen, die Maßnahme steht seit Jahren in der Investitionsplanung des Landes Berlin.

Dass in der Lemkestraße etwas getan werden muss, ist unstrittig. Das historische Feldsteinpflaster ist in keinem guten Zustand, die Fahrbahn uneben. Vor allem die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die hier mit ihrer Buslinie 395 (U Hönow – S Mahlsdorf) unterwegs sind, sind wegen der Erschütterungen nicht erfreut, es gab bereits verletzte Fahrgäste, die BVG drohte sogar schon mit Einstellung der Linie. Auch stört der durch das Pflaster verursachte Lärm den ein oder anderen Anwohner.

Erhalt des Pflasters für künftige Generationen

Einer, der das Pflaster retten will, ist Marco Hoffmann. Er hat die „Bürgerinitiative zum Erhalt des Feldsteinpflasters in der Lemkestraße und ihm Wohngebiet Mahlsdorf“ gegründet. Hoffmanns Ziel ist, die historischen Steine bewahren, auch für künftige Generationen, und sie nicht durch „neue Bausünden“ zu verschandeln. „Es geht um den Erhalt des Wohngebiets“, ist er überzeugt und verweist auf Kommunen aus Brandenburg, wo das Straßenpflaster durch spezille Verfahren erhalten werden konnte.

Hoffmann geht es aber auch um die bis zu 100 Jahre alten Bäume, die die Ränder der Lemkestraße säumen. Sie bräuchten ein versiegelungsoffenes Pflaster, um ausreichend mit Regenwasser versorgt zu werden. „Bäume und Pflaster bilden eine Einheit“, so Hoffmann. Auch würden die Bäume von Millionen von Bienen benötigt. Und nicht zuletzt natürlich als Schattenspender für Fußgänger, gerade an so heißen Sommertagen wie zuletzt.

Insgesamt, so rechnet Hoffmann vor, würde eine Asphaltierung der Straße die Anwohner rund 30 Millionen Euro kosten. Denn bei asphaltierter Straße, so der Wunsch der Verkehrslenkung Berlin und der BVG, soll die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von Tempo 30 auf 50 ansteigen, was wiederum zu deutlich mehr Lärm führen würde. Daraus entstünden Verluste durch die Wertminderung der Immobilien und Kosten für Lärmschutz, sagt Hoffmann, der bislang 800 Unterschriften für sein Vorhaben sammeln konnte.

Im Bezirksamt nimmt man die Sorgen und Vorschläge der Initiative zur Kenntnis. „Wir befinden uns aber erst in der Vorplanung“, sagt Verkehrsstadtrat Johanns Martin (CDU). Laut ersten Entwürfen soll die Straßenbreite von 8 auf 6,50 Meter zurückgehen, dafür die Gehwege um einen Meter verbreitert werden. Dadurch, dass die Autos auf der Straße parken dürfen, soll – wie von vielen Anwohner befürchtet – verhindert werden, dass die Lemkestraße zur Rennstrecke wird. Martin will auch dafür sorgen, dass Tempo 30 beibehalten wird.

5,5 Millionen Euro müssen für Lemkestraße ausgegeben werden

Ganz sicher sei aber, so der Stadtrat, dass es weder Erhalt noch Sanierung des Pflasters geben werde. Die Steine seien nicht in dem Zustand, dass ein Erhalt finanziert werden könne. Auch sind die Steine laut Landesdenkmalamt nicht schutzwürdig. Möglich sei, sogenannte Pflasterrinnen zu verlegen, sagt Martin. Als „Reminiszenz“ an die vorherigen Steine.

Genauer betrachtet hat das Bezirksamt auch die Problematik mit den Bäumen und dafür extra ein Gutachten in Auftrag gegeben. Ergebnis: „Es gibt keinen Baum, der keine Schäden aufweist“, so Martin. Die Bäume befänden sich eher am Lebensende und hätten noch maximal zehn bis 15 Jahre Freststandzeit. Bei 19 der 60 Bäume besteht laut Gutachten keine Standsicherheit mehr, sie müssten sofort gefällt werden. Martin macht deutlich, dass nach einer Sanierung der Straße alle 60 Bäume nachgepflanzt werden würden und es eventuell noch mal zehn zusätzliche Pflanzen geben könnte.

Dem Wunsch vieler Anwohner, mit den Millionen vom Land nicht die Straße zu asphaltieren, sondern die Gehwege in den Straßen rund um die Lemkestraße, muss Martin eine Absage erteilen. Die 5,5 Millionen Euro sind projektgebunden und dürfen nur für die Lemkestraße ausgegeben werden.

Noch ist nichts entschieden. Einer Anwohnerversammlung vergangene Woche, bei der beide Seiten ihre Argumente austauschten und bei der es keine Annäherung gab, soll eine weitere folgen. Aktuell folgen viele Hoffmann Initiative, es gibt aber auch nicht wenige, die sich zwecks mehr Komfort eine Asphaltierung wünschen. Größte Sorge der Bürgerinnen und Bürger ist, dass die Verkehrssicherheit unter überhöhter Geschwindigkeit leiden könnte.