„Die Telefon-Flatrate umgehen wir heute“, sagte Pfarrer Klaus Kurt Raschkowski mit Blick auf die Angebote eines großen Telefonanbieters. „Wir nehmen heute den direkten Draht nach oben.“ Der evangelische Pfarrer segnete am Mittwoch die Wilmersdorfer Arcaden. Ungewöhnliche Worte, ein Moment des Innehaltens, vor der Eröffnung einer weiteren, großen Einkaufslandschaft in Berlin.

Mehrere Hundert Menschen hatten sich am Mittwoch zur Schnäppchenjagd vor dem Einkaufscenter in der Fußgängerzone an der Ecke Schillerstraße und Wilmersdorfer Straße eingefunden.

Das rote Band, das die symbolische Linie vor den angepriesenen Angeboten bildete, geriet zu diesem Zeitpunkt bereits unter Druck. Kein Vergleich mit den Bildern vom Alexanderplatz bei der Eröffnung der Alexa, aber die Jagd nach Rabatten war eröffnet. Als Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU), Matthias Böning, Sprecher des Vorstandes der Management für Immobilien AG (mfi), Centermanager Heiner Hutmacher und der Geistliche mit vergoldeten Scheren das Band durchschnitten, half nur der Sprung zur Seite, um der anstürmende Menschenmasse zu entfliehen.

Mehr als 90 Prozent rannten dann auch in den Elektronik-Fachmarkt MediMax. Eine Momentaufnahme, denn auch die restlichen, fast 120 Geschäfte wurden im Anschluss besucht. Cafés, Boutiquen, Buchhandlungen und Feinkostgeschäfte wie zum Beispiel Lina Krokant und der Bio-Supermarkt Alnatura.

„Ich war skeptisch gegenüber einem solchen Einkaufscenter“, sagt Jürgen Dworschak, doch hier sei eine völlig neue Einkaufsatmosphäre dank der vielen kleinen Geschäfte geschaffen worden.

In der 180 Meter langen, dreigeschossigen Passage haben sich nahezu alle Branchen eingemietet: Mode, Schuhe, Lederwaren, Sport, Schmuck, Bücher, Gesundheit, Haushalt, Unterhaltungselektronik, Lebensmittel, Feinkost und Gastronomie. In den oberen Etagen werden zurzeit Arztpraxen und Wohnungen ausgebaut. Zudem sind 300 Parkplätze entstanden.

"Wir glauben an die Zukunft"

„Wir glauben an die wirtschaftliche Zukunft und das Wachstum in Deutschland“, sagte am Vorabend der Eröffnung ein Sprecher des kanadischen Projektpartners Ivanhoe Cambridge aus Montreal. „Unser Unternehmen investiert gern in Berlin, und dieser Standort in Charlottenburg-Wilmersdorf ist ideal.“ Mit 92,5 Prozent sind die Kanadier an der 200 Millionen Euro teuren Einkaufspassage beteiligt. Für die mfi ist es neben Einkaufspassagen in Spandau, Prenzlauer Berg und Neukölln das vierte große Objekt in der Stadt.

Befürchtungen, dass der Umzug vieler Geschäfte von Berlins ältester Fußgängerzone hinein in die Passagen sich negativ auswirken könnte, zerstreute Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler. „Es liegen mehrere Bauanträge für Neu- und Umbauten vor.“ Viele Hauseigentümer würden den kurzfristigen Leerstand für Modernisierungen und einen Neubau nutzen. So an der Pestalozzistraße.

Diesen Standort verließ die Filiale einer namhaften Parfümerie-Kette und zog in das neue Center. „Wir haben einen Bauvorbescheid erteilt“, sagt Gröhler. Geplant ist ein Neubau mit Platz für Läden, Büros und Wohnungen. Auch Thomas Bong, Apotheker und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Wilmersdorfer Straße, hat wenig Bedenken. „Die Arcaden sind ein Gewinn für die Straße. Hier sind mehr als 1000 Arbeitsplätze entstanden, und der Branchenmix lockt weitere Geschäftsinhaber an.“ Seinen Laden gegenüber dem Center hat Bong verlassen und in der Passage neu eröffnet. Nach seinen Angaben wird in den alten Geschäftsräumen nach dem Umbau eine Bank eröffnen.

Pfarrer Raschkowski aus der Luisengemeinde bezog sich mit seinen Worten auf die Entwicklung in der Fußgängerzone und die „Geiz-ist-Geil-Mentalität“: „Wer da kärglich sät, wird kärglich ernten, wer reichlich sät, wird auch reichlich ernten“, las er aus dem 2. Brief des Apostel Paulus an die Korinther. Nach dem Vater-Unser zur Eröffnung gab es dann auch Applaus.