Als Philipp Klaus an das Tigergehege herantritt, springen die beiden Raubkatzen darin auf. Die Tiger fixieren den Tierpfleger mit ihrem Blick – völlig lautlos. „Die wissen schon, dass es jetzt etwas zu essen gibt“, sagt Klaus. „Da können hier auch 100 Leute stehen, den Pfleger erkennen sie sofort.“ Er wirft ein Herz aus Eis und gefrorenem Fisch in das Gehege und die Tiger schnappen sich ihren Vormittagssnack. Der Tierpfleger führt an diesem Vormittag durch das Tropen-Revier im Tierpark. Heute auf dem Plan: Pinguine füttern, Malaienbären trainieren und nebenbei erklären, warum es den Tierpark in Berlin braucht.
Der Tierpark in Friedrichsfelde startet, ebenso wie der Zoo in Mitte, mit den steigenden Temperaturen in die Ausflugshochsaison. Zoo und Tierpark gehören dabei nach wie vor zu den beliebtesten Zielen der Stadt – auch wenn die Besucherzahlen im Tierpark laut Amt für Statistik Berlin Brandenburg zuletzt zurückgingen. Rund 1,8 Millionen Besucher zählte der Tierpark 2023. 2024 noch 1,6 Millionen und 2025 besuchten nur noch rund 1,4 Millionen Menschen den Park.

Für die Berliner Institutionen ist das eine Belastung: Zoo und Tierpark, beide gehören zu einem Unternehmen, kämpfen ohnehin mit steigenden Kosten, alten Anlagen und hohen Erwartungen der Besucher. Gehege und Gebäude müssen teuer saniert oder modernisiert werden, während gleichzeitig Energie-, Bau- und Personalkosten steigen. Dazu kommt der Druck, moderne Tierhaltung und Artenschutz glaubwürdig umzusetzen.
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2020 wurde das Gehege für die beiden Malaienbären Frodo und Josy fertiggestellt, durch das Pfleger Klaus führt. Tatzenbodenheizung, naturnaher Boden und Kletterbäume sollen den beiden Bären ein gutes Umfeld schaffen. Auch sonst versucht der Tierpark vieles zu optimieren. „Die Ernährung der Bären haben wir umgestellt, sie bekommen jetzt mehr Gemüse als Obst“, erklärt Tierpfleger Klaus. Viele Lebensmittel seien inzwischen so hochgezüchtet, dass sie zu viel Zucker enthielten. Josy, immerhin Jahrgang 2000, habe schon die ein oder andere Zahn-OP hinter sich, erklärt er. Dabei macht der Pfleger vor dem Gitter das Handzeichen zum Öffnen des Mauls und die Bärendame zeigt ihr Gebiss.

Tierpark und Zoo: Kritiker bemängeln Haltung in Gehegen
Nach einem kleinen Training versteckt Klaus Insekten in einem nachgebauten Bienenstock und in Bambusrohren, die sich die Bären später im Gehege erschlabbern können. Ganz zur Freude der Besucher. Als die Bären sich auf die Insekten im Außengehege stürzen, bleiben mehrere Menschen gebannt vor der Scheibe stehen. Doch ihre Begeisterung wird nicht von jedem geteilt.

Tierrechtsorganisationen und Tierethiker stellen immer wieder infrage, ob Wildtiere in künstlichen Lebensräumen gehalten werden sollten – selbst dann, wenn Gehege größer und naturnaher gestaltet werden als früher. Besonders bei intelligenten oder weit wandernden Arten wie Menschenaffen, Großkatzen oder Elefanten sind viele skeptisch.
Letztere sollen in diesem Sommer nach sechs Jahren Abwesenheit wieder in den Tierpark Berlin einziehen. Dafür wurde ein neues, rund 20.000 Quadratmeter großes Gehege geschaffen. Doch auch wenn Tierpark und Pfleger vieles optimieren und die Haltungsbedingungen anpassen: Ist artgerechte Haltung hinter Absperrungen und Gittern mitten in einer Großstadt überhaupt möglich?
Ohne den Tierpark wäre manche Tierart schon ausgestorben
Philipp Klaus, Tierpfleger
Tierpark Berlin: Wir wollen, dass es den Tieren gut geht
Es sei wichtig, die Kritik von Tierschützern ernst zu nehmen. „Tierschützer und wir wollen letztlich dasselbe: dass es den Tieren gut geht“, betont er. Doch auch er sagt: „Es gibt Einrichtungen, deren Haltungsbedingungen nicht gut sind. Hier im Tierpark haben die Tiere Platz, wir haben die Fläche, und wir nutzen sie auch.“ Und ohne den Tierpark wäre manche Tierart schon ausgestorben, meint Klaus.

Dass ihm das Wohl der Tiere am Herzen liegt, darf man wohl glauben. 66 Brillenpinguine gibt es im Tierpark. Klaus kennt fast jedes Tier beim Namen – nur bei den Jungtieren tut er sich noch schwer. Der Pfleger weiß, welcher Pinguin-Herr mit welcher Pinguin-Dame liiert ist. Welche Pärchen sich zuletzt getrennt haben (Renate und Roy) und wer bei den Pinguin-Damen besonders beliebt ist.
Er weiß, welcher Pinguin (Hartmut) beim Füttern gerade drängelt und dem Reporter in Bein und Finger zwickt, um noch einen Fisch angereicht zu bekommen. Und er weiß, dass sich der Schutzstatus von Tieren schnell ändern kann. „Der Brillenpinguin wurde erst kürzlich von ‚stark gefährdet‘ auf ‚vom Aussterben bedroht‘ hochgestuft“, sagt er, während ihm ein Jungtier einen Fisch aus der Hand schnappt.


