Es war wenige Tage vor der Eröffnung der neuen Sonderausstellung „Lichtenberger Gründungsmomente“, als der Anruf eines Archäologen bei Kurator Dirk Moldt einging. Der Archiv- und Sammlungsleiter vom Museum Lichtenberg war sofort wie elektrisiert. Bei Bauarbeiten sei am Bahndamm in der Nähe des alten Lokschuppens ein auffälliger Kantstein gefunden worden. Womöglich ein alter Grenzstein? Ein Meilenstein?
Sofort schwang sich Moldt aufs Lastenfahrrad und transportierte den Bodenfund ins Museum, während der Archäologe das Landesdenkmalamt und das Vermessungsamt informierte. „Den Fund erstmal in Sicherheit bringen“, sagte sich Moldt. Weil sich oben auf dem Stein ein eingemeißeltes Kreuz befand, mutmaßte der Kurator, der über Stadtgründungen promoviert hat, könnte es sich um einen Grenzstein aus dem Mittelalter handeln. Womöglich sogar aus der Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung Lichtenbergs, einem der drei Gründungsmomente in der Ausstellung.
Die Hoffnung Moldts erfüllte sich nicht: „Der Stein entpuppte sich als läppisches 19. Jahrhundert.“ Er hat ihn als Objekt dennoch in die Ausstellung aufgenommen. Schließlich stammt er in etwa aus der Zeit, als das Lichtenberger Rathaus gebaut wurde. Und das ist ja ebenfalls ein Gründungsmoment in der neuen Sonderschau. Die ist klein, aber fein kuratiert. Moldt hat drei Jahrestage ausgewählt, die entscheidende Momente in der Geschichte Lichtenbergs markieren – alle drei tragen eine Acht am Schluss: 1288, 1898 und 1908.
Um den Bau eines eigenen Rathauses wurde gestritten
735 Jahre liegt der erste Jahrestag zurück: Die urkundliche Ersterwähnung Lichtenbergs Als „Villa Lichtemberge“ datiert vom 24. Mai 1288. „Diese beschreibt den formalen Akt der Grenzziehung, die den Grenzverlauf südlich der damals kaum 100 Jahre bestehenden Dörfer Lichtenberg und Rosenfelde – dem heutigen Friedrichsfelde – neu regelte“, erklärt Moldt. Warum er dieses Datum als einen der Gründungsmomente ansieht? „Die an diesem Akt Beteiligten waren Personen aus der Mark von einem so hohen Rang, wie es sonst nur bei Gründungakten üblich war“, informiert der Kurator.
Als zweiter wichtiger Moment wird in der Ausstellung die Fertigstellung des Lichtenberger Rathauses vor 125 Jahren definiert. „Ende des 19. Jahrhunderts bringt der steigende Zuzug von Menschen ins aufstrebende Lichtenberg verwaltungs- und infrastrukturelle Herausforderungen mit sich“, erläutert Moldt. 1890 lebten immerhin schon 20.000 Menschen in Lichtenberg. „Man musste eine neue Form der Verwaltung finden. Und die Eröffnung des Rathauses am 11. November 1898 markiert diese neue Qualität.“
Allerdings waren dem Bau des Hauses heftige Streitigkeiten vorangegangen. Bereits im Mai 1892 hatte sich die Gemeindevertretung mit einem Antrag zur Errichtung eines Amts- und Gemeindehauses befasst. Begonnen wurde mit dem Rathausbau aber erst vier Jahre später. Denn es wurde in dieser Zeit viel über die Frage diskutiert, ob Lichtenberg Teil von Berlin oder eine eigenständige Stadt wird. Mit seiner neogotischen Fassade erschien der letztlich realisierte Bau dessen Gegnern als viel zu protzig. Interessant übrigens, dass Bauten schon damals teurer wurden als ursprünglich veranschlagt. So wurden die Baukosten zunächst auf 300.000 Mark geschätzt, am Ende betrugen sie 396.664,89 Mark.
Geschichte der Stadt Lichtenberg ist eng verbunden mit Oskar Ziethen
Wegweisend für den heutigen Bezirk Lichtenberg sei schließlich die Stadtgründung vor 115 Jahren am 1. April 1908 gewesen, sagt Dirk Moldt. „Sie schließt den Weg von einem märkischen Dorf zur eigenständigen Stadtkommune ab und eröffnet der Gemeinde Lichtenberg eine dynamische Zukunft im 20. und 21. Jahrhundert“, ist auf einer der Ausstellungstafeln nachzulesen. Eng verbunden ist die Geschichte der Stadt Lichtenberg mit dem Namen Oskar Ziethen – noch heute firmiert das Sana-Klinikum Lichtenberg unter der Bezeichnung Oskar-Ziethen-Krankenhaus.
Ziethen bewarb sich 1896 um die vom Gemeindevorstand ausgeschriebene Stelle als „besoldeter Amtsvorsteher“, wurde mit der Stadtgründung Lichtenbergs 1908 deren erster Bürgermeister und gilt bis heute als Wegbereiter des modernen Lichtenbergs.
Eines der wenigen Objekte in der ansonsten vornehmlich aus Texttafeln und Fotografien bestehenden Ausstellung ist ein kleines Notizbuch von Oskar Ziethen aus dem Jahr 1898 mit geprägtem Ledereinband. In dieses Büchlein trug er die Namen seiner Gäste ein, wenn er sie zum Essen einlud. Festgehalten wurde auch die Sitzordnung – und mitunter sogar die Stimmung.
Museums-Info
„Lichtenberger Gründungsmomente“ bis 27. August, Museum Lichtenberg im Stadthaus, Türrschmidtstraße 24, Lichtenberg, Tel. 57 79 73 88 18, Di.–So. 11–18 Uhr, Eintritt für Ausstellung und Programm ist frei. museum-lichtenberg.de
Begleitprogramm
- 11. Mai, 18.30 Uhr: „Gründungsmomente I“, Kuratorenführung mit anschließendem Stadtrundgang zum Rummelsburger See. Treff: Museum Lichtenberg, Dauer: ca. 2 Stunden.
- 9. Juni, 18 Uhr: „Nacht der Politik“ im Rathaus Lichtenberg mit einer Führung von Prof. Jürgen Hofmann, Ort: Rathaus Lichtenberg, Möllendorffstraße 6.
- 27. Juli, 15 Uhr: „Gründungsmomente II“, Kuratorenführung und Stadtrundgang vom historischen Ortskern Lichtenbergs zum Museum Lichtenberg. Treffpunkt: Dorfkirche Lichtenberg, Loeperplatz, Dauer: ca. 2,5 Stunden.


