Umwelt

Berlin zählt seine Insekten – und jeder kann mitmachen

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Mit Lupe und Erfassungsbogen: Nabu-Expertin Annette Hamann.

Mit Lupe und Erfassungsbogen: Nabu-Expertin Annette Hamann.

Foto: Patrick Goldstein

Kennenlernen oder zählen, was vor der Haustür kreucht und fleucht: Der Naturschutzbund ruft auf zur Sommeraktion.

Berlin.  Es ist einiges los auf der Blühwiese nahe dem Ufer der Rummelsburger Bucht. Mehr als man beim ersten Blick meint. Freiwillige des Naturschutzbundes Nabu sind an diesem Freitagmorgen mit Lupe und Clipboard unterwegs. Was sie suchen, ist winzig klein. Und zu ihren Füßen pulsiert das Leben. Meist auf sechs Beinen. Es ist der Start der zweiten Welle des „Insektensommers“. Berliner und Berlinerinnen sind vom 5. bis 14. August aufgerufen, die Insekten in ihrem Umfeld zu zählen. Denn wo angesichts von Waldbränden in Europa die zunehmende Bedrohung des Weltklimas in den Mittelpunkt rückt, mahnt der Nabu, dass Naturschutz schon mit dem Erhalt der Insektenpopulation beginnt.

Seit fünf Jahren gibt es die bundesweite Aktion. Eine erste Zählung 2022 fand im Juni statt. Dabei gehen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleich vor. Ausgewählt wird ein Beobachtungsraum mit einem maximalen Radius von zehn Metern. Das kann der Rasen im Hinterhof sein, eine Parkwiese, der Grünstreifen vor dem Miethaus. Viele, die mitmachen, sagt Berlins Nabu-Sprecherin Janna Einöder, seien Menschen, die auf ihrer Terrasse, dem Balkon und dem Garten zählen. Die Dauer des Zählens ist auf jeweils eine Stunde beschränkt.

Insektensucher aus Berlin und Brandenburg

Sprecherin Einöder hofft, dass die Teilnehmerzahlen in diesem Jahr wieder ansteigen. In 2020 sandten 1234 Insektensucher aus Berlin und Brandenburg ihre Ergebnisse ein. 2021 waren es 739 und bei der ersten diesjährigen Zählung gab es nur 286 Auswertungen. Bundesweit machten im vergangenen Jahr 13.000 Menschen mit. Große Popularität hat die Aktion bei Schulklassen.

„Der Nabu will Schwarmwissen sammeln und erfahren, was in unseren Gefilden für Insekten vorkommen“, sagt Einöder. „Als weiteren Effekt möchten wir den Bürgern verdeutlichen, was vor ihrer Haustür so alles krabbelt und summt.“ Es gebe unter Naturschützern einen gängigen Satz: „Man schützt nur das, was man auch kennt“, sagt Einöder.

Bürgerwissenschaft

Sie verwendet den Begriff „Citizen Science“. Bei jener „Bürgerwissenschaft“ beteiligen sich Laien daran, Wissen zu beschaffen und zur Verfügung zu stellen. Ohne eben Fachleute zu sein. Klassiker beim Nabu ist da die „Stunde der Gartenvögel“. Dabei zählen Laien alljährlich – 2022 zum 18. Mal – am zweiten Maiwochenende Vögel in ihrer Umgebung.

Auf der Blühwiese an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg stoßen Einöders Mitstreiter an diesem Freitagvormittag auf Insekten, deren Namen gewiss nicht jedem Stadtmenschen bekannt sind, etwa Ackerhummeln, Erdhummeln, asiatische Marienkäfer, Kohlweißlinge, aber auch Altvertraute wie Wespe und Heupferd. Rund 30.000 Insektenarten gibt es Schätzungen zufolge in Deutschland. In Berlin sind ungefähr 4000 Arten erfasst.

Gemeinsam anpacken

Eine der Nabu-Freiwilligen ist Annette Hamann. Die Wiese, auf der sie mit einer Lupe kniet, betreuen sie und ihre Mitstreiter seit 2012. Damals schloss man mit dem Bezirksamt Lichtenberg eine entsprechende Kooperationsvereinbarung. „Das Grünflächenamt hat nicht die Mittel, um mehr zu leisten als die Wiesen zu mähen“, sagt Arzthelferin Hamann. So packen seit zehn Jahren Nabu-Mitglieder mit an.

„Jeden zweiten Mittwoch treffen wir uns, um die Wiese zu jäten.“ Zehn bis 15 engagierte Bürger erscheinen nach Feierabend mit Spaten und Schippen, nehmen etwa schädliche Pflanzen aus dem Umfeld der Sandstrohblumen fort, die in der Bundesartenschutzverordnung aufgeführt sind. „Wie nennen das: After-Work-Rupfing“, sagt Annette Hamann mit einem Schmunzeln.

Trends zu Häufigkeit und Population

Anhand der zusammengetragenen Daten des diesjährigen Insektensommers will der Nabu Trends zu Häufigkeit und Population erkennen. Naturschützer gehen schon jetzt von „einem massiven Rückgang der Insekten“ aus.

Sprecherin Einöder sagt, Berlins Struktur mit Wasserwegen, Seen und Wäldern sei für Insekten günstig. „Aber es gehen immer mehr Lebensräume verloren.“ Sie mahnt, dass hier Stadtentwicklung nicht naturverträglich geschehe. „Bei Bauprojekten wird Boden versiegelt, wodurch Regenwasser nicht versickern kann, sondern lange stehen bleibt oder in die Kanalisation fließt." In der wachsenden Stadt verschwänden Brachen, werde zu wenig auf Fassaden- und Dachbegrünung gedrängt.

An vielen Stellen verdorrt

Einöder weist auf eine Liegewiese am Ufer und vergleichend auf jene Fläche, die Annette Hamann und ihre Nabu-Kollegen pflegen. „Die Liegewiese ist an vielen Stellen verdorrt. Die wildwachsende Blühwiese dagegen trotz heißer Sommertemperaturen grün und saftig.“

Wer am Insektensommer teilnehmen möchte, als Städter aber nicht die besten Tierkenntnisse hat, erhält online unter nabu.de die Apps und Unterlagen, um sie zu erkennen und zu unterscheiden. Bis zum 21. August kann man seine Daten dort melden.

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