Stadtplanung

In Rummelsburg entsteht die neue Mediaspree

Derzeit sind Projekte mit einem Investitionsvolumen von 1,5 Milliarden Euro in Planung.

Die Visualisierung zeigt, wie es künftig an der Köpenicker_Chaussee aussehen könnte.

Die Visualisierung zeigt, wie es künftig an der Köpenicker_Chaussee aussehen könnte.

Foto: bloomimages Berlin GmbH

Berlin.  Die Abendsonne zaubert weiche Lichtreflexe auf das Wasser der Spree, aus dem üppigen Grün auf der gegenüberliegenden Uferseite erhebt sich filigran ein Riesenrad. Zahlreiche Büroangestellte genießen den Feierabend auf großzügig angelegten Terrassen. Diejenigen, die noch arbeiten, können aus dem voll verglasten Gebäude auf die Flusslandschaft schauen. Noch allerdings existiert diese Szenerie lediglich in den Köpfen der Planer des Projektentwicklers Archigon.

Tatsächlich ist auf dem 32.000 Quadratmeter großen Areal an der Köpenicker Chaussee 15-19 in Rummelsburg bislang lediglich ein trister Baustoff-Recyclinghof angesiedelt. Auch auf den Nachbargrundstücken geht es bislang wenig idyllisch zu: In bester Wasserlage zwischen Alexanderplatz und Oberschöneweide reihen sich Brachflächen an Zement- und Kraftwerke, aus den Schloten quillt Rauch.

Investoren haben den Charme des Ortsteils entdeckt

Doch Gunther Hastrich, Chef von Archigon, ist überzeugt, dass es nur noch eine Frage von wenigen Jahren ist, bis aus dem Industriestandort an der Spree einer der attraktivsten Büro-, Gewerbe- und Kulturstandorte Berlins wird. Denn nicht nur sein gläserner Bürotraum steht in den Startlöchern – auch andere Investoren haben den rauen Charme des Ortsteils Rummelsburg entdeckt.

Hastrich, der das Grundstück Ende 2018 angekauft hat, ist von dem Standort für sein „Spreewerk“, so der Name der drei geplanten Gebäudekomplexe, überzeugt. „Ich rechne damit, dass hier ein Quartier entsteht, vergleichbar der Mediaspree ein paar Kilometer weiter flussabwärts“ , sagt Gunther Hastrich. Das Areal zähle, trotz seiner relativen Zentrumsnähe, zu den wenigen Gewerbestandorten in Berlin, die aktuell noch nicht als Bürolage in den Fokus gerückt sind. Und anders als bei der Mediaspree, die seit den 1990er- Jahren auf einer Länge von knapp vier Kilometer beidseits der Spree an den Grenzen der Ortsteile Mitte, Friedrichshain, Kreuzberg und Alt-Treptow entstanden ist, ist mit Bürgerprotesten nicht zu rechnen. Im Gegenteil: „Wir verdrängen keine Clubs, sondern durch uns wird das bislang völlig unzugängliche Ufer überhaupt erst erlebbar“, sagt der Archigon-Chef.

Neuer öffentlicher Zugang zur Spree

In Absprache mit dem Bezirk Lichtenberg soll ein öffentlicher Zugang zur Spree geschaffen und der ausgetrocknete Wallgraben renaturiert werden. Zudem entsteht an der Spree ein elf Meter breiter Uferwanderweg, der später auch im Bezirk Treptow-Köpenick, der unmittelbar angrenzend an den Wassergraben beginnt, weitergeführt werden soll. Eine kleine Brücke soll dann über den Graben führen und die Uferweg in beiden Bezirken verbinden. Auch der Büro- und Dienstleistungscampus wird in eine ebenfalls öffentlich zugängliche Grünanlage eingebettet. „Direkt am Uferweg soll es auch ein Restaurant und Cafés geben“, verspricht Hastrich. Raum für Sport- und Freizeitaktivitäten seien ebenfalls geplant.

Platz für verschiedenste Nutzungen wird es auf dem alten Recyclinghof, der Ende dieses Jahres seinen Betrieb einstellen wird, ohnehin reichlich geben. Insgesamt plant der Projektentwickler mehr als 100.000 Quadratmeter Geschossfläche vor allem für Büros. Zudem prüfe man derzeit auch die Ansiedlung kleinerer Manufakturbetriebe sowie eine Hotelnutzung, verrät der Archigon-Chef. Bis zu 4000 Menschen sollen hier einmal arbeiten – und mit der Straßenbahn ankommen, die dann im zehn Minuten Takt verkehrt, so die Vision für die Zukunft. Bisher fahren die Straßenbahn im 20-Minuten-Takt zwischen Ostkreuz und dem S-Bahnhof Schöneweide. Laufe in den erforderlichen Abstimmungen mit dem Bezirk alles wie geplant, soll der Campus 2024 fertiggestellt sein, sagt der Archigon-Chef. Anfang des kommenden Jahres rechnet Hastrich mit Baurecht.

Wohnungsbau ist nicht geplant

Nur eines ist auf dem Gelände trotz des enormen Bedarfs in der Hauptstadt nicht geplant: Wohnungsbau. „Wir hatten zunächst vor, hier Wohnungen zu bauen“, sagt Hastrich. Aber aufgrund der industriellen Nutzung in der unmittelbaren Nachbarschaft – das Heizkraftwerk Klingenberg liegt in Sichtnähe – sei dies aber nicht zulässig, sagt Hastrich. Immerhin: Mit der vom Investor Bonava geplanten Parkstadt Karlshorst wird es zumindest in der näheren Nachbarschaft, auf der anderen Seite der Köpenicker Chaussee, ein Wohnquartier geben. Insgesamt sollen 1148 Wohnungen, davon 252 Sozialwohnungen sowie eine Kita und eine Grundschule entstehen. Und es gibt weitere interessante Projektentwicklungen im direkten Umfeld des Spreewerks. „Wir füllen lediglich eine der letzten Lücken in der Entwicklungsachse vom Alexanderplatz bis zum Flughafen BER“, so Hastrich.

Tatsächlich ist Rummelsburg in den Fokus namhafter Projektentwickler geraten, bestätigt Rüdiger Thräne, Berliner Niederlassungsleiter des Maklerhauses Jones Lang LaSalle (JLL): „Am Büromarkt spüren wir, dass gerade große Flächen mit mehr als 10.000 Quadratmetern innerhalb des S-Bahnringes Mangelware sind. Da ist so ein Standort wie der in Rummelsburg und Oberschöneweide sehr interessant.“ Auch die Mediaspree sei mit den großen Ansiedlungen, unter anderen der Internet-Handelshäuser Zalando und Amazon, nunmehr voll. Da sei es nur folgerichtig, dass die Projektentwickler sich weiter spreeaufwärts orientierten. Insgesamt, so der Immobilien-Experte, würden sich die bislang insgesamt avisierten Vorhaben auf eine Bruttogeschossfläche von rund 300.000 Quadratmeter belaufen und einem Investitionsvolumen von bis zu 1,5 Milliarden Euro belaufen. „Davon bereits in sehr konkreter Planung sind etwa 170.000 Quadratmeter“, sagt Thräne.

Pläne für ein Musik- und Konferenzzentrum

Als Beispiel nennt Thräne die Immobilienentwickler Uwe Fabich und Holger Jackisch. Ende vergangenen Jahres haben sie den Reedereibetrieb Riedel sowie das Hafengelände in Rummelsburg übernommen. Fabich und Jackisch gehören bereits die angrenzenden Flächen mit dem alten DDR-Funkhaus und dem unter Denkmalschutz stehenden Kraftwerk, die zu einem Musik- und und Konferenzzentrum entwickelt werden sollen. Das Publikum wird später mit einem Schiffsshuttle anreisen – und idealerweise dann noch in einem Hotel übernachten, das die beiden auf dem Hafengelände planen.

Gleich neben dem Funkhaus Nalepastraße hat sich Immobilieninvestor Trockland ein Grundstück gesichert. Nach dessen Plänen soll bis 2023 ein neuer Gründercampus mit einer Bürofläche von knapp 22.000 Quadratmetern entstehen. In unmittelbarer Nachbarschaft an der Rummelsburger Landstraße plant Fortress Immobilien ein Bürogebäude nebst Hotel mit einer Gesamtfläche von etwa 60.000 Quadratmeter. Das Vorhaben soll ebenfalls 2023 fertig sein.

Neubau eines Bürogebäudes an der Hauptstraße

Interessant sei ferner ein sogenanntes Vorratsgrundstück, das vis-à-vis des Spreewerks auf der gegenüberliegenden Seite der Köpenicker Chaussee liege, sagt Thräne. Dort sollte ursprünglich ein neues Gas- und Dampfheizkraftwerk entstehen, um das bestehende Heizkraftwerk Klingenberg des Unternehmens Vattenfall zu ersetzen. Nachdem Klingenberg jedoch modernisiert und 2017 von der umweltbelastenden Braunkohle auf Gasbetrieb umgestellt wurde, sind diese Pläne hinfällig. „Gut möglich, dass wir hier bald spannende Potenzialflächen für die weitere Entwicklung bekommen“, so Thräne weiter.

Konkreter sind da allerdings schon die Planungen der Deutsche Real Estate. Das Unternehmen plant an der Hauptstraße 13 zusätzlich zu dem 20.000 Quadratmeter großen Bestandsgebäude, in dem unter anderem die Kletterhalle „Ostbloc“ untergebracht ist, den Neubau eines Bürogebäudes mit einer Fläche von 15.000 Quadratmetern.