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Senat vor Ort: Michael Müller lobt den Bezirk Lichtenberg

Kein Bezirk setzt die Ziele des rot-rot-grünen Senats so engagiert um wie Lichtenberg. Und es gibt noch Potenzial für Stadtentwickler.

Senat in Lichtenberg: Auf dieser Fläche in Hohenschönhausen soll das neue Stadtteilzentrum entstehen.

Senat in Lichtenberg: Auf dieser Fläche in Hohenschönhausen soll das neue Stadtteilzentrum entstehen.

Foto: Joachim Fahrun

Berlin. Lichtenberg ist ein Traum für jeden Stadtentwickler. Hier scheint Berlin noch weit weg zu sein von den edlen Altbaufassaden der Innenstadt, obwohl der Bezirk gleich am S-Bahn-Ring beginnt. Zwischen den breiten Magistralen wechseln Plattenbauten mit Brachen und Siedlungshäusern, neue Apartmentblocks mit Baumärkten. Manchmal blicken wie am ehemaligen Heim für vietnamesische DDR-Vertragsarbeiter noch offene Fensterhöhlen aus Betonklötzen.

Aber auch Lichtenberg ist längst in den Sog der wachsenden Metropole geraten, wie sich der Senat am Dienstag bei seiner gemeinsamen Sitzung mit dem Bezirksamt im Rathaus an der Möllendorffstraße und bei der anschließenden Bezirkstour überzeugen konnte. Man war zu Besuch beim Lieblingspartner. „Das Bezirksamt ist sehr nah dran an allen Themen, die ganz Berlin bewegen“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und nannte Wohnungsbau „in Tausender Größenordnungen“, Kitas und Schulbauoffensiven.

Michael Grunst (Linke), Bezirksbürgermeister, pries das „gemeinsame Vorgehen“ der beiden Ebenen. „Das ist die besondere Qualität dieses Senats“, sagte der Linken-Politiker. Die Bande zum Senat sind eng in Lichtenberg. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) war hier ebenso Stadträtin wie Innensenator Andreas Geisel (SPD). Zwei Drittel der Wohnungen gehörten landeseigenen Gesellschaften oder Genossenschaften, sagte Grunst. Das sei ein „Traumbild“ für ganz Berlin. „Ja“, rief Lompscher. Als sie noch Baustadträtin in Lichtenberg war, hatte sie sich dagegen gestemmt, Wohnungen abzureißen, wie es etwa in Marzahn-Hellersdorf in den Zeiten des Leerstandes geschah.

Neue Wohnungen: In Lichtenberg verschwinden immer mehr Brachen

Nur ein Gebäude fiel der Spitzhacke zum Opfer. Genau dort baut jetzt die in Lichtenberg beheimatete landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Howoge an der Ecke Möllendorffstraße/Frankfurter Allee ein Hochhaus mit Wohnungen und ihrem neuen Firmensitz. Und auch sonst kommt der Bürgermeister kaum nach damit, die Wohnungsbauprojekte zu benennen. Mal sind es 2000 neue Wohnungen, mal ein paar weniger. Aber es ist absehbar, dass viele Brachen in den nächsten Jahren verschwinden werden. Auch das Vietnamesen-Wohnheim wird abgerissen, die Fläche neu bebaut. Lichtenberg sei ein stark wachsender Bezirk, wie man es sich vor zwei Jahrzehnten erträumt habe, so Bürgermeister Grunst. Damals habe der Bezirk 260.000 Einwohner gezählt, jetzt nähere man sich den 300.000.

An der ersten Station der Rundfahrt wurden die Potenziale des Bezirks sichtbar. In Hohenschönhausen soll zwischen Plattenbauten auf einem riesigen Parkplatz an der Falkenhagener Chaussee neben dem Regionalbahnhof ein neues urbanes Zentrum für den Stadtteil gebaut werden. 100.000 Quadratmeter Gewerbe, Handel, Verwaltung und eine Bibliothek sollen auf Initiative des Bezirks entstehen. „Schön, wenn man noch so viele Flächen hat“, seufzte der grüne Justizsenator Dirk Behrendt aus Friedrichshain-Kreuzberg.

Zuständig für das Stadtteilzentrums-Projekt ist im Bezirk Monika Kunert. Die frühere Leiterin des Stadtplanungsamtes ist zwar im Ruhestand. Als Koordinatorin für das Großvorhaben wurde sie aber reaktiviert. Laut Bürgermeister Grunst macht das der Bezirk gerne so mit kundigem Personal. „Das kenne ich woanders so nicht, das ist eine kluge Idee“, lobte Lompscher den Parteifreund. Überhaupt genießt die Lichtenberger Bezirksverwaltung einen guten Ruf, nicht nur bei ihren Gegenübern im Senat. Der Bezirk lag mit seinen Sozialdaten immer im Berliner Durchschnitt, wurde deshalb nie besonders stark von der Landesebene subventioniert und musste eigene Wege finden. Die Behörden arbeiten sehr zielorientiert, heißt es.

Neues Kombi-Schwimmbad in Lichtenberg geplant

Ein Beispiel ist der Plan für ein neues Kombi-Schwimmbad mit Halle und Freiwasserbecken. Das soll an der Landsberger Allee neben den Möbelhäusern von Ikea und Höffner entstehen, werben die Bezirkspolitiker um Geld aus der Landeskasse. Dafür haben sie sich mit den Nachbarn aus Marzahn-Hellersdorf zusammengetan, die ebenfalls ein Bad wollen. Gemeinsam rechnet man sich für den Standort direkt an der Grenze beider Bezirke bessere Chancen aus. Pragmatisch möchte man auch mit dem Planungsrecht umgehen. So will der Bürgermeister zwar das Gebiet rund um die Herzbergstraße als „produktionsgeprägten Bereich“ definieren. Das soll vor allem die Bodenspekulation eindämmen. Gleichzeitig soll es aber möglich bleiben, in diesem klassischen Gewerbegebiet auch Künstler und Kreative anzusiedeln.

Wie das aussieht, sahen Michael Müller & Co in der HB55 bei einem Blick in eigentlich in einem Industriegebiet nicht erlaubte Ausstellungsräume. „Wir lösen das mit Sondergenehmigungen“, sagte der Bezirksbürgermeister. Denn Lichtenberg gewinnt auch als Ort für Kultur an Bedeutung. „Die Kunst- und Kreativszene drängt stark nach Lichtenberg“, sagte Grunst: „Und das ist ein Gewinn für den Bezirk.“ So sei es auch wichtig, das Gelände der BLO Ateliers, wo 90 Künstler arbeiten, auf einem Bahngelände an der Kaskelstraße von der Bahn zu kaufen.

Wie schwierig manchmal die Verhältnisse im Bezirk sind, wurde beim Stopp auf dem Gelände der früheren Stasi-Zentrale an der Normannenstraße deutlich. Hier planen Bund und Land rund um die Stasi-Unterlagenbehörde einen „Campus für Demokratie“. Aber man hat mit alten Sünden zu kämpfen. So hatte die Bahn große Teile des Geländes einst für einen Euro an einen privaten Investor quasi verschenkt. Der lässt dort unter anderem 50.000 Quadratmeter nutzbarer Bürofläche leer stehen.

Zuletzt kaufte der Bund das frühere Offizierskasino für 1,5 Millionen Euro zurück. Kultursenator Klaus Lederer sieht darum für den Campus in erster Linie den Bund in der Pflicht. Berlin werde nicht „jede Schrottimmobilie an Land ziehen und da Millionen reinstecken“, schimpfte Lederer, und der Regierende nickte dazu, machte jedoch deutlich, dass sich Berlin natürlich für den Aufbau des Campus engagieren werde.