Der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, muss seinen Posten räumen. Das habe der Stiftungsrat der Gedenkstätte am Dienstag einstimmig beschlossen, wie der Vorsitzende des Gremiums, Kultursenator Klaus Lederer (Linke), am späten Nachmittag mitteilte. Der Stiftungsrat war zu einer Sondersitzung zusammengekommen, um sich mit den Vorwürfen „zu sexueller Belästigung und strukturellem Sexismus“ in der Gedenkstätte zu befassen. Diese betreffen vor allem Knabes Stellvertreter, der zurzeit beurlaubt ist. Sein Arbeitsvertrag soll nun schnellstmöglich ordentlich gekündigt werden. Aber auch Knabe werde ordentlich gekündigt, erklärte der Stiftungsrat.

„Mit Blick auf die internen Ermittlungen“ wird der Direktor zudem vorläufig von seinen Dienstpflichten freigestellt. „Der Stiftungsrat hat kein Vertrauen, dass Herr Dr. Knabe den dringend notwendigen Kulturwandel in der Stiftung einleiten wird, geschweige denn einen solchen glaubhaft vertreten kann“, heißt es in einer Pressemitteilung wörtlich. Weitere Erläuterungen gab Lederers Sprecher Daniel Bartsch mit Verweis auf die internen Ermittlungen nicht. Gegen Knabe wurde aber in den vergangenen Tagen von verschiedenen Seiten Kritik laut, er sei den Vorwürfen sexueller Belästigung nicht energisch genug nachgegangen.

Stellvertretender Direktor ist seit Montag beurlaubt

Am Montag hatte ein Sprecher der Gedenkstätte mitgeteilt, dass der stellvertretende Direktor mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden sei. Dies habe Hubertus Knabe entschieden. Grund waren die Vorwürfe ehemaliger Mitarbeiterinnen, sie seien sexuell belästigt worden. In einem Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Kultursenator Lederer hatten mehrere Mitarbeiterinnen, Volontärinnen und Praktikantinnen, die zwischen 2011 und 2018 in der Gedenkstätte beschäftigt waren, der dortigen „Führungsetage“ sexistisches Verhalten vorgeworfen. In dem Brief vom 8. Juni 2018 formulierten sie Anschuldigungen über „erschreckende Regelhaftigkeit übergriffiger Verhaltensmuster“. Sie beschrieben verbale Belästigungen mit sexuellem Charakter, Berichte über private Aktivitäten in Bordellen und Swinger-Clubs, „enge, fast intime körperliche Nähe und Berührung wie Streichen über die Arme, enge Umarmungen“, aufdringliche Einladungen, nächtliche SMS sowie Mobbing. Aus Furcht vor beruflichen Nachteilen nannten die Betroffenen in dem Brief ihre Namen nicht.

Vorwürfe gegen den stellvertretenden Direktor wegen sexueller Belästigung gab es allerdings schon vor gut zwei Jahren. Nach Angaben der Gedenkstätte hatte Hubertus Knabe bereits im März 2016 ein Personalgespräch mit seinem Stellvertreter geführt, nachdem er von der Senatskulturverwaltung über Beschwerden informiert worden sei. Dabei habe er auch arbeits- und strafrechtliche Konsequenzen angedroht. In einer Stellungnahme der Gedenkstätte aus der vergangenen Woche heißt es, der Anwalt des Vizedirektors habe Fehlverhalten und Mangel an Sensibilität seines Mandanten eingeräumt, aber zugleich betont, dieser habe sein Fehlverhalten nach dem Gespräch mit Knabe abgestellt. Dabei berief sich die Gedenkstätte auf Informationen des RBB.

Im Frühjahr 2018 wurden erneute Beschwerden laut, allerdings teilte die Kulturverwaltung der Gedenkstätte wegen vereinbarter Vertraulichkeit nicht mit, gegen wen sie sich richten. Knabe stellte daraufhin Strafanzeige gegen Unbekannt. Das Ermittlungsverfahren wurde im August mangels Tatverdacht eingestellt, die formulierten Vorwürfe seien strafrechtlich nicht relevant, hieß es. Etwa zeitgleich wurde der stellvertretende Direktor zu einer Anhörung bei Stiftungsratspräsident Lederer wegen der im Juni in dem Brief erhobenen Vorwürfe zitiert. Diese sowie das Ergebnis der Anhörung seien ihm erst am 17. September mitgeteilt worden, ließ Knabe mitteilen. Der Anwalt seines Stellvertreters habe erklärt, die Vorwürfe seien „zum Teil berechtigt“. Sechs Tage später beurlaubte Knabe dann seinen Vize.

Die Ärztin und Präsidentin der ersten frei gewählten und zugleich letzten DDR-Volkskammer, Sabine Bergmann-Pohl, sei mit einer Befragung der Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte beauftragt worden, hatte Knabe am Montag mitgeteilt. Diese könnten sich äußern, ob sie sich bei der Arbeit sexuell belästigt fühlten. Daraus soll ein Bericht entstehen, der auch Schlussfolgerungen für ein respektvolles Zusammenarbeiten von Männern und Frauen enthalten soll. Darüber hinaus soll es Schulungen für Mitarbeiter geben.

Die 1994 gegründete Gedenkstätte ist im Komplex des zentralen Untersuchungsgefängnisses der Stasi in Hohenschönhausen untergebracht. Sie zählte 2017 rund 440.000 Besucher.