Lehrerpreis 2014

Berlins bester Lehrer unterrichtet in Lichtenberg

| Lesedauer: 7 Minuten
Katrin Lange

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Robert Heinrich ist mit dem „Deutschen Lehrerpreis 2014“ ausgezeichnet. Pädagoge wollte er nicht immer werden. Zunächst arbeitet er als Tontechniker, doch seine Leidenschaft führte ihn in die Schule.

Es klingt so einfach, ein guter Lehrer zu sein. Was ihn auszeichnet? „Er ist motiviert und kann motivieren“, sagt Laura. Sophie ist „eine gerechte Bewertung“ wichtig und Kilian „gute Laune.“ „Sein Unterricht ist abwechslungsreich“, sagt Konstantin. „Und er kann die moderne Technik mit in die Stunden einbauen“, beschreibt ihn Felix. Es ist kurz vor acht und die Schüler der 12. Klasse stehen vor einem Klassenzimmer am Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium in Lichtenberg. Ihre Beschreibung trifft genau auf den Lehrer zu, der gerade den Gang entlang kommt. Robert Heinrich hat in ihren Augen nicht nur all diese Merkmale, er erfüllt sie auch mit Leben und Leidenschaft. Dafür wurde er am Montag als einziger Berliner mit dem „Deutschen Lehrerpreis 2014“ ausgezeichnet.

Der 41-Jährige gehört damit zu den 15 Lehrern und sechs Lehrer-Teams aus ganz Deutschland, die in diesem Jahr für ihre herausragende pädagogische Leistung geehrt werden. Allein sechs Auszeichnungen gehen nach Baden-Württemberg, vier nach Nordrhein-Westfalen. Der Wettbewerb wurde zum sechsten Mal vom Deutschen Philologenverband zusammen mit der Vodafone Stiftung Deutschland ausgerichtet. Die Vorschläge konnten in den Kategorien „Schüler zeichnen ihre Lehrer aus“ und „Innovative Unterrichtsprojekte“ eingereicht werden.

Vorschlag von Schülern

Robert Heinrich wurde von seinen Schülern vorgeschlagen. In der schriftlichen Begründung loben sie sein Engagement, das Fachwissen über den Lehrstoff hinaus, innovative Lernmethoden, Kritikfähigkeit und die Unterstützung auch außerhalb des Unterrichts. Er hört das alles mit einem gelassenen Lächeln und hat eine einfache Erklärung für die Lobesworte: „Meine große Liebe zum Fach, mein Enthusiasmus für die Geschichte – das alles überträgt sich auf die Schüler.“ Heinrich unterrichtet neben Geschichte auch Politikwissenschaft und Englisch an dem sprachlich orientierten Gymnasium. Ein grundständiger Zweig ist bilingual ausgerichtet – Erdkunde, Geschichte und Politische Weltkunde werden in englischer Sprache unterrichtet.

An diesen Morgen steht Englisch auf dem Stundenplan der Zwölftklässler. Auf dem Smartboard können die Schüler bereits vor dem Klingeln das Thema lesen. Es geht um die Technik und wie sie das Denken beeinflusst. Mit einer Fragerunde eröffnet Robert Heinrich, in dunkelblauem Sakko, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, den Unterricht. Er will von den Schülern wissen, wie sie auf Musik aufmerksam werden, wo sie neue Titel hören. Das Radio wird genannt und natürlich das Internet und Facebook. Jeder hat etwas dazu zu sagen. In drei aktuellen Zeitungsartikeln können sich die Schüler anschließend mit verschiedenen Positionen gegenüber der Technik vertraut machen und ihre Argumente austauschen. Dazu werden sie immer wieder in verschiedene Gruppen eingeteilt. Am Schluss sollen sie einem Freund am Telefon kurz ihren Standpunkt mitteilen. Der Lehrer spielt einen Klingelton ein – er ist das Startzeichen. Eine Schülerin nimmt tatsächlich ihr Handy ans Ohr. Sie ist voll im Thema dabei.

Lehrer im zweiten Anlauf

Robert Heinrich geht in der Stunde immer wieder ruhig lächelnd durch die Reihen, hört zu, ermuntert, sagt die verbleibende Zeit an. Er gibt Anregungen, hört sich die Meinungen an, entwickelt Gedanken der Schüler weiter – so als wäre er nie etwas anderes als Lehrer gewesen. Dabei ist Robert Heinrich eigentlich ein Quereinsteiger und sein Lebenslauf alles andere als geradlinig. Sechsmal hat er bis zum Abitur 1993 die Schule gewechselt. „Schwierigkeiten mit den Lehrern“, nennt er nur kurz den Grund. Das muss reichen. Heute hilft ihm das, die Schüler besser zu verstehen. Nach einem Semester Kommunikationswissenschaft und Elektrotechnik an der Technischen Universität bricht er das Studium ab. Schuld war eine Mathematikvorlesung, „in der ich nichts verstanden habe“, sagt er. Heinrich wird Tontechniker bei der Deutschen Welle und arbeitet dann zehn Jahre als Freiberufler für verschiedene Sender wie den SWR, NDR und Arte. Er kommt in der Welt herum, verdient gutes Geld.

Doch sein Traum geht ihm nicht aus dem Kopf: Er will unbedingt Geschichte studieren. Mit 29 Jahren nimmt er das „Dekadenende“ zum Anlass, um sich zu sagen: „Jetzt oder nie“. Er schreibt sich an der Humboldt-Universität ein, geht mit einem Stipendium ein Jahr nach England und wird als Referendar an das Lichtenberger Herder-Gymnasium vermittelt. Dabei wäre er gern in Kreuzberg geblieben, wo er wohnt, und in der Nähe seiner beiden kleinen Kinder wäre. Als er zum ersten Mal nach einer Stunde Fahrt zwischen Plattenbauten steht, ist zunächst entmutigt. Nicht besonders hübsch habe er die Gegend gefunden, was eine nette Untertreibung ist.

Kollegialer Geist

Nach dem ersten Schock trifft er auf einen Kollegen im Schulgebäude, der ihm sofort eine Festplatte mit Unterrichtsmaterial in die Hand drückt mit dem Hinweis, dass er das gern nutzen könne. Es ist das erste Erlebnis an dieser Schule und ein Beispiel dafür, was die Schule ausmacht und wofür er sie als etwas Besonderes hervorhebt: für den kooperativen und kollegialen Geist. „Hier darf man blöde Fragen stellen und muss sich nicht ständig beweisen“, sagt er. Die Lehrer seien keine einsamen Löwenbändiger vor ihren Klasse sondern ein echtes Team mit flachen Hierarchien. „Gemeinsam machen wir Experimente und gehen neue Wege“, sagt Heinrich.

Seit vier Jahren unterrichtet er jetzt. Als der Brief mit der Bekanntgabe seines Preises im Lehrerzimmer ankam, dachte er zunächst, es sei Werbung und wollte ihn wegschmeißen. Das Wort „vertraulich“ hielt ihn davon ab. Umso größer waren die Überraschung und die Freude. Lehrer sein, heiße für ihn authentisch sein, aber auch jeden Tag ein Hemd anzuziehen als Zeichen des Respekts. Seine Schüler ermutige er, einen kritischen Geist zu entwickeln. Aus seiner eigenen Schulzeit weiß er, dass die Schüler in die Schule kommen, weil es ihre Pflicht ist und es daher seine Aufgabe ist, ihnen Lust darauf zu machen. Das schafft er mit Themen, die aktuell sind und sie interessieren und nicht mit Material „aus der verstaubten Aktentasche“. Und kommt damit bei den Schülern an: „Herr Heinrich hat es geschafft, meine Leidenschaft für politische Prinzipien, Entscheidungen und Beziehungen zu entfachen und viele meiner recht vorgefertigten Ansichten zu hinterfragen“, schreibt ein Schüler zur Begründung der Nominierung für den Lehrerpreis.