Charlottenburg

Glockenturm am Olympiastadion schließt ab September

Der Glockenturm am Olympiastadion schließt im September für mindestens drei Jahre. Turmwächter Manfred Uhlitz versteht das nicht.

Im Sockel des Glockenturms am Rande des Olympiageländes sind Umbauten geplant, auch ein Sportmuseum soll bis 2019 entstehen.

Im Sockel des Glockenturms am Rande des Olympiageländes sind Umbauten geplant, auch ein Sportmuseum soll bis 2019 entstehen.

Foto: pa/dpa/Arco Images/Schoening Berlin

Charlottenburg. Ein älterer Herr hält einen kleinen Jungen an der Hand und sagt zu Manfred Uhlitz: „Da bringe ich Ihnen meinen dritten Enkel.“ Der Glockenturm am Olympiastadion und die Aussicht, die er über Berlin bietet, sind ihm offenbar so wichtig, dass er gern seine Nachkommenschaft damit beglückt. „Vielleicht ist es ja nicht der letzte“, sagt Uhlitz zu ihm und lächelt. So richtig zum Lachen zumute ist dem Turmwächter allerdings nicht, denn im September soll Schluss sein mit der schönen Aussicht.

Die Senatsverwaltung für Sport will im September mit der Sanierung der Maifeldtribünen beginnen, über die eine Treppe zum Turm hinauf und hinunter führt. Die ist als Rettungsweg erforderlich, sollte ein Brand ausbrechen oder der Aufzug ausfallen.

Uhlitz hat auch mit Hilfe eines befreundeten Architekten diverse Alternativvorschläge ausgearbeitet und der Senatssportverwaltung unterbreitet. Man könnte erst die linke Seite der Tribünen sanieren, anschließend die rechte, dann bliebe immer ein Rettungsweg offen und der Turm müsste nicht geschlossen werden. Die Behörde habe indes erklärt, dass ein solches Vorgehen aus Kostengründen nicht möglich sei.

Glockenturm auch in vielen Reiseführern aufgeführt

Uhlitz leuchtet das nicht ein. Nicht nur, dass dem Land die Pachteinnahmen für die Jahre der Renovierung entgingen, rechnet er vor. Der Turmwächter ist auch im Sorge um die rund 50.000 Besucher, die es jedes Jahre weit in den Berliner Westen zieht, um die Aussicht von dem 77 Meter hohen Turm zu genießen oder die Ausstellung „Geschichtsort Olympiagelände 1909 -1936 -2006“ anzusehen. „Man hat hier einen Blick bis zu den Müggelbergen ganz im Osten Berlins“, sagt er. Das stehe so auch in vielen Reiseführern. Doch wenn es nach dem Senat geht, stehen Nachbarn mit Enkeln und auswärtige Berlinbesucher ab September vor verschlossenen Türen. „Dabei denkt sich der Senat doch gerade alles mögliche aus, um Tourismus besser über das gesamte Stadtgebiet zu verteilen, um die Innenstadtbezirke zu entlasten“, wundert sich Uhlitz.

Der Glockenturm und sein Wächter gehören schon seit 1979 zusammen. Der promovierte Kunsthistoriker hat noch studiert, als er den Glockenturm vom Land Berlin pachtete. Wenn er nicht in seinem Kassenhäuschen am Eingang sitzt oder eine Stadtführung durch Berlin macht, schreibt er als Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins Artikel über die Historie der Stadt - nicht nur in Sachen Glockenturm mahnt er darin mehr Geschichtsbewusstsein im Umgang mit dem historischen Erbe Berlins an.

Der Turm und die Geschichte des Olympiageländes liegen ihm allerdings besonders am Herzen, vor allem auch die Ausstellung „Geschichtsort Olympiagelände 1909 - 1936 - 2006“, die das Deutsche historische Museum zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in einem Raum im Sockelgeschoss des Turms eingerichtet hat. Rund sieben Millionen Euro hat es sich der Bund damals kosten lassen, um einen Raum zu schaffen, der nicht nur die Geschichte des Olympia-Stadions historisch kommentiert, sondern auch die nicht immer unproblematische Beziehung zwischen Sport und Politik im Wandel der Zeit wissenschaftlich aufarbeitet.

Beispielhaft dafür ist Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), der Begründer der deutschen Turnbewegung. Die vom „Turnvater Jahn“ propagierten Leibesübungen sollten aber Jungen und Männer seiner Epoche vor allem im Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft ertüchtigen. Auch in der Revolution 1848 spielten Jahns Turnerschaften eine Rolle. Die Ausstellung zeigt auf, wie sehr Sport und Sportereignisse bis heute mit politischen Ideen verknüpft sind.

Historische Sportgeräte und Medaillen

Doch auch diese „Schulstunde“, wie „Turmvater“ Uhlitz die kompakte Schau, die didaktisch gut geeignet ist, Schulklassen einen Überblick über das sensible Thema zu geben, ist im September Geschichte. Nach etwas mehr als zehn Jahren soll die Ausstellung eingelagert werden, hat Uhlitz mitgeteilt bekommen.

20,6 Millionen Euro sind für die Umbauten unter dem Glockenturm, die 2021 abgeschlossen sein sollen, bislang veranschlagt. Rund zwölf Millionen Euro soll die Sanierung der Tribünen kosten. Mit dem Rest des Geldes will die Senatssportverwaltung im Sockel unter der Langemarck-Halle ein Sportmuseum eingebauen. Historische Sportgeräte und alte Olympiamedaillen sollen gezeigt werden. Ein Schwerpunkt liegt auf dem internationalen Laufsport und dem Berlin-Marathon.

Neues Sportmuseum soll 2019 entstehen

Im Internetauftritt der Senatssportverwaltung heißt es dazu: „Das Sportmuseum Berlin besitzt die umfangreichste und vielfältigste Sportsammlung in Deutschland, kann seine Schätze der Öffentlichkeit bisher jedoch noch nicht in einer permanenten Ausstellung zeigen.“ Schon 2019, so der ehrgeizige Plan, solle unter dem Glockenturm das neue Ausstellungszentrum entstehen, das sich zu einem herausgehobenen Besucher- und Tourismusmagnet entwickeln soll. Anhand von originalen Objekten, musealen und sportiven Inszenierungen sowie interaktiven Medien sollen die Besucher in der Dauerausstellung eine Zeitreise durch die Berliner Sportgeschichte erleben können. Auch die einst sieben Millionen Euro teure „Schulstunde“ soll in das neue Museum integriert wird, steht in der Beschreibung. Doch Uhlitz hat da so seine Zweifel: „Mehr als die Filme und das Modell des Geländes werden wohl nicht mehr zu sehen sein.“

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