Gastronomie

Wie sich das Kant-Café die City West zurückerobert

Dem Gastronom Peyman Weimann ist ein Revival des alten Kant-Cafés am Walter-Benjamin-Platz gelungen.

Charlottenburg. Er war schon dick im Gastro-Geschäft, dann hat er sein kleines Imperium veräußert und sich eine dreijährige Auszeit genommen. Seit diesem Frühjahr ist Peyman Weimann mit seinem Kant-Café zurück – nicht nur zur Freude seines ehemaligen Stammpublikums.

Wenn er seine Geschichte erzählt, hier auf einer der mit rotem Samt überzogenen Sitzbänke seiner neuen und irgendwie doch alten Lokalität am Walter-Benjamin-Platz, dann schüttelt Weimann oft den Kopf und lacht, als könne er sie selbst nicht recht glauben. Die Eroberung eines festen Platzes in der Gastroszene des Bezirks könnte ein Buch füllen, denn das, was er erreicht hat, erreicht der gemeine Wirt in zwei Leben nicht. Dabei ist der Mann erst 33 Jahre alt.

Der junge Peyman, Sohn einer persischen Mutter und eines deutschen Vaters, saß zusammen mit seiner Clique gern im Kant-Café, das seinen Namen der Straße verdankte, in der es stand. „Mit 15, 16 Jahren war das unser Treffpunkt. Unser Bus fuhr von Kladow bis direkt vor den Eingang“, erinnert er sich. Für ihn war es die Keimzelle seines beruflichen Werdegangs. Dort verliebte er sich nämlich in die Gastronomie, in die Möglichkeit etwas zu schaffen, was die Leute lieben. Dort träumte er vom persönlichen Erfolg. „Ich habe sogar das Konzept für mein erstes eigenes Lokal im Kant-Café kreiert“, sagt Weimann. Das eröffnete er dann 2004, ungeachtet der Tatsache, dass er gerade eigentlich für sein Abitur hätte büffeln müssen. Café Solo hieß sein Laden und war in Zehlendorf situiert. „Das hat mich dann mehr in Beschlag genommen als vermutet. Ich habe die Schule abgebrochen und mich auf mein Geschäft konzentriert.“

"Die Realität ist härter als die Vision"

Eine Entscheidung, die er nicht bereuen sollte, auch wenn er heute resümiert: „Die Realität ist härter als die Vision und wirklich Rechnen lernt man erst mit der Zeit.“ Jedenfalls bewies Weimann ein Händchen für das Metier und aus dem Café Solo wurde schnell ein Duett und bald hatte er drei Läden, die unter dem Namen firmierten. Ganz von ungefähr kam seine Begabung nicht. Sein Vater war Konditormeister und besaß seinerseits ein kleines Café, zumindest das Tagesgeschäft bekam Peyman Weimann also von klein auf mit.

Seine alte Liebe, das Kant-Café, hat Weimann nie aus den Augen gelassen. „Ich bin da immer Gast geblieben“, sagt er. Als 2010 der Gastronom Georg Marten das Lokal zum Verkauf anbot, schlug er zu – und kaufte bei der Gelegenheit Marten auch noch gleich das Café Hardenberg ab. Angekommen, dürfte er sich nach dem Coup gedacht haben und hätte ihm damals jemand gesagt, dass er vier Jahre später komplett ohne Gastro-Betrieb dastehen würde, hätte Weimann ihn sicher für verrückt erklärt. Aber genau so kam es. Fünf Läden waren dann doch zu viel, er stieß die Solo-Serie ab und konzentrierte sich auf "das Kant" und "das Hardenberg". Irgendwann habe ihn seine Freundin vorsichtig darauf hingewiesen, dass sie beide bereits seit zwei Jahren verlobt seien und wollte wissen, wie es denn nun um die Hochzeit bestellt sei. Zu Recht, fand Weimann und verkaufte mit einem weinenden Auge seine beiden Cafés – nicht ohne sich die Rechte am Namen "Kant-Café" zu sichern. Das war 2014. Drei Monate später wurde geheiratet, in den folgenden drei Jahren machten die Weimanns dann, was sie gerne taten. "Wir sind viel gereist", sagt Peyman. Familienzuwachs gab es auch noch, Weimann ist glücklicher Vater zweier Töchter.

Im vergangenen Jahr half dann alles nichts mehr, das Gastronomen-Gen drang an die Oberfläche. "Ich habe gemerkt, ich musste wieder etwas tun." Das Schicksal wies ihm den Weg. Seine Mutter, ihres Zeichens Immobilienmaklerin, machte ihn auf die freie Immobilie am Walter-Benjamin-Platz aufmerksam. Er sah sie sich an und fühlte sich schlagartig an das Café Hardenberg erinnert, das wiederum in seiner Konzeption dem Kant-Café sehr ähnelte. Weimann schlug erneut zu, baute ab November 2017 das Lokal um und feierte im März dieses Jahres das Revival des Kant-Cafés. Zwei Hürden hatte Weimann davor zu nehmen: "Ich habe sechs Monate mit dem Eigentümer über die Vertragsmodalitäten verhandelt. Das habe ich so noch nicht erlebt." Und dann mussten die beiden großen Bilder des Künstlers Arnaldo her, die damals die Wände im Kant-Café geziert haben. "Ohne diese Herzstücke hätte ich das nicht gemacht", sagt Weimann. Über einen Strohmann kaufte er seinem Nachfolger in der Kantstraße die Werke ab, jetzt prägen sie auch die neue Liebe.

Erinnerungen an Immanuel Kant

Der russische Künstler Stas widmete das Design auf Wunsch Weimanns dem deutschen Philosophen Immanuel Kant, Zitate und Bilder erinnern an den Denker. "Das passt gut zu Walter Benjamin", sagt Weimann. Eine leise Eröffnung habe man feiern wollen, weil er sich langsam der Herausforderung, alte wie neue Gäste für sich zu gewinnen, die Mischung aus Nostalgie und Moderne hinzubekommen, nähern wollte. Daraus wurde nichts. "Hier war vom ersten Tag an Bambule. Das hat über das Internet irgendwie die Runde gemacht, am ersten Tag war sogar Klaus Wowereit da." Seither sind drei Monate vergangen und jetzt, fast ein Vierteljahr nach dem ersten Gast, gibt Weimann froh zu Protokoll: "Alles floriert, ich muss mir keine Gedanken machen. Meine Gäste sind einfach toll."

Nährboden für erneute Expansion? "Will ich nicht ausschließen, aber im Moment reichen mir ein Betrieb und die Familie vollkommen." Motivation für die erneute Plackerei braucht er nicht. "Ich halte es mit einem Zitat von Kant: 'Ich kann, weil ich will, was ich muss.'"