Charlottenburg

Die neuen Ackerbürger vom Lietzensee

Vor einem Jahr hat der Bezirk ein Grundstück am Lietzensee dem Parkhaus-Verein übergeben. Nun ist dort ein prächtiger Gemüsegarten entstanden.

"Das ist ein Marienkäfer, und das ist eine Kartoffelkäferlarve", sagt Heidi Klotz und deutet auf zwei kleine Krabbler, die rot mit schwarzen Punkten bei schnellem Hinsehen kaum voneinander zu unterscheiden sind. Schüler ihrer 7. Klasse an der Charlottenburger Peter-Ustinov-Schule schauen interessiert auf den Inhalt ihrer Hand. Nur wenige Augenblicke später durchsuchen sie das Blattwerk der Kartoffelpflanzen nach den Schädlingen, die nach dem Verpuppen zu Kartoffelkäfern werden und den Pflanzen zusetzen können. "Wer fünf findet, bekommt morgen in der Klassenarbeit einen Punkt mehr", ruft Klotz den Kindern zur Motivation hinterher.

Der Garten, in dem die Kinder arbeiten war vor einem Jahr noch Teil einer Wiese am Lietzensee. Im März 2017 übergab Jugendstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) das Grundstück zur Zwischennutzung an den Verein Parkhaus Lietzensee als Träger.

Seither ist viel passiert. "Der Garten wird wieder als wertvolle Zone wahrgenommen" sagt Carsten Knobloch vom Trägerverein. Stolz zeigt er auf die Natursteinmauer, die rund die Beete entstanden ist. Der Rotarier Club Kurfürstendamm hat die Steine gestiftet und mit seinen Mitgliedern dann auch gleich geholfen, das Mäuerchen aufzubauen. "Die Steine sind mit Lehm zusammengefügt, damit auch Insekten dort Unterschlupf finden können ", erklärt Knobloch.

Die nachhaltige ökologische Wechselwirkung von Nutzinsekten und Pflanzen liegt ihm am Herzen. Auf dem untersten Stück des abschüssigen Grundstücks ist deshalb auch ein Stück mit Flatterband abgesperrt. Wir haben darauf Gräser und Wildblumen ausgesät, um einen Weide für Wildbienen und andere Insekten zu bekommen.

Lehrerin Heidi Klotz unterstützt die Ideen. Sie ist bis nach Indien gereist, um sich mit ökologischem Landbau zu beschäftigen. Sie zeigt den Kindern, wie sie das Grün eines geernteten Radieschens wieder zurück in die Erde stecken, lehrt den Wert von Regenwürmern für den Boden, macht vor, wie man richtig gießt und weckt unverzüglich Neugier, wenn sie mit Hilfe der gelben Kürbisblüten Sexualkundeunterricht gibt. "Man könne deutlich sehen, welche Blüte welches Geschlecht habe", erklärt sie und erntet überraschte Blicke. Klotz legt mit ihren Schülern im oberen Bereich des Grundstücks einen Perma-Garten an. "Hier soll immer etwas wachsen", sagt sie. Gemüse wie Salat, Kürbisse oder Radieschen, das in jeder Saison neu gepflanzt oder gesät werden muss, wird daher ergänzt von mehrjährigen Stauden und Sträucher, wie Heidel- oder Stachelbeeren.

Nicht von Anfang an war der Enthusiasmus der Schüler groß, sich in der Erde des Gartens die Hände schmutzig zu machen. Inzwischen gebe es doch einige, die sich auch bereit erklärten, in den Ferien beim Gießen oder bei anderen Arbeiten zu helfen, sagt Klotz. Für viele der Kinder sei es auch eine völlig neue Erkenntnis, dass Kartoffeln in der Erde wüchsen oder wie ein Blatt Spinat vor dem "Blubb" aussehe.

Stadträtin wünscht sich mehr solcher Grundstücke

Heike Schmitt-Schmelz ist begeistert vom Erfolg der Initiative. "Ich bedauere nur eines, dass ich nicht mehr solcher Grundstücke für solche Projekte vergeben kann", sagt die Jugendstadträtin. Der Erfolg sei aber auch dem guten Zusammenwirken des Vereins Parkhaus Lietzensee und den beteiligten Schulen und Kitas geschuldet. "Die Begeisterung, die der Verein bei all seinen Aktivitäten weckt, strahlt auf den ganzen Kiez aus. Wir bräuchten mehr solcher Bürgerinitiativen, die nicht nur gegen etwas sind, sondern dafür arbeiten, dass sich für alle etwas verbessert.