Charlottenburg

Sommer ohne Auto in zwei Charlottenburger Kiezen

50 Bewohner von Mierendorff-Insel und Klausenerplatz-Kiez sollen im Juni einen Monat auf ihr Auto verzichten

Unterwegs mit Auto, Roller, Rad oder der U-Bahn: Mierendorff-Insel und Klausenerplatz-Kiez proben einen Monat Leben ohne eigenes Auto.

Unterwegs mit Auto, Roller, Rad oder der U-Bahn: Mierendorff-Insel und Klausenerplatz-Kiez proben einen Monat Leben ohne eigenes Auto.

Foto: Insel-Projekt Berlin

Wenn es um Projekte und Experimente zur Zukunft des urbanen Lebens in Berlin geht, hat die Mierendorff-Insel seit Jahren die Nase vorn. Deutlich durch Spree, Charlottenburger Verbindungskanal und Westhafenkanal abgegrenzt, mit rund 15.000 Einwohnern so groß wie eine Kleinstadt und einer heterogenen Sozialstruktur, eignet sich dieser Charlottenburger Kiez für allerlei Tests. Unterstützt vom Bezirksamt startet im Juni ein neues Experiment.

Plakate und Flyer auf der Mierendorff-Insel und im Klausenerplatz-Kiez kündigen es an: "Deine Sommerflotte – Tausch Dein Auto gegen 5000 Sharing-Fahrzeuge." Gesucht werden 50 Freiwillige, die in einem der beiden Kieze wohnen und bereit sind, für einen Monat auf ihr Auto zu verzichten. Damit die Testpersonen nicht schwach werden, ist auch eine Hürde eingebaut: "Wir werden die Fahrzeuge für den Zeitraum des Experiments in einem Parkhaus am BER einstellen", sagt Projektleiter Rolf Mienkus.

Wer sich beteiligt, bekommt ein Gutscheinheft, mit dem er im Testzeitraum Carsharing-Angebote wahrnehmen, aber auch Elektroroller, Lastenräder, Fahrräder und den öffentlichen Personennahverkehr nutzen kann.

Freie Parkplätze sollen anders genutzt werden

Aktuelle Studien der Städte München und Wien zu urbanen Carsharing-Angeboten zeigen Mienkus zufolge eine deutliche Reduzierung des Pkw-Bestands sowie gefahrener Pkw-Kilometer auf: Ein Carsharing-Fahrzeug ersetze demnach bis zu sechs privat genutzte Autos. Frei gewordene Parkplätze könnten darüber hinaus auch für andere Zwecke zur Steigerung der Aufenthaltsqualität im Kiez genutzt werden, erklärt der Leiter des Insel-Projekts.

Der Stadtentwicklungsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Oliver Schruoffeneger (Grüne) unterstützt das Projekt. "Wenn wir das Pariser Klimaschutzabkommen ernst nehmen und bis 2050 eine klimaneutrale Stadt haben wollen, müssen wir schnell Erfolg haben mit solchen Projekten", sagt er. "Wir müssen anfangen, Stadt ganz neu zu denken und uns überlegen, wie wir der demografischen Entwicklung, der älter werdenden Gesellschaft begegnen."

Überlegt werden müsse auch, welche Konsequenzen beispielsweise die Zunahme des Onlinehandels hat. Auf der einen Seite sei da die Frage des wachsenden Lieferverkehrs zu bedenken, aber auch, was künftig mit leer stehenden Ladenlokalen passieren solle, so Schruoffeneger. Im Herbst starte deshalb ein Projekt mit der DB-Logistik-Tochter Schenker auf dem Platz unter der Autobahnbrücke am Bundesplatz. Lieferungen sollen dort von Lastwagen auf Lastenfahrräder umgeladen und in die umliegenden Kieze verteilt werden. "Das verlangt allerdings ein hohes Maß an Koordination", sagt Schruoffeneger. Antworten zu künftigen Entwicklungen will der Stadtentwicklungsstadtrat auch auf der "neuen Achse der Mobilität" finden. Schruoffeneger meint damit die Kantstraße, in deren Umfeld bereits verschiedene Institutionen existieren oder neue entstehen, die sich mit solchen Fragen beschäftigen. "Wir haben da natürlich die Technische Universität, die solche Themen bearbeitet, demnächst aber auch die Kantgaragen als Innovationscluster", sagt Schruoffeneger. Auf etwa 7000 Quadratmetern sollen sich dort Unternehmen, Ingenieurbüros und Start-ups ansiedeln, die sich im weitesten Sinn mit neuer Mobilität beschäftigen. Zur "Achse der Mobilität" gehöre auch die Messe Berlin. "Vielleicht können wir mit neuer Mobilität eines Tages der Automobilmesse in Frankfurt Konkurrenz machen", hofft er.

Meinungen im Mierendorff-Kiez zum Projekt "Einen Monat autofrei"

Gloria Jerichau zieht nächsten Monat in die Nähe des Mierendorffplatzes und wird eine derjenigen sein, die von Juni an auf ihr Auto verzichten will. Seit 2015 ist die Berliner Studentin Besitzerin eines Führerscheins: "Ich habe sehr spät meinen Führerschein gemacht. Auf ihn verzichten wollte ich dennoch nie. Brauchen tut man ihn ja schon", sagt die 24-Jährige. Obwohl sie ein eigenes Auto hat, fährt die Berlinern lieber mit Bus und Bahn: "Hier in Berlin kommt man einfach schneller mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B", so Jerichau. Ihr eigenes Auto benutzt sie trotzdem gelegentlich: "Ich fahre gerne zur Uni mit dem Auto oder spät abends, wenn die Busse nicht fahren." Zwei bis drei Mal pro Woche setzt sie sich deshalb lieber hinters Steuer. Die Frage, ob sie ihr Auto für einen Monat abgeben würde, um stattdessen einen Mix aus Car-Sharing, Lastenfahrrädern und anderen mobilen Mitteln kostenlos nutzen zu können, beantwortet sie ganz klar mit "Ja" – in ihren Augen handelt es sich bei dem Experiment "um eine gute Sache, die auch noch die Umwelt schont".

Doch einen Haken findet sie trotzdem: "Wahnsinnig flexibel ist man dadurch nicht. Wenn man mal wirklich zeitlich unter Druck steht, kann man nicht einfach schnell ins eigene Auto hüpfen, sondern muss erst einmal zusehen, wie man schnell etwas aufreiben kann", sagte Jerichau. Doch das schreckt sie weniger ab: "Ich würde es trotzdem auf jeden Fall ausprobieren". MN

Jenny Philipp (32) wohnt seit fünf Jahren mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in der Kaiserin-Augusta-Allee, inmitten der sogenannten Mierendorffinsel. Auch sie kann so das neue Projekt – einen Monat ohne Auto – ab Juni in Anspruch nehmen. Doch auf ihr eigenes Auto verzichten möchte die junge Mutter nicht. Denn für die junge Familie ist ihr Auto das hauptsächliche Fortbewegungsmittel: "Wir benutzen unser Auto täglich. Ob zum Einkaufen, zu Wochenend-Ausflügen oder zu privaten Angelegenheiten – darauf verzichten wollen und können wir nicht", sagt Jenny Philipp. Nicht nur privat setzt sich die Familie gern hinter das Steuer: "Mein Mann fährt jeden Tag mit dem Firmenwagen zur Arbeit", so Philipp. Car-Sharing, Lastenfahrräder oder öffentliche Verkehrsmittel kommen für sie nicht in Frage. "Wenn wir kein Auto hätten, dann würde ich mir das vielleicht überlegen. Ansonsten würde ich es nicht machen. Im eigenen Auto zu sitzen ist immer noch angenehmer. Zudem haben wir ja auch ein kleines Kind, das zur Tagesmutter, zum Schwimmen oder auf den Spielplatz gehen möchte. Da hat man dann wenig Zeit, um große Überlegungen zu machen, wie man jetzt dorthin kommt".

Etwas Positives findet die junge Mutter trotzdem an dem Experiment zur urbanen Mobilität: "Es ist eine super Idee. Man schont die Umwelt. Auch hat man viele Alternativen, sich fortzubewegen". Annehmen würde Jenny Philipp das Angebot trotzdem nicht. MN

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