Zwischen Tradition und Moderne: Zwölf Stunden KPM

Etwa 200 Mitarbeiter von KPM fertigen Form und Dekor der weltbekannten Unikate.

Etwa 200 Mitarbeiter von KPM fertigen Form und Dekor der weltbekannten Unikate. Ein Besuch in der Königlichen Porzellan-Manufaktur in Charlottenburg. Von Ulrike Borowczyk 06.09 Im Altbau der Königlichen Porzellan-Manufaktur, die 1763 gegründet wurde, geht es erst quer durch die Ofenhalle, dann eine kleine Treppe hoch zur Gießerei. Hier arbeitet Doreen Obermann hoch konzentriert an den Weihnachtsglocken. Die müssen poliert und entgratet werden. „Es dürfen keine scharfen Kanten, keine Macken und keine Krümel mehr auf der Oberfläche sein, bevor ein Stück zum Brennen geht. Wenn ich etwas übersehe, ist es später nicht mehr zu korrigieren“, sagt sie. Überschüssige Porzellanmasse geht zurück in den Produktionskreislauf. Woraus das „Weiße Gold“ neben Kaolin, Quarz und Feldspat besteht, bleibt Betriebsgeheimnis.

08.34 Das Cabaret vor Astrid Schulz ist eine Sonderanfertigung. Dem Kunden aus Taiwan sind die üblichen drei Dekorvarianten zu blass. „Dort mag man kräftige Farben und Gold“, sagt die Porzellanmalerin. Ein bis zwei Wochen benötigt sie zur Fertigstellung des Unikats, das mit verschiedenen Techniken bemalt wird. Durch die unhandliche Form kann das Cabaret nur Stück für Stück bemalt werden, bevor es immer wieder gebrannt wird. Bis zum fertigen Produkt braucht es unzählige Arbeitsschritte. Wie der Tafelaufsatz, eine Kombination aus Schalen und einer Dose, die bereits im 18. Jahrhundert in Gebrauch war, ist bei KPM jedes Stück handgemalt. Von den rund 200 Mitarbeitern sind etwa 35 Porzellanmaler. Dazu kommen noch sechs Azubis.

10.22 Das edle, handgemachte Porzellan von KPM findet man im Flagship-Store über der historischen Ringkammerofenhalle. Hier funkeln ganze Kollektionen aus unterschiedlichen Jahrzehnten wie Kurland, Ceres oder Urbino mit Figuren, Vasen und Accessoires um die Wette. Für Markus Roes­siger, Leiter der KPM-Verkaufsgalerien in Berlin, gehört es zu den spannendsten Momenten seines Berufes, wenn sich Paare eines der hochpreisigen Services zulegen. „Mit KPM geht es ab Mitte 30 los. Vorher war Ikea“, weiß er. „Wer sich einmal ein Service angeschafft hat, kommt über die Jahre wieder.“ Nicht nur, um Aufzustocken. Falls etwas zu Bruch geht, gibt es eine Nachkaufgarantie. Den Klassiker Kurland gibt es seit über 220 Jahren.

11.58 Saskia Pehl mischt sich in der neuen KPM-Mitmach-Manufaktur unter die Workshop-Teilnehmer. Die bemalen unter Anleitung Teller mit floralen Dekors. „Hier kann man etwa erfahren, wie es ist, mit dem Rohmaterial Porzellan zu arbeiten, das wesentlich anspruchsvoller ist als Ton“, betont die „Manufaktur-Fee“. Sie organisiert auch Führungen und die hauseigene Ausstellung für Besucher, den historischen Gang. Dort wird KPM-Geschichte erzählt. Von der Gründung durch Friedrich den Großen am 19. September 1763 bis heute.

Vom Hubel zur Tasse

13.06 Timm Langhoff sitzt an der Drehscheibe. Vor ihm ein Vorrohling, Hubel genannt. Der wird langsam in eine Gipsform eingedreht, damit die Luft peu à peu entweichen kann. „In der Gipsform befindet sich ein Negativ für das Relief, das oben an der Tasse zu sehen ist“, erklärt der gelernte Industriekeramiker. Damit das Porzellan bei allen Tassen gleich dünn ist, verwendet Langhoff eine Schablone im Inneren der Gipsform. Die Henkel muss Timm Langhoff später ansetzen. Denn die Tasse kann der Form erst nach gut vier Stunden entnommen werden, ohne das Relief zu beschädigen.

15.45 Ein Farbkreuz auf einem Teller, Aquarellstudien und kleine Plättchen mit gebrannten Arbeitsproben liegen überall im großen Arbeitsraum der Azubis. Sebastian Haesler und Vera Wesolowski sitzen im vierten Lehrjahr an ihrem ersten richtigen Auftrag. Kurland 26 mit Goldrand und grünem Fond. „Nach dem Einstreichen des Fonds kommt Lavendelöl dazu, um die Farbe auseinanderzutreiben, damit man die Pinselstreiche nicht mehr sieht“, sagt Vera Wesolowski. Die Ausbildung zum Porzellanmaler dauert dreieinhalb Jahre. „Man wird langsam an Landschafts-, Figuren- und Blumenmalerei herangeführt. Im Laufe der Zeit bekommt man dabei eine ruhige Hand“, erzählt Sebastian Haesler. Die hauchzarten kalligrafischen Studien hinter ihm sind beredter Beweis.

16.32 Leise Jazzmusik läuft im Hintergrund, während Susette Wüst Espresso und Cappuccino serviert. Die Chefin des KPM Cafés ist eine Barista. „Bei uns sind alle Kaffees auf Espressobasis, perfekt abgestimmt auf die jeweilige Tasse“, sagt sie. Bei Kaffee und Kuchen kann man im gediegen-modernen Café das Porzellan ausprobieren und sich dabei richtig königlich fühlen. Alles wird auf KPM-Geschirr serviert – und das hat seinen Preis: die Milchkaffeetasse allein kostet 119 Euro, die für einen normalen Kaffee 78 Euro. Nur echt mit dem Firmensignet, dem berühmten kobaltblauen Zepter aus dem kurbrandenburgischen Wappen, mit dem jedes Stück versehen wird.

Zeitreise in die Zeit großer Tafelgeschirre

17.29 Glitzernde Kronleuchter, prachtvolles Porzellan in klassizistischem Ambiente. Der Boccherini-Saal ist Teil der Gesamtausstellung von KPM und wurde 2007 eröffnet. Er versetzt die Besucher in die Zeit großer königlicher Tafelgeschirre zurück. Nur eine von insgesamt sieben Eventflächen, für die Katrin „Kati“ Schneider verantwortlich ist. Sie organisiert alle Events im Haus. Wie das beliebte Sommerfest im Hof, das allen Interessierten offensteht. Aber auch Tagungen, Dinner, Konferenzen oder Partys. Im Boccherini-Saal geht es meist besonders festlich zu. Hier dinierte bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping.

18.17 Kurz vor Feierabend. Geschäftsführer Bernd Lietke hat einen ereignisreichen Tag hinter sich. Als Erstes ein Rundgang in der Produktion, um Guten Morgen zu sagen. Dann sein tägliches Treffen mit KPM-Eigentümer Jörg Woltmann. Bei der Besprechung trinkt Woltmann seinen Tee aus einer Tasse Kurland Royal Noir mit üppigem Dekor, Lietke aus Urbino Weiß mit klarer, reduzierter Linie. Zwei Generationen, zwei Designs. Tradition und Moderne. Für Lietke ist KPM ein Stück Berlin, ein Stück Kultur. Er führt die Manufaktur in die Neuzeit, setzt dabei auf traditionelles Handwerk. Sein Credo in puncto Porzellan: „Raus aus dem Schrank, rein ins Leben.“ So hat KPM unter seiner Ägide einen Mörser und eine Currywurst-Schale herausgebracht.