Berlins Chemiker tüfteln im Labor an neuen Verfahren und wollen mit ihren Produkten den Sprung in die Wirtschaft schaffen. Die Produktion soll die Umwelt mehr schonen. Von Joachim Fahrun Die ersten haben es schon wieder herausgeschafft aus dem Container. „SMarterials“ nennt sich das junge Unternehmen, dem die aufgebockten Laborräume hinter dem sanierungsbedürftigen Chemiegebäude an der Technischen Universität (TU) zu klein geworden sind. Die Jungunternehmer haben spezielle chirurgische Handschuhe erfunden. Deren Material verbindet sich selbstständig wieder, wenn ein Arzt bei der Operation mit dem Skalpell abrutscht und den Kunststoff zerschneidet. Von dem provisorischen Labor an der TU, das die Industrie- und Handelskammer (IHK) bis 2019 finanziert, sind die Entwickler des smarten Kunststoffs in ein ordentliches Gründerzentrum im Technologiepark Adlershof gezogen und wollen wachsen. „Das wird laufen“, ist sich Matthias Drieß sicher. Der Sprecher des Exzellenzclusters UniCat hat großes Interesse daran, dass Chemiker und Materialwissenschaftler aus dem TU-Umfeld mit eigenen Unternehmen den Sprung in die Wirtschaft schaffen. Der Professor weiß, dass für die Fortsetzung der Exzellenzförderung nicht unerheblich ist, dass Ideen auch zu Produkten ausgebaut werden können.

Containerlabor als Testlauf für ein Gründerzentrum

Das Containerlabor auf dem Campus ist der Testlauf für Größeres: Der Wissenschaftler würde am liebsten noch in diesem Jahr den ersten Spatenstich setzen für Berlins erstes Gründerzen­trum für Chemiker. Die sollen sich dort speziell um grüne Chemie kümmern, die herkömmliche Rohstoffe durch umweltverträgliche ersetzt. „Wir haben der IHK zugesagt, sechs Start-ups aus dem Inkulab rauszubringen“, sagt Drieß’ Professorenkollege Reinhard Schomäcker. Eines hat man schon nach wenigen Monaten geschafft. Der Bedarf für die neuen Laborplätze, die Senat und TU für insgesamt etwas mehr als zehn Millionen Euro schaffen werden, ist groß. Allein im Exzellenzcluster UniCat, das sich seit zehn Jahren der Erforschung der Katalyse widmet, also der Beeinflussung chemischer Reaktionen mittels eines Katalysators, ist enorm. 30 Gruppen junger Wissenschaftler forschen am UniCat. Nicht wenige davon denken darüber nach, sich mit ihrer Idee selbstständig zu machen. Und auch Professor Drieß hat ein Verfahren erfunden, mit dem er schonend Medikamentenrückstände und andere schwierige Verschmutzungen aus Wasser herausholen kann. Es sei noch nicht ganz spruchreif, werde aber ein großes Ding. Die Chemiebranche, die lange Jahre eher behäbig an ihren Verfahren und Prozessen festgehalten hat, scheint in Aufruhr. Gründergeist hat die Fakultäten erfasst. Darauf will die TU jetzt mit dem neuen Zentrum eingehen. Beim Treffen zum Thema „Weg vom Öl“ am Dienstag im Lichthof der TU sitzen zahlreiche Studierende im Publikum, darunter viele junge Frauen.

Gründer wollen ins Geschäft kommen

Sie beklatschen Sonja Jost. Die TU-Absolventin ist mit ihrer Firma DexLeChem eine der ersten Chemie-Gründerinnen und wirbt seit Jahren um mehr Unterstützung für Naturwissenschaftler beim Aufbau eigener Firmen. Sie hebt die Rolle der Jungunternehmen für die Innovation in der chemischen Industrie hervor. Sie könne mit Vorständen über Neuerungen reden, das sei innerhalb eines großen Konzerns fast unmöglich. Dennoch: „Industrie ist cool“, stellt Jost fest. „Start-ups haben ein hohes Erfindungspotenzial, das können sie in einem Unternehmen nicht vorhalten“, lobt Markus Steilemann, im Vorstand der Covestro AG für Innovationen zuständig. Seine Firma ist zwar jung, blickt aber auf 80 Jahre Geschichte zurück. Unter dem Kunstnamen hat Bayer 2015 seine Kunststoffproduktion ausgegliedert. Für Steilemann ist klar, dass die Branche umweltschädliche Stoffe bei der Kunststoffproduktion ersetzen und insgesamt weniger umweltschädlich werden muss. „Chemie ist Teil der Lösung, nicht des Problems“, wirbt der Manager.

Hochschule hat einen Preis ausgelobt

Tatsächlich denken Forscher und junge Gründer weltweit darüber nach, wie Ressourcen in der chemischen Produktion zu schonen sind. Covestro hatte in der TU einen Preis ausgelobt. Die 5000 Euro für den Sieger holte sich die LXP Group. Die Berliner Gründer sind TU-Absolventen, sie haben ihre Firma aber in Marienwerder (Landkreis Barnim) aufgebaut. Die Brandenburger seien offener als Berliner Stellen, wenn es um die Förderung von Technologie gehe, sagte Geschäftsführerin Katrin Streffer. Die Idee ist, mit speziellen Verfahren aus bisher nicht genutzter Biomasse, also Stroh oder Holzreste, zwei Stoffströme zu gewinnen. Entweder einen Zuckerstrom, der für die Herstellung chemischer Grundstoffe oder von Biokraftstoff zu verwenden ist. Oder Lignin, ein Stoff, aus dem unter anderem Lösungsmittel gemacht werden. Dass ihr Verfahren funktioniert, wollen sie bald in einer größeren Versuchsanlage nachweisen. Diese soll in diesem Jahr für einen einstelligen Millionenbetrag und Fördermitteln des Landes entstehen. Wenn es auch in größerem Stil klappt, werde es losgehen mit dem Geldverdienen, hofft die Gründerin.