Ein ungewöhnliches Bild in der Wilmersdorfer Seniorenstiftung am Heckerdamm: Acht Senioren besprühen eine Wand im Hof - als Gemeinschaftswerk ihre Graffiti-Workshops. Von Anja Meyer Zenaida Desaubris steht auf der Leiter, die an der Wand der Seniorenstiftung am Heckerdamm lehnt und hält eine Spraydose in der Hand. Hier noch ein bisschen blau, da noch vielleicht noch ein Strich - das bunte Naturlandschafts-Graffiti mit Blumen und Tieren ist bald fertig. Gesprayt hat Zenaida Desaubris es in dieser Woche mit sieben anderen Senioren, darunter auch zwei Freundinnen, die sie zur Teilnahme am Graffiti-Workshop überredet hatte.
Kurs in der BVV beschlossen
Denn Zenaida Desaubris' Freunde dachten erst an einen Aprilscherz, als die 57-Jährige sie fragte, ob sie nicht beim Graffitiworkshop für Senioren der Volkshochschule (VHS) City West mitmachen wollten. Aber nein: Der Kurs war kein Scherz, sondern ein Angebot, das im vergangenen Jahr auf einen Antrag der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beschlossen und organisiert wurde. In dieser Woche haben acht Senioren dann den Umgang mit der Sprühdose gelernt und einen anderen Zugang zu Street-Art bekommen.
Graffiti als Kunstform
"Graffiti gehört als Kunstform einfach zu Berlin und zu unserer heutigen Zeit dazu", sagt Zenaida Desaubris. "So wie die alten Meister sich im 15. Jahrhundert eben über Fresken ausdrückten." Wie sie betont, mache sie dabei einen großen Unterschied zwischen richtiger Straßenkunst und einfachen Schmierereien. Weil sie sich ohnehin schon lange für Street-Art interessiert, habe sie sich über das VHS-Angebot gefreut, mit dem sie diese Kunstform näher kennenlernen und ausprobieren konnte.

So ähnlich geht es auch Ute Kleinschmidt. Die 69 Jahre alte Charlottenburgerin hatte einen Flyer mit dem Angebot in ihrem Briefkasten entdeckt und sich sofort angemeldet. "Graffitis sind für mich eine tolle Möglichkeit, die Stadt bunter und lebhafter zu gestalten", sagt sie. Das Sprayen hatte sie sich jedoch deutlich einfacher vorgestellt. "Es ist gar nicht so leicht, den richtigen Druck zu finden und dann auch klare Linien zu ziehen."
Gesittet und diszipliniert
Wie Graffiti-Sprayen funktioniert, hat Till Grafe vom Künstlertrio Mister Tipps gezeigt. Er ist selbst Sprayer und gibt unter anderem Workshops für Jugendliche und an Schulen. "Der Kurs mit den Senioren hat großen Spaß gemacht und war sehr interessant für mich", sagt er. "Hier ging es mal viel gesitteter und disziplinierter von statten, als in den Schulen."

Um die Senioren so umfassend wie möglich in die Graffiti-Kunst einzuführen, traf Till Grafe sich mit ihnen zu Beginn der Woche im nahegelegenen Jugendclub. Dort zeigte er die verschiedenen Techniken, mit der Farbe aus der Dose kommt. Außerdem machte die Gruppe noch einen Ausflug in die Street-Art-Ausstellung in "The Haus". Dann ging es richtig los: Gemeinsam mussten die Senioren entscheiden, wie sie die Wand an der Seniorenstiftung gestalten wollten.
Senioren hatten Spaß
"Ich finde es klasse, dass wir das gemeinsam hinbekommen haben", sagt Teilnehmer Sebastian Schnitzer. Für ihn sei der Kurs hochinspirierend und auch witzig gewesen. Lachen musste er besonders über die Reaktionen der Bewohner der Seniorenstiftung. "Manche haben aus dem Fenster runtergeschrien, was das denn soll mit der Farbe auf der Wand", erzählt Sebastian Schnitzer. "Aber das, was draus geworden ist, können sie doch eigentlich nur toll finden."

