Die Schöneberger Kiez-Institution Café Bilderbuch ist insolvent - schließen soll sie aber trotzdem nicht. Wie Betreiberin Adelheid Gehringer das Café retten will. Von Anja Meyer Adelheid Gehringer und Melanie Grüneberg sind zuversichtlich, dass sie das alles wieder hinkriegen mit ihrem Café Bilderbuch. Denn das, was derzeit im Akazienkiez gemunkelt wird, stimmt: Das CaBiBu, wie die Kiez-Institution von Personal und Gästen gern abgekürzt wird, schreibt rote Zahlen. Seit Mitte Februar ist es deshalb im Insolvenzverfahren. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass das beliebte Schöneberger Café schließen muss und wird. Wenn alles so klappt wie geplant, sollte die Krise in den kommenden drei Monaten überstanden sein.
Betreiberin ist optimistisch
„Wir sind guter Dinge“, sagt Adelheid Gehringer, die das Café Bilderbuch vor 20 Jahren gründete und seitdem führt. „Schließlich haben wir ein tolles Team und halten alle zusammen.“ Eventmanagerin Melanie Grüneberg nickt und stimmt entschlossen zu. Beide sitzen an einem Tisch in der Beletage im ersten Stock und berichten über die Situation des Cafés. Stundenlang haben sie sich hier die Köpfe darüber zermartert, wie sie wieder aus den roten Zahlen herauskommen. Seitdem sich ein Insolvenzverwalter um das Bilderbuch kümmert, sehe alles gar nicht mehr ganz so schlimm aus. Adelheid Gehringer und Melanie Grüneberg wissen, dass sie auch gar keine andere Wahl haben, als es zu schaffen. „Schöneberg ohne Bilderbuch, das geht ja gar nicht“, sagen laut Adelheid Gehringer auch alle Gäste.

Das Café Bilderbuch ist Zeit seines Bestehens ein Publikumsmagnet, ein Familiencafé für alle Generationen. Stammgäste aus dem Kiez, aus anderen Bezirken oder Touristen kommen gerne zum Frühstücken, Brunchen oder auf einen Kuchen ins Bilderbuch. Vor allem dann, wenn es draußen stürmt und schneit, ist Bilderbuch-Wetter, wie Adelheid Gehringer es nennt. Dann entspannen die Gäste stundenlang in gemütlichen Sesseln und auf Sofas, schmökern dazu in Tageszeitungen oder Büchern, machen Hausaufgaben oder schreiben Doktorarbeiten. Das Bilderbuch ist in den Medien immer wieder als das größte Wohnzimmer Berlins bezeichnet worden.
Konzept: Wohnzimmeratmosphäre
Von außen betrachtet begann alles wie eine Erfolgsgeschichte: Als Adelheid Gehringer sich nach mehr als 30 Jahren als Sekretärin entschied, noch etwas anderes mit ihrem Leben zu machen, dachte sie erst an einen kleinen Zeitungsladen, in dem sie Kurzgeschichten schreiben kann. Dann entdeckte sie die Räume in der Akazienstraße, ein ehemaliger Papiergroßhandel. Sie war sofort angetan, hatte wenige Stunden nach der Besichtigung das Konzept im Kopf: Kaffee, Kuchen, kleine Speisen, Kunst und Literatur. Das alles in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre. Und weil Adelheid Gehringer schon immer gerne auf Trödelmärkten unterwegs war, suchte sie dort kurze Zeit später die Inneneinrichtung zusammen. Statt Kurzgeschichten gibt die Inhaberin das „Akazienblatt“, eine Mischung aus Speisekarte, Programm und Stadtteilzeitung heraus. Außerdem hat sie im Laufe der Jahre zwei Schöneberg-Krimis geschrieben.
Bilderbuch im Oktober 1997 eröffnet
Seit der Eröffnung am 6. Oktober 1997 war der Laden ständig voll. Medien stürzten sich auf das Konzept. „Damals waren wir das einzige Berliner Café mit Sofas und Sesseln vom Trödelmarkt, das kam gut an“, erklärt Adelheid Gehringer das damalige Alleinstellungsmerkmal des Café Bilderbuch. „Heute gibt es solche Einrichtungskonzepte in Berlin ja in vielen Cafés.“ Das besondere am CaBiBu: Von Anfang an war es ein generationsübergreifendes Familiencafé. „Bei uns fühlt sich die 84-Jährige Großmutter genauso wohl, wie der 19-jährige Student.“ So gut wie das Bilderbuch immer besucht ist, könnte man meinen, es sei eine Gelddruckmaschine.

Einen großen Gewinn erwirtschaftete Adelheid Gehringer jedoch nie. „Es kommt zwar immer viel Geld rein, aber es geht auch viel wieder raus“, erzählt sie. Dennoch konnte sie die Rechnungen jahrelang gut begleichen, knapp war es jedoch schon immer. 2014 eskalierte die Situation. Melanie Grüneberg erinnert sich an die Spirale, die in die Insolvenz führte: „Es fing damit an, dass sich eine Köchin selbstständig machte und wir händeringend auf der Suche nach neuem Personal waren“, erzählt sie. Zeitgleich seien zwei Festangestellte schwanger und zwei andere langzeitkrank geworden. Die fehlenden Mitarbeiter mussten weiter bezahlt und zusätzliches Personal eingestellt werden. Die Personalkosten wuchsen.
Kosten explodierten
Gleichzeitig stiegen auch andere Kosten: Nachdem das Haus vor fünf Jahren von einem österreichischen Investor gekauft wurde, gibt es einen Staffelmietvertrag mit vier Prozent Mietsteigerung pro Jahr, Lebensmittel werden teurer und ständig muss wegen behördlicher Auflagen investiert werden. Hier ein Fettabscheider für 13.000 Euro, da ein Gitter im Hof für mehrere tausend Euro. „Die Kosten sind so sehr explodiert, dass sich das Insolvenzverfahren nicht mehr vermeiden ließ“, sagt Adelheid Gehringer. Die Lösung, um zeitnah aus der Krise herauszukommen: Zuallererst arbeiten Adelheid Gehringer und Melanie Grünberg mehr als zuvor, stehen an den Wochenenden selbst hinter dem Tresen und schauen, ob sie ihre Waren nicht günstiger einkaufen können. „Langfristig werden wir nicht darum herumkommen, die Preise leicht zu erhöhen“, sagt Adelheid Gehringer. Auch wenn sie jetzt schon weiß, dass das bei den Gästen nicht gut ankommt. "Zum Jubiläumsfest im Oktober wollen wir in den schwarzen Zahlen sein."
Information
Café Bilderbuch, Akazienstraße 28, 10823 Berlin-Schöneberg.

