Die alternativen Jugendzentren Potse und Drugstore im Schöneberger Norden sind ein Freiraum für junge Menschen. Zum Jahresende läuft ihr Mietvertrag aus. Von Anja Meyer Selbst wenn Steph, Lars, Paul, Jana, Yannek, Patrick, Luzie und die anderen aus den beiden Kollektiven von Potse und Drugstore gar nicht ständig darüber reden wollen, es mache ja nur schlechte Laune, irgendwann kommt das leidige Thema mit dem Mietvertrag sowieso wieder hoch. An diesem Dienstagabend spricht Lars es unbewusst an. In dem Moment, in dem es um die Bandfinanzierung für das jährliche Festival im September geht.
Drugstore vor 45 Jahren gegründet
„Dieses Jahr sollten wir ein bisschen mehr Geld für Bands in die Hand nehmen, Drugstore feiert ja schließlich sein 45-jähriges Bestehen“, sagt Lars vom Drugstore-Kollektiv. Während des dreitägigen Punkfestivals spielen jährlich zwischen 30 und 50 Bands aus ganz Europa im Jugendzentrum, die Kollektive finanzieren ihre Anreise und Unterkunft. Um die 1000 Besucher kommen bei freiem Eintritt auf der mehr als 800 Quadratmeter großen Fläche vorbei. Lars hält kurz inne. „Vielleicht ist es das letzte Mal. So oder so: Es muss einfach legendär werden!“

Es ist Dienstagabend, die Kollektive beider Einrichtungen halten ihr gemeinsames, wöchentliches Plenum ab. Sie sitzen im Kreis aus abgewetzten Sofas und Sesseln. Um sie herum bemalte und beklebte Möbel, Graffiti und Bilder an den Wänden. Ein paar von ihnen trinken Bier oder Cola aus der Flasche. Nachnamen spielen hier keine Rolle, ebenso wenig wie das Alter und wie lange jemand schon dabei ist. Wichtig ist nur, wer was zu sagen hat. Und dass er kein Idiot ist, wie Paul es nennt. Er meint damit intolerante Menschen, mit homophoben, sexistischen oder rassistischen Einstellungen. Die dürfen nicht rein, ansonsten ist jeder willkommen. Vorschläge werden im komplett selbstverwalteten Jugendzentrum ausdiskutiert und im Konsens beschlossen. Seit den Siebzigern.
Mietverträge gekündigt
Das letzte Mal also, das letzte Potse- und Drugstore-Festival im September? Es klingt wie eine Drohung, lange schon steht sie im Raum, wurde immer wieder verschoben, jetzt wird es langsam eng. Der im Ausland sitzende Eigentümer des Hauses an der Potsdamer Straße 180 hat den darin beheimateten Jugendzentren Drugstore und Potse zum Jahresende die Mietverträge gekündigt. Es ist nicht das erste Mal, dass die Jugendklubs um ihre Existenz bangen. Schon öfter stand die Befürchtung im Raum, bald aus ausziehen zu müssen, bislang konnte sie immer abgewendet werden. Dieses Mal sieht es anders aus. Ernster als sonst.
Freiraum für Subkulturen
Denn die beiden Läden sind vor allem für jugendliche Subkulturen aus ganz Berlin ein wichtiger Anlaufpunkt. Junge Bands können sich hier austoben. „Von Proben über Konzerte bis zur Aufnahme einer CD und dem Drucken von T-Shirts in der Siebdruckwerkstatt kann man hier alles machen“, erzählt Patrick. Er ist seit 2003 im Drugstore. „Hier konnte ich Tontechnik von Grund auf lernen“, erzählt er. Jetzt bringt er es anderen bei. Neben Konzerten und Liederabenden gibt es regelmäßig Lesungen, Flamenco-Tänze, Kino oder Spieleabende.

Potse und Drugstore sind fest im Schöneberger Norden verwurzelt. 1972 gründeten Jugendliche in leer stehenden Räumen des Bezirks den Drugstore als Ort für alternative pädagogische Konzepte. Die Jugendbehörde unterstützte das Projekt, immerhin leisteten die Akteure einen wichtigen Beitrag zur bezirklichen Jugendarbeit. Anfang der 80er kam die Potse auf der gegenüberliegenden Seite der Etage hinzu. 1987 kaufte die BVG dann das Haus, das Bezirksamt zahlt seither Miete für seine ehemaligen Räume, nach mehreren Mieterhöhungen sind es aktuell 200.000 Euro im Jahr für Potse und Drugstore zusammen.
Strukturen über Jahrzehnte geblieben
Patrick und Paul kennen viele Geschichten aus der wilden Anfangszeit. Wie die damalige Punkband „Soilent Grün“ - Vorgänger der Band „Die Ärzte“ im Drugstore spielte. Wie „Ton Steine Scherben“ hier feierten oder wie Dr. Motte vorbeikam. Auch heute noch schauen immer wieder mal Leute vorbei, die ihre Jugend hier verbracht haben und erzählen alte Geschichten. „Für viele ist das ein Ort der Nostalgie“, sagt Paul. „In den Strukturen hat sich über Jahrzehnte nichts verändert.“ Beide Läden seien schon immer etwas ganz besonderes in der Berliner Szene gewesen.
Bezirk in Verhandlungen
Das sieht man auch im Bezirk so. Wie Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) erklärt, gebe es längst keine Diskussion mehr darüber, ob man Potse und Drugstore halten möchte oder nicht. „Das war früher eine klassische Diskussion zwischen CDU und SPD“, sagt sie. „Heute stehen alle dahinter.“ Doch der neue Eientümer verlange so hohe Mieten, dass sie aus dem Etat für die Jugendarbeit nicht zu stemmen seien. Derzeit scheint es einen kleinen Lichtblick zu geben. Laut Stadtrat Oliver Schworck (SPD) gebe es aktuell neue Verhandlungen. Er sieht das als gutes Zeichen. „Immerhin redet der Eigentümer mit uns“, sagt er. „Das war lange Zeit nicht der Fall.“ Schworck warnt jedoch davor, das als zu positiv zu werten. „Es ist schwer, den Eigentümer zu erreichen, er kann die Verhandlungen jederzeit wieder beenden.“ Wie hoch die geforderte Miete sei, wolle er nicht sagen. Parallel zu den Gesprächen mit dem Eigentümer suche die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) nach alternativen Standorten im Bezirk.

Für die Mitglieder der Kollektive ist die Ungewissheit zermürbend. „Zu wissen, dass alles an aktuellen Projekten nächstes Jahr womöglich vorbei ist, nimmt uns Motivation und Kraft“, sagt Patrick. Trotzdem kämpfen die Kollektive weiter, sie verbindet viel mit den Jugendzentren. So erzählt Patrick, dass er sein Selbstbewusstsein hier erlangt hat. „Früher war ich sehr unsicher und konnte nicht vor anderen Menschen sprechen“, sagt er. Das habe sich erst im Kollektiv geändert, in dem er lernte, zu diskutieren, zu argumentieren und auch mal zurückzustecken. Patrick weiß: „Ohne den Drugstore wäre ich nicht der, der ich heute bin.“ Und er ist sich sicher, dass es vielen so geht.

